Menschen ganz nah

 Geschichte unter den Füßen

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Ein Kindheitstraum. Das ist Thüringen für mich. Hier habe ich mit meinen Eltern fast jeden Urlaub verbracht - im Sommer und im Winter. Hier stand ich zum ersten Mal auf Skiern und fuhr weiße Hänge herab, hier versuchte ich zum ersten Mal von eine selbstgebauten Schanze zu springen.... Ein Stück Sehnsucht nach diesem Kindheitsparadies hat mich hergebracht. 

 

Natürlich hat sich das Land verändert, aber die Natur empfinde ich als genauso kraftvoll, wie ich es kenne. Ich laufe und radle durch die Wälder, begegne kaum einem Menschen und geniesse den Duft der Fichtennadeln und weite Ausblicke. Es ist schön, wunderschön. Ich liebe die Quellen - Werraquelle, Schwarzaquelle - und trinke, wie damals, ihr frisches Wasser. Ein Genuß. 

 

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Das ist eine Seite. Die andere Seite sind die Menschen. Auch da hat mich eine Sehnsucht begleitet. Die Sehnsucht nach Menschen, die aus dem gleichen "Nest" kommen, wie ich selbst. Ostdeutsche. Leute, die in der DDR groß geworden sind, so wie ich. Leute, die mich verstehen und deren Denken ich verstehe. Da ist eine Art Müdigkeit in mir. Müdigkeit vom Denken in Geld- und Leistungsrahmen. Müdigkeit vom Denken in Konkurrenz und Gegeneinander. Ich suche die Solidarität, das Zusammenhalten, dass ich in meiner Kindheit und Jugend erlebt habe. Unabhängig von den Ursachen dieser Solidarität und ihren Fallstricken. Ich suche Miteinander, Gemeinsamkeit, Wir-Gefühle. Nach über 20 Jahren in deiner "Ich-Welt". 

 

Was ich entdecke, ist eine Welt des Mißtrauens. Ja, ich als Ostdeutsche werden mit offenen Armen empfangen. Ich kann mit Jedem reden, Vertrauen schaffen, in wenigen Momenten. Ich erlebe die Menschen, ihr Leben, ihre Ängste. Und ich verstehe zum ersten Mal, wie tief die DDR-Erziehung in diesen Menschen lebt. Das Mißtrauen gilt dem Westen. Es gilt den Leuten, die Geld haben und Macht. Im Denken der Menschen, die mir begegnen gibt es keine guten Wessis. Es gibt nur Mißtrauen. Ein Westdeutscher ist ein Kapitalist. Er ist immer noch ein Mensch, der auf dem Rücken Anderer zu seinem Geld gekommen ist. Ausnahmen gibt es nicht und wenn doch, dann bestätigen sie nur die Regel. Ich spüre, wie dieses Denken auch in mir noch leise Regungen zeigt. Ich kann noch einmal in mein eigenes Verhältnis zu Geld an sich hineinfühlen und nachschauen, ob es da Knoten gibt. Denn schließlich bin auch ich mit diesem Denken groß geworden. 

 

Mit dieser Überzeugung spielt es überhaupt keine Rolle, was ein Westdeutscher im Osten wirklich bewegen oder verändern möchte. Er wird ein Eindringling bleiben. Einer, der nicht wirklich dazugehört, Einer, dem man mit Vorsicht begegnen muss. Einer, der ausbeutet, wenn man es nur zulässt. Genau deswegen werden die Menschen auch ausgebeutet. Ihre Angst schafft Wirklichkeit. So erlebe ich es. Noch immer verdienen Ostdeutsche wesentlich weniger als ihre westdeutschen Kollegen (bei gleichen Preisen). Und wenn es kein Westdeutscher ist, der ausbeutet, dann ist es ein Ostdeutscher, der sich hat anstecken lassen, vom Geld. Es ist erschreckend, diese Realität zu erleben und diesen Zusammenhang zu sehen. Aber es geht noch weiter.

 

Das Land wird ausgebeutet. Thüringen ist so etwas wie eine Entwicklungszone, mit der sich alles machen lässt. Hauptsache Arbeitsplätze. Die Angst vor Armut und das Mißtrauen zusammen ergeben eine prekäre Mischung. Da spielen Natur und Umweltschutz nur noch eine untergeordnete Rolle. Ein Beispiel ist die neu geplante Höchstspannungsleitung von 380 Kilovolt, die quer über den Thüringer Wald gehen wird. Teilweise sogar direkt über den Rennsteig. Die geplante Trasse geht - und das trifft mich besonders - über mein Lieblingsörtchen am Rennsteig - Friedrichshöhe. Die Trasse wird breit werden und darunter darf nichts hoch wachsen. Ein wunderbarer Wanderweg. Möchtest du unter einer solchen Leitung spazieren gehen? Ich sicher nicht. Was heißt das für den Rennsteig? Was heißt das für die Menschen. Es ist ein Aus. Die Trasse wird mit Förderung der EU gebaut. Sämtlicher Widerstand war zwecklos. Und wieder einmal fühlen sich die Thüringer als Opfer. Sie sind es auch. Es ist völlig egal, ob sie etwas anderes wollen oder nicht. Gegen die "Großen" ist Widerstand sinnlos. So ist das Fazit. Da ist Wut, da ist Ohnmacht. Die Leitung soll übrigens sinnigerweise Strom aus Windenergie von Nord nach Süd transportieren. Natürlich kann ich die Wut verstehen und auch die Ohnmacht, aber ich spüre auch etwas anderes.

 

Diese Entwicklung hat mit der Einstellung der Menschen selbst zu tun. Sie fühlen sich "per se" als Opfer. Niemand fragt, was sie wollen. Aber alle wissen es besser. Und sie selbst haben - wie auch ich in meiner Jugend - gar nicht gelernt, eine eigene Meinung zu haben. Sie waren Spielball. Immer. Befehlsempfänger. Ausführende. Und ganz tief drinnen hat sich daran nichts geändert. Trotz Protest und Flügelschlagen. Letztlich glauben sie nicht an sich. Sie glauben nicht an ihre Kraft. Daran konnte auch das Wunder der Wende nichts ändern. Auch das ist erschreckend für mich. Auch darin erkenne ich mich selbst wieder. Ich habe eine Ewigkeit gebraucht - genau genommen bis heute - bis ich mein Leben wirklich selbst in die Hand genommen habe. Bis ich mich selbst aus der Opferhaut herausgeschält habe und die Verantwortung für das was ich tue, übernehmen konnte. 

 

Ich weiß, dass es geht. Ich weiß, dass es möglich ist. Und ich wünsche mir, dass ich helfen kann zu zeigen, dass da ein Weg ist. Ein anderer Weg. Ein Weg, der in die wirkliche Freiheit führt. In die Selbstverantwortung und in die eigene Schöpferkraft. In ein echtes Selbstbewußtsein und ein Gefühl für den eigenen Wert. Dann braucht es keine Angst mehr vor den Kapitalisten und es wird auch keine Opfer mehr geben. Und auch nichts, was auf diesem Nährboden gedeihen könnte. Für dieses Mal bin ich froh, richtig froh, mich von Thüringen verabschieden zu können und von den Menschen. Die unterschwellige Trostlosigkeit kann ich nicht mehr ertragen. Ich brauche eine Pause. Aber ich weiß, ich werde wiederkommen. Und stehen bleiben.

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