Der zerrissene Steinkreis

 Was ist mehr wert?

               Fotos: Heike Würpel

Es ist ein wunderbarer klarer, sonniger Morgen. Sanftes Licht. Grüne Hügel, die Kraft ausstrahlen. Ich fühle mich willkommen geheißen von diesem Tag und folge meinem Gefühl nach Norden. Nach Avebury. Im Norden der Salisbury Plains. Jenseits des Militärgeländes.

 

Dieser Ort ist gefüllt mit Steinkreisen und ganzen Prozessionswegen, eingerahmt von Monolithen. Es war ein riesiges Heiligtum, dessen ganze Schönheit und Geographie nur noch mit viel Phantasie und aus der Luft wirklich gesehen werden kann. Denn in Avebury ist die Durchkreuzung der uralten Kräfte auf eine Spitze getrieben worden. Hier kreuzen die Straßen die Steinkreise, durchschneiden sie, fahren sie fast um. Hier stehen Häuser kunterbunt zwischen den Kraftlinien. Autos dröhnen mitten durch das eigentliche Zentrum. Schafe weiden zwischen den riesigen Monolithen und garnieren den Boden mit ihren Exkrementen. 

Ich brauche eine Ewigkeit, um den eigentlichen Ort überhaupt zu finden. Ich laufe zwischen mittlerweile zusammenhangslos stehenden Steinriesen umher. Irre auf grünen Dämmen entlang, die einst einen Grenzkreis um diesen Tempel gebildet haben und versuche mich fast verzweifelt, zu orientieren. Es braucht lange, bis es mir wenigstens ansatzweise gelingt. Bis ich ahne, wie der Zusammenhang aussehen könnte, der sich hier vor meinen Augen öffnet. 

Zuerst jedoch sitze ich da, direkt oberhalb dieser verrückten Straße, über die ständig Autos donnern und weine. Ich weine um die verlorene Schönheit und Kraft dieses Ortes. Ich weine über die Ignoranz, die aus ihm das Stückwerk gemacht hat, dass ich jetzt sehe. Es fühlt sich an wie die Zerfledderung eines Körpers. Mord. Als könnten die Menschen die Kraft der Kreise nicht ertragen. Als müssten sie sie auf ein Gardemaß stutzen, dass ihnen jetzt entspricht. Genauso fühlt es sich an. In mir ist Trauer. So tiefe Trauer. 

Ich lasse sie fliessen. Sie darf, sie muss fliessen. In mir. Sonst werde ich verrückt bei diesem Anblick.

 

Dann wird mir bewußt, was mir an diesem Ort noch aufgefallen ist. Die Menschen, die suchen. Die Menschen, die zu diesem Ort pilgern, um etwas zu suchen, dass sie glauben, selbst nicht zu haben. Ich denke an die Leute, die mir auf dem Weg begegnet sind. Die Gruppe, die hier gecampt hat, in der letzten Nacht. Der Mann mit der Djembe in der Hand. Der Gitarrenspieler. Alle fühlten sich "auf der Suche an". Suche ich nicht auch?

 

"Das Tor nach Avalon ist in dir." Ja, ich suche Avalon. Ich suche dieses Land, nach dem ich mich sehne, seit ich das Buch gelesen habe. Das Land, dass mir so unendlich vertraut ist. Ja, ich möchte auch nach Glastonbury, wohl wissend, dass ich dort nichts mehr finden werde. Aber ich möchte dorthin. Um zu fühlen. Ich suche, mit einem Teil meines Wesens, der mir jetzt ganz bewußt wird. Und gleichzeitig finde ich an jedem Ort ein Stück von mir selbst. Die Steinkreise erinnern mich an mich. Sie schenken mir mich selbst zurück. Und ich schenke sie sich selbst zurück, in dem ich sie fühle, so, wie sie heute sind. Indem ich es zulasse, mich zu erinnern und zu sehen. Es ist ein Austausch. 

Ich fühle auch, dass es wahr ist. Ich bin Avalon. Ich brauche dort draußen nichts mehr zu suchen. Alles ist in mir. Der Zugang zu allen Welten bin ich selbst. Ich brauche keine Zuflucht mehr. Ich brauche keinen Weg mehr zu einer Zuflucht. Es ist alles schon da. Jetzt. In mir.

 

Da ist er wieder. Der Lichtstrahl. Avebury hat mich beschenkt. Das war die Botschaft. Das war seine Gabe. Und ich habe mich geschenkt. Weil ich alles zugelassen habe, was gefühlt werden möchte. Weil ich gesehen habe, was gesehen werden möchte. Und weil ich es aufschreibe. 

 

In mir ist Glück. Pures, reines Gück. Ich gehe hinunter zu den großen Steinen, berühre sie. Ich gehe durch ein äußeres Tor und weiß, dass ich damit durch mein inneres Tor gehe. Es gibt keinen Unterschied mehr. Ich bin zur Quelle geworden.

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