Im Bad der Extreme

Afrika pur und ungeschminkt

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Zum ersten Mal wieder in Afrika - nach zwanzig Jahren. Es ist Wiedererkennen, Liebe und Schock zugleich. Es beginnt mit Hitze, hautengem Gedränge, stickiger Luft in einem kleinen Raum und endlos langsamen Zollbeamten, die die Einreise zu einem stundenlangen Stehzeremoniell machen, bei dem ich vor Sauerstoffmangel fast bewußtlos werde. Draußen - Lärm. Aber gleichzeitig diese wundervollen blühenden Jacaranda-Bäume, die ich am liebsten alle einzeln umarmen würde. Dieses violett wirkt wie schwirrendes Licht aus einer anderen Welt. Unglaublich schön. Daran kann ich mich bis zum Schluss nicht sattsehen. 

 

Die Fahrten durch's Land erinnern mich in unabänderlicher Folge an die Zeit, in der auch wir noch überallhin gelaufen oder gearadelt sind. Jede Straße ist voller Fußgänger, die immer, immer, immer irgendetwas transportieren. Laufen aus Vergnügen? Das ist Luxus, den sich nur so spleenige Touristen wie wir leisten können. Was die Menschen wohl von uns denken, die wir in einem klimatisierten Bus durch's Land schaukeln, während sie, schwer beladen die Hügel auf klapprigen Rädern hochstrampeln? 

 

Ich habe oft das Gefühl, das Tourismus in dieser Form der Völkerverständigung eher im Wege steht, als wirkliche Gemeinsamkeiten fördert. Und das macht ein ungutes Gefühl. Das, eines Beobachters, Eindringlings und Schmarotzers. 

 

Malawi ist arm, eines der ärmsten Länder der Welt. Die Menschen kämpfen um ihr Überleben. In einem Staat, der eine Bevölkerungsexplosion erlebt, der er nichts entgegenzusetzen hat. Die Abholzung des Landes ist so augenscheinlich und enorm, das ich an einen Termitenhaufen erinnert werde, der eine grüne Oase in Nullkommanichts bis auf den braunen, trockenen Sand herunterfrisst. So wirkt es auch hier. Die schönsten Naturschätze - die Mulanje Berge, das Zomba Plateau - überall ist es das gleiche Bild. Gerodete, blanke Flächen, auf denen einst Urwälder wuchsen. Alle Bäume landen, vom Kopf der Frauen, die die Stämme in unglaublichen Mengen die Berge hinuntertragen, in den Herdfeuer der Häuser. Hier wird nur mit Holz gekocht, eine Tatsache, die den Menschen schon jetzt mehr als augenscheinlich um die Ohren fliegt. Selbst die heiligen Baobabs werden mittlerweile gerodet, um Holz zu bekommen. Aber auch von ihnen gibt es nicht mehr viele. Und dann? Keine Antwort. Gar keine. 

 

Das nächste Thema, der Malawi-See. Eine absolute Traumerscheinung auf einem trockenen Kontinent. Doch durch die vielen Abwässer wird auch hier das ganze Ökosystem gekippt. Mittlerweile ist es nicht mehr sicher, hier zu schwimmen. Die Gefahr von Billharziose, die es in diesem blauen Juwel nie gab, sie ist angekommen. 

 

Die Orte - nun, sie fühlen sich an, wie wuselige, chaotische Alpträume. Irgendwie exotisch, ja, aber schön? Nein. Natürlich blitzt überall ein wenig kolonialer Charme durch. Doch, lässt sich Kolonalismus wirklich als Charme genießen? Es bleibt kaum eine andere Chance. Es sind tatsächlich die einzigen Gebäude, die so etwas wie Schönheit ausstrahlen, bei aller widersprüchlicher Geschichte und einhergehendem Magenkneifen. 

 

Genauso, wie die Teeplantagen. Sie sind traumhaft schön. Aber auch nur, wenn ich nicht in die Tiefe schaue. Nicht auf die Arbeitsbedingungen der Pflücker, nicht auf die Besitzverhältnisse und die Folgen für die lokale Bevölkerung. 

 

Malawi ist wie ganz Afrika - Widersprüche pur. Ich spüre die Anziehung, trotz allem. Eine Art tiefer Ruhe und Majestät eines ganzen, alten Kontinents. Einen ruhigen Herzschlag voller Energie und Lebensfreude. Friedlich und unglaublich lebendig. Ich sehe die vielen kleinen Oasen und Entwicklungen, die so ganz anders ablaufen, als in unseren europäischen Köpfen. Ich weiß, das Malawi seinen Weg finden wird. Es wird ein ganz eigener Weg sein, den wir mit unseren Vorstellungen höchstens flankieren sollten. Mehr nicht. Alles Andere ist nur neuer Kolonialismus. Und davon haben wir schon mehr als genug. 

 

Was mir auch in Erinnerung bleibt sind die Menschen. Eine Art von Abgeklärtheit und Schicksalsergebenheit, Fleiß und Überlebenswillen. Garniert mit einer Fröhlichkeit, die in dieser Umgebung ins Herz schneidet. Weil wir Besucher mindestens tausend materielle Gründe hätten, nur noch lachend und tanzend durch das Leben zu schwingen. Und hier stehen wir, etwas bedröppelt, steif und bleich, während um uns bunte Energie flirrt, wie ein fliegender Teppich. 

 

Was tun wir eigentlich hier? Warum machen wir Fotos, stolpern über Märkte, freunden uns mit Kindern an und schauen neugierig in Lehmhütten? Ich fühle mich wie ein Alien. Ich bin ein Alien. Das Gefühl werde ich bis zum Ende nicht mehr los. Auch das der Fremdheit nicht, unter der die Verbundenheit mit dem Land selbst pulsiert. Das Denken der Menschen - ich ahne es, verstehen, nein, verstehen tue ich es nicht. Es bleibt mir bei allem Ahnen fremd. Und, es lässt mich in der Position des Reichen Gebenden einzementiert, die mir verhasst ist. Nicht, weil ich nicht gern gebe. Aber ich bin nicht gern eine Art wandelnde Geldmelkmaschine, nur weil ich weiß bin und aus Europa komme. Nur, diese Rolle ist hier klar vergeben. So tickt nicht nur Malawie, so tickt Afrika. Und es fesselt damit auch die Nehmenden in die bequeme Position, des Versorgten, des Abhängigen. 

 

So funktioniert kein Wandel. Der kann nur aus den Menschen selbst entstehen. Zum ersten Mal bin ich höchst skeptisch, als ich wieder gehe. Ein Stück weit zerrissen. Beeindruckt und abgeschreckt, angezogen und abgestoßen zugleich. Liebe ich Malawi? Irgendwie schon. Ich liebe diese Erde, die rotbraunen Hütten, diese Menschen mit ihrem Lächeln im Gesicht, die Eleganz der Frauen. Aber möchte ich wirklich zurückkommen? Möchte ich wieder in dieses Wechselbad tauchen und kann ich mich dabei wohlfühlen? Bekomme ich das hin? Ich werde es testen. 

 

 

 

 

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