Die Heimat der Feen

 Willkommen zu Hause

Fotos: Heike Würpel

Kaum ein Platz hat mich je so angezogen, wie Mont St. Michel. Er ist für mich wie ein Magnet. Ich fahre quer durch die Normandie zu ihm und setzte alles daran, noch am Abend vor meinem Besuch einen Blick auf ihn zu erhaschen. Aus weiter Ferne begrüßt er mich. Erst dann kann ich schlafen, in dieser Nacht. Die Fahrt am Morgen führt mich über die Küstenstraße von Cotentin hinüber. An einer Stelle weitet sich der Blick und gibt die gesamte Bucht von Mont St. Michel frei. Er liegt vor mir, zu meinen Füßen, ragt heraus aus der weiten Ebbe-Landschaft des Meeresbodens. Die Sonne kommt heraus und verschenkt ihr schönstes, dunstiges Morgenlicht.

 

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In diesem Augenblick fühle ich, dass Mont St. Michel eines meiner "zu Hauses" ist. Ein Platz, der in meiner Seele Heimat heißt. Ich fahre nach Hause. Dieses "zu Hause" ist ein Feen-Platz.

Es ist ein Ort, in dem die Welt der Feen lebendig ist. Es ist eine Durchgangstür in ihre Welt. Und ich fühle zum ersten Mal ganz deutlich, dass auch in mir dieses Feenblut lebendig pulsiert. Es ist aufgewacht. Sie ist ein Teil von mir. Lange vergessen. Lange verschüttet. Ich kann es fühlen, diesen Teil meines Wesens, meines Seins, meiner Wurzeln und meiner Ahnen. Tränen fliessen. In diesem Augenblick an der Bucht, jetzt beim Schreiben. Ich habe einen Teil von mir wieder entdeckt.

Mir fallen Passagen aus "Die Nebel von Avalon" ein und unwillkürlich vergleicht ich mein Lebens- und Seingefühl mit den Beschreibungen dort. Mit den Beschreibungen von Morgaine, von ihren Begegnungen mit dem Feenreich. Ich fühle Parallelen und in mir wird alles ganz friedlich, ganz still, ganz ruhig. Da ist ein altes Wissen, dass wieder leben darf. Das jetzt wieder lebendig wird, in mir.

 

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Mont St. Michel bleibt in meinem Blick. Wird größer und größer, je näher ich komme. Es ist ein schönes, bewußtes Annähren und ich genieße jeden Augenblick davon. Im Auto, zu Fuß, im Bus, wieder zu Fuß. Hinauf. Vorbei an Souvenirläden, die sich in endloser Reihe um die schmale Gasse drängen. Noch ist es erstaunlich ruhig an diesem Platz, der in der Regel voller Menschen ist.

Atemlos komme ich oben an. Mein Blick geht weit über die Bucht. Regen. Wolkenspiele und unendliche Weite. Ich fühle die Verbindung von Himmel, Wasser und Erde wie eine Liebeshochzeit. Sie spielen miteinander, vereinen sich, trennen sich wieder. Hier oben zu stehen, versunken in diesen Anblick, das ist der richtige Platz in diesem Augenblick. Ich fühle mich wie ein Vogel, der seine Flüge hebt und schwebt, so frei und leicht. So luftig.

 

Es zieht mich in die Kirche. Direkt zum Altar. Ganz nach vorn. Jetzt kommen die Touristenströme. Japaner, Amerikaner, Franzosen, Spanier, Deutsche. Ich nehme ihre Eigenheiten wahr, wie am Rande. Ich sehe einem Schauspiel zu, ohne Wertung. Beobachterin. Vor meinen Augen sehe ich ein anderes Bild, als sie es durch ihre klickenden Kameras sehen können. Die Feen sind da. Meine Schwestern.

Wir stehen auf dem Berg. Keine Bauwerke, keine Mauern aus Stein sind um uns herum. Das heutige Mont St. Michel ist nicht mehr da. Nur noch Weite, kraftvolle Bäume, pure Natur. Stark und karg zugleich. Ich stehe mit den Feen in einem Kreis. "Willkommen zu Hause, Schwester." Ich habe Tränen in den Augen, lasse sie herunter laufen wie ein Befreiung. Ich fühle mein Feenblut lebendig in mir fließen.

 

In Bruchteilen von Augenblicken und gleichzeitig in Ewigkeiten werden mir alle meine Fähigkeiten bewußt. Die Fähigkeiten, die mein Erbe sind aus dieser Welt der Feen. Das tiefe Mitfühlen, mich in andere hineinversetzen können. Die Anflüge von Telepathie, Gedankenverschmelzung. Zu wissen, was jemand fühlt, egal, wie weit die Entfernung sein mag. Es sind Geschenke dieser Welt. Eine Welt, die kein Alter kennt und keine Zeit. So, wie ich sie auch immer weniger kenne.

Wir stehen dort, in der Ewigkeit eines Momentes und nichts von der Geschichte der Menschen spielt noch irgendeine Rolle. Diese Geschichte wirkt hier wie ein Hauch in der Unendlichkeit. In mir ist keine Traurigkeit darüber, kein Bedauern, kein Festhalten. Es ist gut so, einfach gut. Es ist nur ein anderer Blickwinkel. Einer, der ganz leicht und schwebend macht. Und so schweben auch wir in diesem Kreis. Schwerkraft gibt es nicht mehr.

 

Ja, das ist ein Teil von mir. Ich fühle ihn. Und auch mein Körper, meine äußere Gestalt erzählt davon. Zart und fast filigran im oberen Teil. Kraftvoll, verwurzelt, stabil im unteren Teil.

Oben ist die Welt der Feen, unten ist die Verbindung zur Erde, zum Mensch-Sein. Beides gehört zusammen. Ich bin Beides. Eine lebendige Verbindung der Welten.

 

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Ich habe immer mit diesem Körper gehadert und habe diese in meinen Augen so krassen Unterschiede nie verstanden. Ich wollte sie ausgleichen und habe es nie geschafft. Da war die Sehnsucht, nur filigran zu sein. Die Sehnsucht nach dieser Welt des Lichtes und der Leichtigkeit. Jetzt verstehe ich.

Ich verstehe meine Verbindung, meine Verknüpfung in zwei Welten. Und zum ersten Mal in meinem Leben bin ich zutiefst dankbar dafür. Dankbar, dass ich es gewählt habe, Mensch zu sein, auf dieser Erde. Und zugleich eine Fee. Dankbar dafür, dass ich in beiden Welten zu Hause bin. Dankbar für die Kraft meiner Beine, die mich überall hintragen. Ich kann meine Ausdauer fühlen, meine Stärke. Und gleichzeitig fliege ich.

 

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Nein, ich möchte nicht nur pure Fee sein. Das fühle ich jetzt deutlich. Es ist wunderschön, aber ich bin gern Beides. Ich will diese Verbindung. Und ich wähle sie. Noch einmal, ganz bewußt. Jetzt.

Mit diesem Wissen, mit dieser Wahl, wer ich sein will und wer ich bin, gehe ich weiter durch Mont St. Michel und genieße die Harmonie beider Welten. Die Zartheit der Säulen im Kreuzgang, Feenwelt aus Stein. Je tiefer ich komme, umso mehr wird die Erde präsent, umso mehr geht es um Stabilität. Der Speisesaal der Mönche ist die Stelle der vollkommenen Balance zwischen beiden Welten. Dem Himmel und der Erde.

Ich sehe und fühle mich selbst in diesen Formen aus Stein. Die scheinbaren Extreme ergeben ein Ganzes. Ich habe es niemals vorher so gefühlt.

Es ist egal, welchen Namen diese Welten tragen. Für mich waren es in diesem Augenblick die Welt der Feen und die der Menschen. Sie können auch Himmel, Weiblichkeit, Reinheit, Unschuld und Hingabe heißen im Gegensatz zur Erde, Verwurzelung, Stärke, Kraft, Direktheit, Feuer, Männlichkeit. Ich glaube, wir alle sind Beides. Wir alle verkörpern diese Verbindung. Und kein Teil ist besser oder schlechter als der Andere. Es sind zwei Extreme, die zusammen ein Ganzes ergeben. Es gibt nichts zu bekämpfen und nichts vorzuziehen. Purheit ist nicht die Lösung. Die Lösung heißt Verbindung. Erst dann ensteht wirkliche Harmonie und wirkliche Größe. Erst dann entsteht eine Welt im Gleichgewicht. Eine Welt, in der die Verschiedenheit des anderen Teiles genauso willkommen geheißen wird, die das eigene Sein. In dem nichts verurteilt, verdammt oder zum Schweigen gebracht werden muss.

Eine Welt, die jeden ihrer Teile als Schatz wahrnimmt. Die Leichtigkeit der Franzosen und die Bodenständigkeit der Deutschen. Die Heiligkeit Tibets und die pure Materialität der US-Amerikaner. Dies Weisheit alter Naturvölker und die von Technik und Wissenschaft. Die Fähigkeiten Israels und der Palästinenser. Afrikas junge, ungestüme Kraft und das Wissen Europas. Überall auf der Welt finde ich scheinbar unvereinbare Gegensätze. Extreme, die sich bekämpfen. Es hat keinen Sinn, sich zu bekämpfen. Im Gegenteil. Der, gegen den ich kämpfe, bin ich selbst. So, wie ich gegen mich selbst kämpfe, wenn ich einen Teil meines Körpers ablehne.

So sehe ich diese Welt. Diese ganze wunderschöne Welt in allen ihren Extremen und Verschiedenheiten. In ihrer Buntheit und Vielfalt. Nur zusammen sind wir alle ganz. Nur zusammen gibt es Harmonie und Schönheit. Nur zusammen können wir wirklich blühen.

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