Beltane versus Christentum

Ein Ostern im Befreiungsprozess

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Am 19. April, war Beltane. Vollmond. 5. Vollmond nach der Wintersonnenwende. Das Fest der Liebe und Vereinigung von Männlich und Weiblich. Die Heilige Hochzeit der alten Kulturen. Unserer alten Kultur. Ein Fest, das immer in meinen Adern pulsierte, still, heimlich, irgendwo tief drinnen. Jetzt - mit dem Wieder-Erwachen der Frau, meiner Sexualität und Weiblichkeit ist es natürlich DAS Fest für mich. Es zieht mich magisch zu den Birken. Ich spüre die Energie des Mondes wie eine Welle in mir anschwellen und möchte nichts anderes als Lust feiern.

 

Nur - dieses Beltane fiel auf einen Karfreitag. Kreuzigung. Christus. Der höchste und am meisten zelebrierte Trauertag des Christentums schlechthin. 

 

Na, toll. Ein Mord über dem Fest des Lebens. Wehklagen, Weinen, Tod und in mir pulsiert das Leben. Wie bekomme ich das denn jetzt bitteschön in mir zusammen?

 

Mit diesem Dilemma komme ich ins ZEGG und werde bei diesem Oster-Tanz-Festival praktisch vom ersten Moment an damit konfrontiert. Denn auch im ZEGG, wirklich, auch im ZEGG folgt man dem kirchlichen Oster-Ritual als Leitlinie. Es ist nicht zu fassen.

 

In mir rebelliert praktisch alles. Den Karfreitag verbringe ich im tiefen Zwiespalt. Und am Abend bin ich so erschöpft und gleichzeitig mitten in einem heftigen Prozess mit meiner Vergangenheit gelandet, das ich den Vollmond zwar noch anschauen kann, aber dann ins Bett falle. In mir herrscht absolutes Chaos. 

 

Was ist da eigentlich los?

 

Am nächsten morgen tauchen endlich Bilder auf...

 

Pfarrer, schwarze Gestalten, die von der Kanzel auf mich herunterpredigen. Donnernd, erhobener Zeigefinger. Pfaffen, die mich mit der ganzen Macht ihrer Institution als Frau verurteilen. Weil ich Liebe lebe, weil ich meinen Körper und meine Sexualität liebe und weil ich mich weigere den Mann als meinen Herrn und Gebieter anzuerkennen Der Satz "Die Frau ist die Dienerin des Mannes taucht in mir auf. Sie soll an seiner Seite gehen, ihn unterstüzten und lieben." Nur, ich tue das nicht. Nicht damals, nicht heute.

 

Und genau dieser Konflikt drängt jetzt mich Macht an die Oberfläche und zerreisst mich fast. Ich huste mir die Seele aus dem Leib. Es ist das Gefühl von Gift, das sich überall in mir verteilt hat, das ich aufgenommen habe aus diesen Worten und Geboten von damals und zu meiner "Wahrheit" gemacht habe. Ein Gift, das jetzt heraus will. Bellender Husten, Tränen, Krämpfe, es schüttelt mich durch und durch. Gleichzeitig wird klarer, warum der Kampf in mir so heftig tobt.

 

Dieser Konflikt mit der Kirche, der in Schottland, in Edinburgh stattfand, brachte mich am Ende auf den Scheiterhaufen. Vor der Kathedrale von St. Giles. Der Pfarrer war John Knox... 

 

Ein Teil in mir will mich also schützen, ein anderer will endlich Freiheit. Kampf der Titanen mitten in meinen Zellen. Kein Wunder, das ich kaum noch aufrecht stehen kann. Aber in dem Moment, wo mir klar ist, was hier gerade geschieht, löst sich auch mein Widerstand gegen das Chaos auf und ich lasse einfach fließen, was fließen will und muß. Den halben Samstag geht das so. Immer weiter, und weiter und weiter. 

 

Irgendwann verebbt der Strom. Es wird ruhiger. Es wird leiser. Es wird friedlicher... Pause... Ausruhen. Atem holen.

 

Dann kommt der Abend. Oster-Tanz, Life-Trommeln mit der genialsten Trommelgruppe, die ich kenne, Nanigo... Das ist der Moment, in dem die Frau endlich wieder tanzt. Sie tanzt sich ans Licht, sie tanzt sich in die Freiheit, sie tanzt auf den Trümmern der Kirchen, sie tanzt auf dem Grab von John Knox. Sie schreit sich alles aus der Seele, was noch nicht aus den Lungen gespien ist. Alles. Ich habe im meinem ganzen Leben noch nicht so getanzt. Angefeuert von diesen Rhythmen, die meine ganze Struktur durchpusten wie ein frischer Wind. Da ist Power pur. Da ist Wut pur. Da ist Freude pur. Ja, ich tanze auf den Trümmern der Kriche und der Pfaffen. Ich spüre, wie eine neue Zeit anbricht. Wie dieses Kapitel sich dem Ende neigt und da ist nichts anderes in mir als wilde, freie Freude.

 

Ostersonntag. Morgen. Schwitzhütte. Am Ende stehe ich an einem verloschenen Lagerfeuer, schaue in den Rauch, die schwarzen Holzscheite, sehe den Scheiterhaufen, meinen, alle, die gebrannt haben und weiß, das der Phönix aus der Asche neu geboren worden ist. Die Frau ist wieder da. Die Göttin ist wieder da....

 

Feiern. Nur Feiern. Diesen ganzen Tag lang bin ich so sehr Frau, wie niemals vorher in meinem Leben. Ich feiere mein Beltane im Birkenhain - nur nicht im Vollmond sondern im gleißenden Sonnenlicht des Mittags, aber die Natur stört es nicht und mich auch nicht. Es fühlt sich so wundervoll rund an. So ganz ich. Endlich wieder ich.... 

 

Doch ein Schritt fehlt noch.

 

Er kommt am Abend, er kam heute. Als wir Lieder aller Kulturen singen, ist auch ein Lied aus Taizé dabei. Und dieses Stück erinnert mich daran, das Christentum und Kirche nicht nur Düsternis bedeuten. Auch nicht für mich. Das sie nicht nur dunkel sind. Ich höre diese wundervolle Musik wieder, die ich in Kirchen so oft gehört habe. Die mich immer tief in der Seele berührt und mir Tränen in die Augen steigen lassen haben. Die hohen Sopranstimmen, die Chöre. Oh ja, da ist auch Licht in diesen Mauern. Und etwas in mir wird weich und sanft.

 

Ich spüre mein Herz aufgehen. Wie eine blühende Rose. Es ist Versöhnung. Eine große, sachte Feier der Versöhnung. Ein Anerkennen, das jeder, wirklich jeder Schritt, den wir als Menschen jemals gegangen sind, Schätze in sich birgt. Mögen sie auch noch so gut versteckt sein. Mögen sie sich hinter Mauern und Schleiern aus Schmerz, Gewalt, Kampf und Bitterkeit verbergen und mit Masken tarnen. Aber die Schätze sind da. Und noch etwas wird mir bewußt. Jeder Abschnitt in unserer Geschichte hat einen Wert. Er ist essentiell für unser Weitergehen. 

 

Es gibt nur einen Weg in unsere Zukunft. Miteinander. Es gibt nur eine Art. Hand in Hand. Gemeinsam. Egal, was wir einmal geglaubt oder welchen Göttern wir gefolgt sind. Egal, was wir einmal getan haben oder unterlassen. Egel, ob wir Mörder oder Märtyrer waren. Egal ob Engel oder Teufel. Henker oder Opfer. 

Und ich weiß in diesem Moment auch - das es für mich nur ein Gefühl gibt, mit denen ich Menschen begegnen möchte. Mit dem ich mir begegnen möchte. Liebe.

 

Das heißt nicht, das die Geschichte nicht ans Licht kommen muss. Das heißt nicht Runterschlucken, Unterdrückung und Abspaltung. Das heißt nicht Heuchelei, Verleugnung und Feiern, wenn einem zum Schreien zumute ist. Erst muss das Gift raus. Ganz. Erst muss der Schmerz sichtbar werden. Für uns und auch für Andere. Erst müssen wir uns dem stellen, was geschehen ist, unsere Erinnerung zulassen und die ganze Angst, die Panik und die Qualen durchfühlen, bevor Heilung passieren kann. Alles andere ist netter Goldflitter über einem Haufen gärender Bomben. 

 

Der Weg geht mitten durch. Da wo der Knoten im Bauch am heftigsten tobt. Da, wo die Dunkelheit am undurchdringlichsten ist. Und die Schwärze gnadenlos. 

 

Ich weiß, das auf der anderen Seite das Licht wartet. Ich weiß es, weil ich es schon so oft erlebt habe. Es ist immer da. Immer. 

 

In mir herrscht nach dieser Intensität der letzten fünf Tage Frieden. Ein stiller, tiefer Frieden. Ich fühle mich, ich feiere mich - mit diesem leisen Lächeln. Und ich genieße Kirchenchöre und danach sinnliche griechische Tänze. Alles hat seinen Platz in mir gefunden. Nebeneinander. 

 

Himmel - ist das schön!!!!!!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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