Das Stonehenge von Skandinavien

 Kraft, Visionen, Verbindung 

Seit ich das erste Mal von diesem Ort gehört habe, fühle ich seine Anziehung. Und jetzt, wo ich hier unten stehe, spüre ich bereits die Wirkung. Ich verwandle mich. Ich werde zu einer Priesterin, die mit Anderen, gekleidet in weiße Gewänder, den Hang hinaufgeht. Eine Art Prozession, eine Zeremonie. An meinen Händen fühle ich Schlagenarmbänder. Gold. Ich fühle meine Kraft, meine Klarheit. Ich bin am richtigen Ort und ich gehe zum richtigen Ort. 

 

Es ist jedes Mal so, an diesem Tag. Am Nachmittag und am Abend. Zweimal komme ich hierher. Immer ist der Ort voller Menschen. Fotografierend, redend, kommentierend, spielend, kopfschüttelnd. Nur sehr Wenige begegnen dem Platz mit Achtung und Ehrfurcht. Nur Wenige sind in Stille hier oben. So, wie ich. Für mich ist es ein heiliger Platz. Ein Ort der Innenschau. Ein Ort, der seine Kraft nur ohne Worte entfaltet. Ein Ort des Fühlens. 

 

......

 

Beim ersten Mal stören mich die Menschen gewaltig. Ich kann mich nicht konzentrieren, sehne mich nach Ruhe und würde am Liebsten alle weit weg wünschen. Aber sie gehen nicht. Ich weiche, weil ich sie nicht mehr aushalte. Aber ich komme wieder. Am Abend. Als ich das Auto parke, sehe ich vor mir eine riesige Menschengruppe, die den gleichen Weg einschlägt. Es ist kurz vor dem Sonnenuntergang. Und dort oben ist der perfekte Platz, ihn zu beobachten.

 

Der Steinkreis steht an der Steilküste, direkt über dem Meer. Weite Sicht auf den Horizont. Nichts stört die Vollkommenheit dieses Platzes. Nichts. Bis... auf diese Menschen. Es sind Südamerikaner. Sie gehen mit ihrer halben Habe hinauf. Taschen voller Essen, Musikinstrumente. Es ist wie eine Völkerwanderung dort vor mir. Eine sehr geschäuschvolle. In mir ist Widerstand. Wut. Scheiße. Warum kommen die ausgerechnet jetzt?

 

Ich gehe einen anderen Weg und bin ein paar Minuten vor ihnen dort. 

Es bleibt mir nichts weiter übrig, als sie zu akzeptieren. Sie sind da, sie richten sich häuslich ein. Ich werde sie nicht vertreiben. Ich kann sie nur nehmen, wie sie sind und mich ganz auf mich selbst konzentrieren. Aber der Widerstand ist weiterhin da. Und der Steinkreis hilft mir sofort, mich ihm zu stellen.

 

Ein Stein zieht mich an, in dieser wunderbaren Reihe. Ich setze mich an ihn und lausche nach Innen. Und falle mitten hinein in ein Chaos. Den Untergang von Atlantis. Vernichtung, Feuer. Ich fühle meinen eigenen Körper zerreißen. Verdreht, Verwirbelt. Nichts bleibt von mir. Auflösung. Es schüttelt mich. Es passt zu dem, was ich den ganzen Tag erlebt habe. Ich wage nicht mich anzusehen. Ich wage es nicht, die Vernichtung genau anzusehen. Ich möchte weglaufen und kann nicht. Ich möchte etwas Anderes sehen. Es geht nicht. Ich wünsche mir eine andere Welt. Sie ist so, wie sie ist. Sie bleibt so, wie sie ist. So, wie die Ostsee, deren Algenteppich mich heute begleitet hat. Deren Geruch mich heute begleitet hat. Die Ostsee hat mich erschüttert. Sie fühlt sich sterbend an. Eine alte, mit Geschwüren bedeckte Frau erschien vor mir. Wie ein Dämon. Und ich hatte Angst, sie wirklich anzusehen. Solche Angst. 

Irgendwann wage ich den Blick. Auf mich, auf diese alte Frau. Ich schaue in ihre Augen. Ich schaue in meine. Ich sehe den Schmerz, ich sehe die Verzweiflung und lasse sie ganz an mich heran, hinein in mein Herz, in meine Seele. Und plötzlich verstehe ich. Es gibt nichts zu tun, in diesem Moment.

 

Diese Frau möchte nur wahrgenommen werden. Sie möchte wirklich gesehen werden. So, wie sie jetzt ist. Mit ihren Geschwüren. So, wie ich auch nur gesehen und wahrgenommen werden möchte. Egal, in welchem Zustand ich bin. So, wie diese Welt nur wahrgenommen werden möchte. Meine Angst sie anzusehen hatte nur einen Grund. Ich hätte gern geholfen und wußte nicht wie. Es war für mich einfacher, die Wahrheit nicht zu sehen, um nicht meine eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht zu fühlen. Dabei ist die Hilfe ganz einfach.

 

Hinschauen. Hinschauen. Hinschauen. Ganz an mich heranlassen, was da ist. Schmerz. Tiefer Schmerz. Ich lasse ihn durch mich hindurchfliessen. Wie einen endlosen Strom. Und dann kehrt Frieden ein. Der Kampf ist vorbei. Stille. Sehen. Frieden.

 

Die Ostsee bleibt krank. Die Menschen bleiben dort. Ich bin immer noch zerstückelt und meine bekannte Welt liegt vor mir in Stücken. Aber ich fühle nur Frieden.

 

Ich sehe nicht mehr nur diesen Moment. Ich überschaue den gesamten Zeitlauf. Ich schaue auf die Zusammenhänge, die Geschichte. Ich verstehe, dass die Algen,  das Sterben eines Meeres, das Lärmen der Menschen und der Untergang von Atlantis einzelne Geschehnisse sind. Eingebettet in ein viel größeres Ganzes. Ein ein Ganzes, dass zusammenhängt, sich entwickelt, aufeinander aufbaut und Sinn hat. 

 

Es ist das Gleiche, was Liebe macht. Liebe sieht das Ganze. Sie lässt alles an sich heran. Tief. Ohne Grenze, ohne Barriere. Vorurteilsfrei. Und sie liebt und versteht, dass es ein Ganzes gibt. 

Von diesem Moment an, geniesse ich den Ort. Ich fühle die Stärke des Kreises, ich tauche hinein in den Sonnenuntergang. Ich beobachte die Menschen, die auf den Steinen herumturnen. Für sie ist das hier ein Spielplatz. O.k.

 

Die Sonne geht unter, das rote Glühen versinkt, die Steine werden dunkel. Und dann erklingt Musik. Musik von diesen Menschen, die mich so sehr gestört haben und die so wenig Gefühl für diesen Platz hatten. Die Menschen, die so laut waren. Sie singen. Mit einer Musik, die mitten in meine Seele trifft. Worte, Chorgesang, Gitarrenklänge. Alles improvisiert und wunderschön. Sie beschenken mich. Sie überraschen mich. Es ist immer mehr da, als man in einem Moment wahrnehmen kann. Und es gibt immer ein Geschenk. In jedem Menschen. 

 

Mit diesem Gefühl kann ich gehen. Friedlich. Still und glücklich.

Der nächste Tag. Sonnenuntergang. Diesmal gibt es keine große Gruppe, nur einzelne Menschen, die mich nicht mehr stören. Es zieht mich zu einem Stein in diesem Kreis und ich setze mich. Mein Heilstein hat auf mich gewartet. Hier sitze ich, fast vier Stunden, sehe der Sonne beim Untergehen zu und schaue die ersten Sterne an. Ich werde von Energie durchströmt, wir von einem Wasserfall. Meine ganze Struktur wird neu sortiert.

 

Für mich ist dieser Ort, so wie alle Steinkreise, ein Ort der Heilung. Sie beschenken Jeden, der sich für sie öffnet. Jeden so, wie es für ihn richtig ist. In diesem Augenblick. Jeden so, dass er es nehmen kann und den nächsten Schritt gehen kann. Sie sind immer da, diese Kreise der Liebe und der leuchtenden Energie. 

Deshalb ist es richtig, immer wieder dorthin zu gehen. Es wird immer etwas Anderes geschehen. 

 

Diesmal fühle ich fast sofort eine Lichtsäule. Sie geht mitten durch mich hindurch. Ich bin ihr Ursprung. Ihr Lebenselexir. Sie reicht tief hinab in die Erde und weit hinauf. Ich fühle mein Kehlkopfchakra, mein drittes Auge und ein Chakra weit über meinem Kopf. In mir verbinden sich Himmel und Erde in diesem Moment. Ich verbinde sie. Ein wundervolles Gefühl. Strömen. Leben. Glück. Vollkommenheit.

 

Dann spüre ich mein Herz und in diesem Augenblick tauchen Bilder auf aus einem anderen Leben. Einem Leben, in dem ich einen sterbenden, geliebten Mann in meinen Armen hielt und mich schuldig fühlte an seinem Tod. Ich habe immer geglaubt, dieser Mann hätte mich schuldig gesprochen. Mich verurteilt. Ich habe dieses Gefühl mitgenommen durch die Zeiten und versucht, etwas wieder gut zu machen. Mit aller Kraft. Ich wollte Liebe erkämpfen, um mich selbst freizusprechen. Diesmal habe ich diese Augen wirklich gesehen. Ich habe wirklich in sein Gesicht geschaut. Etwas, was ich niemals vorher wirklich gewagt hätte. Seit gestern habe ich den Mut dazu. Was ich sehe, macht mich atemlos. Da ist kein Hass. Da ist kein Vorwurf. Da ist Liebe. Ich schaue in die Augen der Liebe. Sie leuchten mich an, wie eine Sonne. Strahlende, pure Liebe. 

Da ist nur Liebe. Da war immer nur Liebe. Das ist die Wirklichkeit. Das ist hinter der Angst. Meiner Angst. Da ist nur Liebe. Ich habe mich niemals so tief geliebt gefühlt, wie in diesem Augenblick. In diesem Moment fühle ich mein Herz. Ich fühle den Riss und ich fühle die Heilung. Alles fügt sich zusammen. Sanft, wie Seidenwatte. 

 

Als ich am Ende dieses Abends im Kreis stehe und jedem einzelnen Stein danke und seinen Lichtwesen, mit Tränen in den Augen, da fühle ich ihren Dank. In einer solchen Reinheit und Kraft, dass ich kaum noch atmen kann.

 

"Danke, dass es dich gibt, du wunderbares Wesen. Danke, Heike. Danke, für deinen Mut, dienen eigenen Weg zu gehen, den Weg der Liebe. Danke, dass du deinem Herzen folgst. Danke für deine Kraft, immer wieder aufzustehen, dich nicht beirren zu lassen, weiterzugehen. Danke für das Geschenk, dass du für diese Welt bist. Danke für dein reines, großes Herz. Für dein Leben, dass du der Liebe widmest. Danke." 

 

Ich bin umringt von Wesen. Von Lichtwesen. Alle kommen, alle danken mir. Alle beschenken mich, mit ihrem Strahlen. Atlantiden. Menschen. Vergangene Seelen, lebende Wesen. Ich fühle Menschen, die mir wichtig sind und waren. Nelson Mandela, Wangari Matthaii.... Sie sind alle fühlbar, sie sind alle da. 

 

Ich werde eingehüllt in tiefe, reine Liebe und Dankbarkeit. Und ich fühle, dass mich dieses Geschenk niemals verlassen wird. Ich kann nicht mehr geliebt und gesehen werden als in diesem Augenblick. Es ist ein vollkommener Augenblick. Die Zeit steht still. Fühlen, Einsinken, Tränen, Freude. Es braucht nichts mehr.

Fotos: Heike Würpel

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