Eisbärenseelen

Begegnungen zwischen Vergangenheit & Zukunft

Fotos: Heike Würpel

Es ist ein wunderbarer Abend, fast Nacht. Ich sitze auf einer Anhöhe über dem Sermilik-Fjord, ca. eine Stunde Bootsfahrt von der nächsten kleinen Jägersiedlung entfernt und schaue auf die Eisberge, die vor mir tanzen. Das Licht ist ein Traum, das Abendrot küsst den Schnee für die Nacht und ich versinke in tiefe Meditation.

 

Die Eisbärenmutter singt in mir. Seelenkontakt. Verstehen. Fühlen. Wohliges Wiedererkennen. Es ist ein Nach-Hause-Kommen. Zurück zu der Indianerin, der Schamanin, die ich war und immer noch bin. Zu der Jägerin, die wieder aufgewacht ist, nach einem langen, langen Winterschlaf. Das Gewehr auf dem Rücken, das Schießtraining mit Viggo; die Präsenz der Waffe, die ich bei jeder Wanderung bei mir trage. Das Gefühl, alle Sinne endlich wieder zu brauchen und benutzen zu können. Alles ist geschärft. Geruch, Gehör, Augen und alles jenseits des Sichtbaren. Es ist wundervoll, so ein lebendiger und sich selbst fordernder, ausschöpfender Teil des Ganzen um mich herum zu sein. 

 

Ich bin willkommen. Kuschle mich ins weiche Fell und sinke in tiefsten Frieden. Willkommen zurück. Willkommen zu Hause, in deiner Welt. Wir schauen uns in die Augen - sie und ich. Keine Grenze, nur Erkennen. Eine Seele. Ein Wesen. Zwei wundervolle Gestalten. 

 

Würde ich die Waffe jemals gegen sie benutzen? Nein. Es wird nie nötig sein. Warum sollte ich auf mich selbst schießen müssen? Eine Gewissheit, geboren tief in mir. Da ist keinerlei Angst, nur Klarheit. 

 

Diese Waffe ist nicht für mich. Sie ist für meine Gäste da. Sie ist für die Welt da "draußen" wichtig. Aber das hier ist ein ganz anderer Zugang. Wie eine offene Tür. 

 

Einen Tag später - der Test. Wir wollen gerade mit unserer Wanderung starten, als wir auf Bärenspuren treffen. Es stellt sich heraus, das ein ausgewachsenes Männchen nur ca. 10 Minuten von unserem Camp entlang spaziert. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er auch vergangene Nacht nicht weit.

 

Meine Gruppe pendelt zwischen Abgebrühtheit und blanker Panik hin und her. So verschieden, wie die Menschen, sind die Reaktionen. Ich muss darum kämpfen, ich selbst zu bleiben. Ich spüre meine eigene Ruhe und Gelassenheit unter all dem Chaos, den Ängsten und den Erwartungen der Anderen. Wie ein Beobachter, der letztlich nur einem Theaterstück folgt und damit nichts zu tun hat.

 

Ich möchte der Spur zu folgen. Ich möchte näher kommen. Ich bin neugierig. Ich will Kontakt. Ich möchte den Bären sehen, ihm zuschauen, ihn fühlen. In mir weiß jede Zelle, das nichts geschehen wird. Das Ganze kollidiert vollkommen mit den Bedürfnissen der Menschen um mich herum. Und ist für mich gerade deswegen eine Offenbarung. 

 

Im Erleben, wie grundlegend anders, ich innerlich reagiere, erkenne ich mich selbst. Losgelöst und Lichtjahre entfernt von meiner nächsten Umgebung. Dieser Prozess vertieft sich schon seit Monaten. Die Stürme um mich herum nehmen zu, aber ich bleibe immer mehr ich selbst. Voller Vertrauen und Klarheit. 

 

Danke an alle, die mir dieses Geschenk gemacht haben. Danke dem Eisbären und meiner Gruppe. Und vor allem, danke dir Grönland!

 

 

 

 

Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Marco Schlüter / pixelio.de
Foto: Peter / pixelio.de
Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Herbert Raschke / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rolf Handke / pixelio.de
Foto: Susanne Richter / pixelio.de
Foto: roja48 / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Rudis-Fotoseite.de / pixelio.de
Foto: Peter A / pixelio.de
Foto: Carolin Daum / pixelio.de
Foto: Thomas Wiesendahl / pixelio.de
Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de
Foto: H.D. Volz - pixelio.de
Foto: hum / pixelio.de
Foto: Maren Beßler - pixelio.de
Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de
Foto: Alexander Altmann / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de