Verstehen

Grindwaljagd und Identität

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Färöer. Für mich ist es ein Paradies. Für einige meiner Freunde, der Vorhof der Hölle. Hier werden Grindwale geschlachtet. Blutig. Offen. Unter freiem Himmel. Für alle sichtbar. 

 

Ich lausche den Worten unseres Busfahrers, der aus tiefstem Herzen und vollkommener Überzeugung von seiner Sicht der Geschichte erzählt. Für ihn sind die Wale Identität, Überleben, Dankbarkeit und Liebe zugleich. Ohne sie hätte es niemals ein Besiedeln dieser Inseln geben können. Sie haben die Menschen vorm Hungertod bewahrt. Hunderte. Tausende Male. Er spricht mit Respekt. Mit Achtung. Erzählt von den Methoden des Tötens für das Leben. Von den strengen und klaren Regeln, die hier gelten. Den Regeln der Vernichtung. Den Regeln der Verteilung. Den Menschen, die perfekt geschult sein müssen, um die Wale in die richtigen Buchten treiben zu können. Die Menschen, die mit einem Stich ihres Messers ein Sein beenden. In Sekunden. Er vergleicht diese Jagd mit den Schlachthäusern. Und aus dieser Perspektive gesehen, hat er vollkommen recht. Das hier ist human im Vergleich zu allem, was in jedem x-beliebigen Schlachthof dieser Welt geschieht. Nur - wir verstecken es hinter geschlossenen Türen und haben uns vollkommen abgetrennt von dem Geschehen, wenn wir sauber plastikverschweisste Schweinekottlets kaufen. 

 

Nun, meine Freunde sind Vegetarier. Sie denken anders. Ich bin es auch - meistens. Aber ich lebe nicht mehr in festen Regeln, egal in welcher Richtung. Ich kann verstehen. Ich kann mitfühlen. Und ich verstehe, das hier auf diesen Inseln das Leben immer mit dem der Wale verbunden war. Dieses Band lässt sich weder von heute auf morgen und schon gar nicht von irgendwelchen besserwissenden Außenstehenden zerschneiden. Wale sind hier ein Teil der Identität. Nein, sie sind die Identität. Untrennbar. Unlösbar. Bis ein Wandel von innen heraus geschieht. Doch das braucht Zeit. Es braucht eine echte Alternative. Und es braucht die Möglichkeit, sie mit diesem neuen Sein wirklich zu verbinden. Da kann es noch soviele Boykotte geben. Da können noch so viele totenkopfgeschmückte Schiffe hier herumfahren. Sie werden nichts ausrichten. Sie bewirken nur, das sich die Fähringer mißverstanden fühlen und noch viel, viel stärker auf ihren alten Lebensregeln beharren. Regeln, die sie haben leben lassen. Auf kleinen Felsflecken mitten im Atlantik. Dort, wo die meisten der Protestierer nicht mal ein Jahr hätten überleben können.... 

 

Bin ich deswegen ein Mörder? Bin ich ein Befürworter von Mord? Liebe ich Blut und Metzelei und finde ich deswegen Massenschlachtungen super? Nein. Ich wünsche sie mir nicht. Ich esse kein Walfleisch - es sei denn, es gibt nichts Anderes, so wie in Grönland - und ich mag auch kein Schwein. Ich brauche keine Sighseeing-Tour in eine Grindwalschlachtbucht. Aber ich schließe mein Herz nicht, weil jemand einer anderen Wahrheit als meiner eigenen folgt. Ich stelle meine Meinung nicht über die eines Anderen. Ich weiß es nicht besser. Ich bin nur anders. Das ist alles. Ich halte damit nicht hinterm Berg, aber ich bekehre auch nicht. Ich bin es einfach. Soll der andere damit machen, was er will. Und - ich höre zu. Weil ich wissen will, wer da vor mir steht. 

 

Ich glaube, das es nicht mehr braucht, auch wenn mir der Rest der Welt etwas anderes erzählen will. Nur, wohin hat das unsere Welt geführt?

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