Bei den Menschen

Die Ivi und ihre Gäste

Fotos: Heike Würpel

Für mich ist nicht nur diese grandiose Natur faszinierend - die Menschen sind es genauso. Sowohl diejenigen, die hier von Geburt an zu Hause sind als auch diejenigen, die diese Welt zu ihrer temporären oder endgültigen Heimat auserkoren haben. 

 

Die Ivi (nicht Inuit - so nennen sich nur die westlichen Grönlander) haben das zweifelhafte Vergnügen innerhalb von knapp 130 Jahren von der Steinzeit in die moderne Welt katapultiert worden zu sein. Bis dahin schützte sie zur Seeseite der Treibeisgürtel, der die gesamte östliche Küste abschirmt und den kaum ein Schiff passieren kann und auf der Landseite das massive Inlandeis. Sie lebten in Erdhäusern in einem Land, das die größte Zeit des Jahres unwirtlich ist. Stürme von 300 km/h sind keine Seltenheit. Haushoher Schnee ebensowenig. Dazu kommt das fehlende Licht im Winter. Zusammen in einem Raum, während es nicht möglich ist, draußen zu sein.

 

Wie lässt sich das aushalten? Das geht nur mit den sanftesten Menschen, die diese Erde je hervorgebracht hat. Mit Menschen, die ihre Konflikte mit Lachen lösen. Menschen, die jeden anlächeln. Menschen, die niemals Kriege geführt haben. Kriege sind "Luxus", den man sich nur erlauben kann, wenn man nicht auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist. Es sind auch Menschen, die niemals gelernt haben, ihre Gefühle auszudrücken. Die nicht einmal Worte dafür haben, was sie bewegt. Es ist eine so andere Kultur und Art miteinander umzugehen, das das Verstehen schwierig ist. Hier ist der Gast derjenige, der lernen muss ohne zu urteilen. Und Urteile werden schnell gefällt. Viel zu schnell. 

 

Davon kann Robert Peroni ein Lied singen. Er ist vor über 40 Jahren hierhergekommen und beschloss zu bleiben. Bis dahin waren Expeditionen, Extrembergesteigen und die Jagd nach Rekorden seine Welt. Die Ivi haben ihm eine andere gezeigt. Eine, die ihm mehr Sinn im Leben geschenkt hat, als es unsere westliche Denkweise jemals könnte. Er einer der faszinierendsten Menschen, die mir je begegnet sind. Nicht nur weil seine Geschichten tief in die Seele der Menschen hier blicken lassen. Nicht nur, weil er mit seinen 74 Jahren und dem bunten Lebenslauf jede Menge lebenserfahrene Weisheit verströmt.

Nein, vor allem wegen seines Lächelns. Wegen seiner stillen, zufriedenen, unbekümmerten Glückseeligkeit. Wegen der Art, wie er mit den Ivi umgeht. Seiner Achtung vor ihrem Anderssein. Und dieser unermüdlichen Standfestigkeit, die ihn stehen bleiben lässt, egal, wie heftig ihn das Leben hin und her schleudert oder welche Rückschläge es auch immer gibt. Sein Rotes Haus ist Treffpunkt für Ivi, Gästehaus und Kommunikations- und Organisationszentrale für Expeditionen, Trekkingtouren und Soloprojekte in Einem. 

 

Alles ist einfach hier. Einfach und zweckmäßig. Wer Luxus braucht, wird bei ihm nicht glücklich werden. Wer Authentizität, Herzlichkeit und einen tiefen Einblick in die Herzen der Menschen im Ort sucht, der wird reich beschenkt nach Hause zurückkehren. Falls er sich nicht sowieso rettungslos in diesen Platz verliebt. 

 

Und das trotz aller Probleme. Trotz eines enorm hohen Alkoholkonsums, der wegen des fehlenden Enzyms, das den Alkoholabbau steuert, bei den Einheimischen zu langer Benebelung und heftigsten Reaktionen führt. Gewalt ist öffentlich sichtbar. Vergewaltigungen untereinander sind fast normal. Und die Selbstmordrate ist astronomisch. Die gesamte Tradition, in der die Ivi bis vor Kurzem lebten ist spätestens seit der Anti-Robbenjagd-Kampagne von Greenpeace in sich zusammen gebrochen. Robben sind ihre Lebensgrundlage gewesen, die Jagd und der Verkauf der Felle ebenfalls. Es ist für uns vielleicht kaum nachvollziehbar, wie tief sie die Verachtung der ganzen Welt getroffen haben muss, die alle Robbenjäger auf's Schärfste verurteilte und jegliche Produkte mit einem Bann belegte. Nicht nur wirtschaftlich sondern vor allem psychisch. Ihr Stolz, ihr Selbstverständnis, alles lag von da ab in Trümmern. Natürlich war es nicht nur dieses eine Ereignis, aber es war das Wichtigste in einer langen Kette, die alle Völker dieser Erde im Kontakt mit "Eroberern" erlebt haben. Die Dänen wollten zwar helfen, aber was bewirkt Hilfe, die ohne das Verstehen einer Kultur und Denkweise geschieht? Was bewirkt Hilfe, die Abhängige schafft, die von Sozialleistungen aus Dänemark leben? Was macht das mit ihrem Selbstbewußtsein? Was macht es mit ihrem Herzen und ihrer Seele? Katastrophe. 

 

Es sind nur insgesamt 3500 Menschen, die im Osten leben - mehr nicht. Sie haben eine eigene Sprache, die mit dem Westgrönländischen nicht viel zu tun hat. Es gibt so gut wie keine Bücher zu ihrer Geschichte, es gibt keinen Sprachführer und sämtliche Reiseführer widmen Ostgrönland nur Minikapitel.

 

Trotzdem hat es mittlerweile kleine Kreuzfahrtschiffe, die in Tasiilaq vor Anker gehen. Sie bringen Gäste, die einen kurzen Rundgang machen, mit Kameras vor sich hin knipsen und eigentlich gar nichts verstehen können in den wenigen Stunden. Es gibt auch ein von Dänen geführtes Hotel, das die Einheimischen als Menschen zweiter Klasse behandelt. Und es gibt den Wohlstandsmüllberg, der sofort grüsst, noch bevor die ersten Häuser auftauchen. Bunt durcheinander liegen dort Dinge, von denen man gar nicht so genau wissen möchte, was es ist. Fest steht nur, es ist alles Andere als gut. Der Müll wird in Zukunft wohl nach Dänemark verschifft, weil es sonst keine Möglichkeit gibt. Der Warennachschub jedoch bleibt. Der Supermarkt ist voll davon. 

 

Ja, es ist eine völlig andere Welt. Eine, die mich an die Geschichte der amerikanischen Indianer erinnert. So sehr, das es wehtut. Es ist eine Welt, die mich in ihren Bann gezogen hat. Voll und ganz. Mit ihren Menschen und ihrer unberührten Natur. Mit der Stille und dem Lächeln. Hier kann man nur überleben, wenn man alle Sinne einsetzt, alle Fertigkeiten hervorkramt und sein Herz weit, weit offen lässt. Es ist mein Paradies. Genau deswegen.

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