Der Sinn des Reisens

Schönheit vor unserer Haustür

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Warum reise ich? Warum arbeite ich in einer Branche, die Menschen für wenige Tag aus ihrem Alltag in ein fremdes Land verpflanzt - unter hohen Kosten, immensem Aufwand und mit schwerwiegenden ökologischen Konsequenzen? Warum unterstütze ich das? Was suche ich? Ich muss mich hinterfragen, ich muss alles hinterfragen, was ich bisher für selbstverständlich gehalten habe. Auch meine Arbeit. Dazu zwingt mich mein Gewissen. Es war nicht still in den letzten Jahren. Genau diese Frage ist immer wieder aufgeploppt, aber nie so rigoros und unerbittlich in mir bohrend, wie jetzt. Weil die Entwicklung im Tourismus in eine - für mich - absolut falsche Richtung geht. 

 

Ich glaube, das Reisen ist mehr und mehr zu einer Flucht entartet. Flucht vor einem erdrückenden Alltag, einer Arbeit, die mehr und mehr abverlangt, die Menschen ausbrennt und im normalen Leben keine Zeit mehr zum Leben lässt. Ich denke an die Pendlerzüge, in denen ich auch schon gesessen habe, an die leeren Gesichter am Montag, die Freude am Freitag, diesen Genuss des viel zu kurzen Wochenendes und erlebe das Gleiche beim Urlaub meiner Gäste. Der Alltag ist etwas geworden, dem wir entrinnen möchten. Und da dieser Alltag immer unerträglicher wird, müssen die Reisen ständig spektakulärer werden, um den entsprechenden Kick zu bekommen und genügsam wieder an den Schreibtisch zurück zu kehren, bis der nächste Urlaub kommt. 

 

Die Folgen sind immens. Die Zahl der Reisenden in einzelnen Ländern sprengt jeden Rahmen. Städte, Regionen, Naturschätze sind überlaufen. Es wird ständig schwieriger, die entsprechende Infrasturktur zu schaffen, um den Wellen an Reisenden gerecht werden zu können. Dabei geht es den Touristen in der Regel nicht mehr um's wirkliche "da sein". Es geht um Sensationen. Es geht um Fotos. Es geht darum, zu zeigen, was man erlebt hat. Je spektakulärer und ungewöhnlicher, umso besser. Es geht ums Mitreden können. Um's Angeben können mit den neuesten exotischen Zielen. Doch wo geht es um ein wirkliches Reisen? Wo geht es um eine echte Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Land. Wo geht es um's Fühlen. Wo geht es wirklich darum, etwas für das eigene Leben mit nach Hause zu nehmen und es dort zu integrieren?

 

Was ich erlebe - egal, wohin ich komme, ist eine immer stärker spürbare Oberflächligkeit und Achtlosigkeit bei den Besuchern der Länder. Ich sehe gedankenlos weggeworfene Papiertaschentücher mitten im Naturschutzgebiet auf La Réunion, ich schaue wild knipsenden Japanern und Chinesen an Island's Wasserfällen zu, ich lausche dem stetig wachsendem Geräuschpegel, den Gruppen verursachen, wenn sie unterwegs sind und der keinen Raum mehr für Zuhören hat. Geschweige denn für das Erleben der Stille. Ich sehe einen exponentiell wachsenden Verkehr. Egal ob es Flugzeuge, Busse, Bahnen, Autos, Fähren oder andere Fortbewegungsmittel sind. Jeder ist ständig irgendwohin unterwegs, ohne jemals anzukommen. Und es wird mehr und mehr und mehr. Jedes Jahr. Jeden Tag. 

 

Was mache ich inmitten dieser Entwicklung? 

 

Ich bin eigentlich unterwegs, weil ich die Schönheit dieser Erde fühlen möchte und diese Schönheit anderen Menschen nahe bringen will. Nicht, um sie ständig wieder dazu zu verlocken, in das Land zu kommen, sondern um die Schönheit vor ihrer Haustür wieder sehen zu können. Ich möchte ihnen zeigen, das es keinen Flug von 24 Stunden braucht, um das Gefühl von Freiheit, Vollkommenheit und Magie zu erleben, das Hochglanzwerbeprospekte mit dem Trekking in Neuseeland verbinden. 

Ich möchte selbst die Vielfalt der Menschen erfahren, von ihr lernen und das mit nach Hause nehmen, was ich von ihnen an Inspirationen erlebt habe. Sei es von ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihrer Sprache oder ihrem Essen. Ich möchte den Austausch, den echten, tiefen Austausch von Mensch zu Mensch. Kein Hetzen von Höhepunkt zu Höhepunkt. Kein Abhaken von "Must see's". 

 

Was ich nicht möchte, ist die Menschen abhängig machen. Weder die Gastgeber von den Touristen, noch die Gäste von den Reisen. Doch genau das geschieht im Moment. Ganze Länder, wie Island stürzen sich in die Abhängigkeit vom Tourismus, erhöhen ihre Preise und denken nicht daran, das das ganze Kartenhaus sehr schnell wieder einstürzen kann.

Und die Gäste? Sie wollen mehr. Immer mehr. Wer einmal eine tolle Reise erlebt hat, möchte es wieder. Und wieder. Und wieder. Ist die eine Tour am Ende angekommen, wird die Nächste gebucht. Es ist wie eine Droge. Aber ich möchte keine Junkies produzieren und keine Sucht unterstützen. An dem Punkt war ich schon einmal. Mit dem exakt gleichen Problem. 

 

Damals bin ich ausgestiegen und habe etwas komplett Anderes gemacht, um wieder an dieser Stelle zu landen. 

 

Und jetzt? Was mache ich jetzt? Wieder Aussteigen?

 

Diese Frage habe ich mir auch schon ein paarmal gestellt. Diesmal kommt noch das drängende Problem meiner ökologischen Verantwortung dazu. Fliegen? So wunderschön ich es finde, über den Wolken zu schweben - wie es geschieht, ist schleichender menschlicher Selbstmord und eigentlich für mich nicht zu rechtfertigen. Eine Fortbewegungsart zu erfinden, die unsere Schutzschicht zum Weltall zerstört, das kann man nur mit extrem viel Kurzsichtigkeit. 

Auf der anderen Seite liebe ich die Länder, in denen ich arbeite. Ich liebe die Menschen und ich freue mich darauf, mit und bei ihnen zu sein. In den meisten Fällen bleibt mir neben dem Fliegen keine Wahl. Und selbst wenn es die Fähre als Alternative gibt - deren ökologische Bilanz ist leider auch alles andere als blütenweiß. 

 

Was nun? Ich weiß es nicht. Da mich das Aussteigen von damals an den gleichen Punkt gebracht hat, kann das nicht die Lösung sein. Denn diese Entscheidung wäre - auf die gesamte Menschheit übertragen - ein kompletter Cut aller Beziehungen, jeden Austauschs und allen Lernens voneinander. Das kann nicht die Lösung sein.

Ist das Reisen an sich falsch? Nein. Was nicht stimmt, ist die Motivation. Reisen ist nicht zur Flucht da. Was nicht stimmt ist die Gedankenlosigkeit. Was nicht stimmt ist die Art des Reisens, die stetig nach dem Höher, Weiter, Mehr und Außergewöhnlicher greift. Was nicht stimmt, ist das Gefühl von innerem Mangel, mit dem wir uns in den Urlaub stürzen. Touristen scheinen mehr und mehr wie eine Masse von durstigen Wesen zu sein, die wie eine Tsunamiwelle über ein Land oder eine Region herfallen und es gleich Heuschrecken ausgelaugt zurücklassen.

 

Ist es möglich, das System von innen heraus zu verändern? Oder ist das Augenwischerei? Ist es möglich, die Menschen zu sensibilisieren? Ihnen klar zu machen, was sie da tun? Zu verändern und selbst ganz anders damit umzugehen? Von der Anreise bis zum Sein an den Orten? Ich glaube ich Augenblick, das dort mein Schlüssel liegt. 

 

Ich werde und muss wieder anders unterwegs sein. Mit Zeit. Mit Muße. Egal, was die Vorgaben meines Arbeitgebers mir erzählen wollen. Egal, ob ich dafür Geld bekomme oder nicht. Ich möchte wirklich dort sein. In diesen Ländern, die ich liebe. Mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele. Und das auf eine Art, die ich vor mir selbst vertreten kann. Ich steige aus, aus diesem Gehetze. Ich steige aus, aus dem mehr, ist mehr wert. Weil genau das Gegenteil stimmt. Es hat bereits angefangen. Und es wird weiter gehen. Konsequenter werden. Darüber werde ich erzählen. Das werde ich teilen. Und darüber hinaus werde ich meine Gäste weiter mit der Schönheit dieser Welt infizieren. Doch nicht, um sie weiter irgendwo außerhalb von ihrer eigenen Heimat nach Diamanten suchen zu lassen, die sie nur in sich selbst finden können. Sondern, um ihnen glänzende Augen zu bescheren, angesichts der Schönheit, die es in ihnen selbst und vor ihrer Haustür gibt. 

 

Bin ich damit mir selbst gegenüber ehrlich? Ich bin noch nicht ganz sicher. Vielleicht weiche ich dem Hauptproblem aus? Vielleicht sollte ich das Reisen ganz lassen? Vielleicht ist das der einzig wirklich verantwortliche Weg? Einige meiner Freunde würden wahrscheinlich genau so argumentieren. Und angesichts der drängenden Fragen des Klimawandels wäre es herrlich leicht, genau in diesen Chor einzustimmen. Aber löst das wirklich die Frage auf? 

 

Ist Reisen überflüssig? Nein, ich glaube es nicht. Aber ich möchte nicht in einem Atemzug finden und zerstören, was ich suche. Das funktioniert nicht. Und dazu muss ich einen Weg für mich finden. 

 

 

 

 

 

 

 

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