Brüder und Schwestern

 Ein Traum für die Welt

Foto: Durell Wildlife Foundation

Ein Zoo? Ja, ein Zoo. Ein ganz besonderer Zoo, der mich ganz tief berührt hat. Weil hier mein Kindheitstraum greifbar vor mir steht. Der Traum, den ich mitgebracht habe in dieses Leben. Ein Traum von einem achtsamen, friedvollem, respektvollem Miteinander aller Wesen dieser Erde. Menschen, Tieren. Jersey hat einen Zoo, gegründet von Gerald Durrell, der diesen Traum lebte und ihn hier auf die Erde gebracht hat. An einem Ort, an dem für mich spürbar ist, dass die Welt, die ich mir wünsche, möglich ist. 

 

Vor einem Tag erst habe ich mich in seine Bücher vertieft und konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Ich habe nie eine Beschreibung von Tieren in den Händen gehalten, die soviel Liebe ausdrücken. Und diese Liebe ist sofort greifbar, als ich durch die Eingangstür zum ersten Freigehege komme. Ich stehe da und weine, weil ich es so tief fühlen kann. Liebe zu Tieren. Ein Zoo, der sich an ihnen orientiert. An ihren Bedürfnissen und Wünschen. Kein Aufbewahrungsort. Kein Jammertal. Keine Sensationshascherei. Einfach nur Liebe. Grün, Pflanzen, Dschungel, Rückzugsorte. Und dazu nur Tiere, die vom Aussterben bedroht sind. 

Foto: Durell Wildlife Foundation

Das hier ist wie eine Arche. Eine Arche, die sich ganz der Forschung, der Aufzucht, Züchtung und Erhaltung bedrohter Arten widmet. Die so erfolgreich in der Züchtung von Tieren ist, wie kein anderer Platz. Und von dem aus die Tiere wieder ausgewildert werden. In ihre eigentliche Heimat. Nicht blind. Sondern Hand in Hand mit der Schulung der Menschen vor Ort. Denn sonst wäre der Spirale aus Lebensraumvernichtung, Angst vor bestimmten Tierarten und neuem Fast-Aussterben kein Ende gesetzt. Es gibt Projekte in Mauritius, im Kongo, in Sumatra. Und Informationen über Informationen zu der Situation vor Ort. Hintergründe, Fakten, Wissen. Alles fühlt sich rund an, durchdacht und von dem Wunsch getragen, wirklich zu helfen. Diese Idee durchzieht den ganzen Zoo. Ich atme ihn ein und fühle mich sofort wohl. 

Hier kann ich den Tieren ganz nah sein, wenn sie es möchten. Ich kann sie fühlen. Ich kann ihr Wohlfühlen spüren. Sie sind lebendig, springlebendig. Es gibt Gehege, in denen wir uns ohne Gitter begegnen, ohne Grenze. Räume, in denen die schillernde Buntheit exotischer Vögel um mich herum fliegt. In denen ich auf jeden Schritt achte, damit ich nichts berühre, was ich nicht berühren will. Ich kann ihnen in die Augen sehen. Ich kann ihre Seele fühlen. Und ich fühle, dass sie meine Seele erreichen. Zwiesprache. Eins-Werden. Es ist eine Nähe, wie ich sie nie erlebt habe. Aber wie ich sie mir immer erträumt habe. Schon als ich jeden Tag als Kind am Ententeich stand. Jeden Tag, wenn ich meine Oma dazu überreden konnte, die wenigen Schritte von ihrer Wohnung in den Zoo zu gehen. 

 

Um mich herum gehen und kommen die Menschen. Es sind nicht Viele, denn es regnet in Strömen und nur wenige Plätze sind geschützt. Ich bin ganz bei mir, ganz bei den Tieren. Ich spüre die anderen Besucher kaum. Nur ihre lauten Stimmen tun mir weh. Ihre Kommentare, ihr Lachen, ihre Fragen. Ich wünsche mir Stille. Alleinsein mit den Tieren. Ich möchte nur sitzen und fühlen. Nichts weiter. Jedes dieser Tiere ist mir in diesen Augenblicken näher als die Menschen. 

 

Ich habe einen Platz der Stille gefunden. Einen Ententeich. Wieder einmal einen Ententeich. Blauköpfige, prachtvolle Enten schwimmen hier. Unbekannte Wesen und doch so vertraut. Die Vielfalt, die Buntheit dieser Welt nimmt mich gefangen. Wieder erinnere ich mich an das kleine Mädchen, dass ich einmal war und dass mit Freude und Sehnsucht im Herzen vor Schänen und Enten stand. Ich wollte Tierpflegerin werden. Das war mein erster Berufswunsch. Bis mir schmerzlich bewußt wurde, dass Zoo's in der Regel nichts mit Tierliebe zu tun haben. Ich habe pure Lebensfeindlichkeit gesehen. Leid und Schmerz. Ketten. Ich wollte nicht mithelfen, Tiere zu quälen, einzusperren, ihnen ihr Leben rauben. Ich wollte meine Liebe zu ihnen leben. Dafür gab es keinen Raum. 

 

Jetzt weiß ich, erlebe ich, dass es eine andere Möglichkeit gibt. Dass ich nicht der einzige Mensch mit so einer Sehnsucht im Herzen war und bin. Ich fühle mich Gerald Durrell sehr nah. Er lebt nicht mehr, starb 1995. Aber in dem Moment ist er neben mir. Ich fühle ihn. Seine Hand liegt auf meiner Schulter. Wir schauen uns an, lächeln. Verstehen uns. Ein Blick. Mehr braucht es nicht. 

 

Ich habe geweint, fast die ganze Zeit, fast die ganzen 2, 3 Stunden, die ich hier verbringe. Ich weine auch jetzt, beim Schreiben. Ich weine, weil ich einen Ort gefunden habe, der anders ist. Weil ich die Verwirklichung eines Traumes gesehen habe. Ich weine, weil es ein kleiner Ort ist. Eine kleine Insel in einem weiten Meer. Ich weine, weil ich mir die ganze Erde so wünsche, wie ich es hier erlebe. Ich wünsche mir mehr als einen Stern in der Dunkelheit. 

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