Das Gesicht der Göttin

 Ein Segen des Himmels

Fotos: Heike Würpel

Paris ist purer Wahnsinn. Ich habe niemals so viele Menschen auf einem Platz gesehen. Stau. Verrückte Autofahrer. Jeder hat es unendlich eilig. Jeder fährt kreuz und quer und sucht nach einem winzigen Vorteil, einer winzigen Lücke, um ein paar Zentimeter schneller zu sein. Menschen. Menschen. Menschen. Ein Kessel aus angestauten Gefühlen. Bunt und scharf wie ungarischer Schaschlik. 

Die Straße führt an der Seine entlang. Ich sehe nur Menschen und Autos. Tausende. Die ganze Welt hat sich hier versammelt. Hier, im Herzen von Paris. Bei Notre Dame. In den Gassen um die Kirche ist alles gedrängt und eng.

 

Ich finde ein Parkhaus, dass selbst für mein kleines Auto einem Alptraum an Winzigkeit gleicht. Milimetergenaues Fahren. Kunstvollstes Einparken. Selbst die Toiletten im Bistro sind minimalistisch. Jemand, der anders als der dünne "Durchschnittsmensch" ist, hat hier keine Chance. Und dann stehe ich auf der Straße. An der Seine. Die vorbeikriechenden Autos, die Menschenmassen. Ich blende sie aus. Spüre die Weite des Platzes, die Weite des Flusses. Jetzt ist nur noch Notre Dame wichtig. 

Ich liebe diese Kirche. Sie ist für mich pure Schönheit. Versunken in ihren Anblick reihe ich mich in die Schlange ein, die hineinführt. Nur um in der vollsten Kirche zu landen, die ich jemals gesehen habe. Ein Meer von Menschenleibern. Es ist kein Platz mehr. Gar keiner. Jeder Winkel ist besetzt. Gleich beginnt ein Gottesdienst. Im "inneren Bereich". Ich gehe hinein und finde ganz vorn einen leeren Stuhl. So nah am eigentlichen Zentrum, wie es nur möglich ist. Ganz nah an dem Altar, dem Bildnis von Maria. Wie immer in der christlichen Religion nur in einer Frauen"rolle" dargestellt und verherrlicht. Als Mutter. 

 

Aber in Notre Dame herrscht für mein Gefühl etwas ganz Anderes und es wird jetzt, wo ich sitze ganz deutlich fühlbar. Pure Frauenkraft. Es nimmt mir fast den Atem, mit welcher Gewalt und Klarheit diese Kraft fühlbar ist. Direkt über dem Altar der Mutter sehe ich im nächsten Moment Kali, die pure Wildheit der Frau. Ungefesselt, ungestüme Urgewalt. Die Frau, die töten kann, schreien, um sich schlagen, kämpfen, verteidigen. Die, die Wut fühlen und zulassen kann. Die Frau, die das pulsierende Feuer verkörpert. Es um sich sprühen lässt. Beide zusammen, beide Frauen - die Mutter und Kali sind dort fühlbar. Und sie gehören zusammen. Untrennbar. Daran kann auch über ein Jahrtausend Kirchendoktrin nichts ändern. Kali ist da. Mitten in Notre Dame. Pures Leben. Pures Feuer. Pure Kraft neben der Sanftheit, Hingabe und Heiligkeit. Nur zusammen ergeben sie ein Ganzes. Nur zusammen sind sie Weiblichkeit. So wie Liebe alles ist. Jede Farbe, jeder Ton, jedes Gefühl. Feuer und Wasser. 

 

Es ist total schön, diese Ganzheit hier zu fühlen. So präsent, so deutlich, so sichtbar. 

 

Der Raum vor mir füllt sich. Der Gottesdienst läuft weiter ohne dass ich ihn noch bewußt wahrnehme. Der Raum füllt sich mit Frauen aus anderen Zeiten. Aus allen Zeiten. Jahrhunderten, Jahrtausenden. Ich sehe Priesterinnen in langen Gewändern mit weiten, offenen Haaren. Sie vollziehen ein Ritual zu Ehren der Göttin. Ich sehe ihr Leuchten. Sie sind meine Ahninnen. Meine Wurzeln als Frau. Ich spüre ihre Präsenz und ihre ganze Schönheit. Ihre ganze Kraft, ihre ganze Vielfalt und ihre ganze Liebe. Sie füllen diese Kirche aus. Sie strahlen weiter, weit über diese Mauern hinweg. Hinein in die Welt. So, wie ich selbst in die Welt hinausstrahle.

 

Vor mir steht eine der Frauen. Sie sieht mich an. Ganz nah mit einem Blick purer, reiner Liebe. In diesem Augenblick fällt Licht auf mich. Von oben, von der Kuppel. Eine leuchtende Spur, direkt aus dem Himmel. Ich bin gesegnet, so fühle ich es. Ich bin gesegnet. Das füllt mich aus in diesem Moment. Eine tiefe Gewissheit. Es braucht keine Worte mehr. Es braucht keine Bilder mehr. In mir ist vollkommene Klarheit. In mir ist das Gefühl, unendlich tief beschenkt zu sein. 

 

Das Licht verlässt mich nicht. Es ist immer da, seitdem. Ich kann es jederzeit spüren, wenn ich mich darauf konzentriere. Ich bleibe gesegnet. Ich bin gesegnet als die ganze Frau, die ich verkörpere. Gesegnet von der Liebe.

 

Danke! Danke aus tiefsten Herzen!

Der Segen der Göttin, der Segen der Frau, der Segen der Liebe ist nicht für mich allein. Er ist immer dort. Egal, was in Gottesdiensten geschieht. Egal, was um den Platz herum geschieht. Er bleibt präsent. Unverzerrbar, unzerstörbar, unveränderbar. Es gibt keine Wertung. Hier herrscht Liebe. Sie kennt kein Schlecht oder Böse. Sie ist Liebe. Für jeden fühlbar, der sich dafür öffnen möchte. Sie leuchtet.

 

Ich glaube, dass dieser Ort, Notre Dame dieses ganze Land Frankreich gesegnet hat. Es ist ein schönes Land und es hat Paris zu seinem Zentrum gemacht. Es hat den Ort der Liebe zu seinem Zentrum gemacht. Wie kann ich mich da wundern, dass sich die Franzosen als "Grande Nation" verstehen? Ja, dieses Land ist gesegnet. Aber der Segen hält nicht an den Landesgrenzen an. Er strahlt in die ganze Welt hinein. Wir alle sind eine Grand Nation. Wir alle sind eine gesegnete Welt. Wir alle leben an einem Ort der Liebe und des Leuchtens. Es gibt keine Grenzen. Nicht für die Liebe. Nicht für die Kraft der ganzen Weiblichkeit. 

 

Und jeder, der es fühlt, trägt es weiter.

 

Hinein in diese Welt.

 

So, wie ich jetzt. 

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