Im Mittelpunkt der Insel

 Das Herz der Orkney Islands

 Fotos: Heike Würpel

Es ist abends 8 Uhr, als ich auf die Orkney's komme. Schwarze Nacht und Wolkenguss. Der nächste Morgen empfängt mich mit Wolken-Sonnenschein und einem Gefühl und Verheißung. Mein Auto fährt durch Kirkwall und mein Herz entscheidet ohne Umweg direkt zum Steinkreis zu fahren. Noch sind die anderen Menschen beim Frühstück. Noch ist alles still auf der Insel. Noch stehen die Steine von Brodgar allein zwischen den Meeresbuchten. 

Zu beiden Seiten dehnt sich das Wasser und die grünen Hügel zum Horizont. Ich atme ein Gefühl von unendlicher Weite und Geborgenheit. Der Boden ist nass vom Regen der letzten Nacht. Ich fühle, dass ich mitten im Herzen dieser Inseln bin. Mitten im Zentrum. Ich fühle auch, dass dieses Zentrum schläft. Wie in einem Winterschlaf. Es ist noch da, die Energie ist da. Aber ganz leise. Weniger als die Hälfte der ursprünglich 60 Steine stehen noch aufrecht. 104 Meter im Durchmesser ist dieser gigantische Steinkreis. Zwischen 2.500 und 2.000 v.u.Z. soll er errichtet worden sein. Zu einer Zeit, als es hier nichts gab. Außer weniger Menschen. Es gibt keine wissenschaftlichen Erklärungen für diesen Ort. Aber ich fühle den Sinn.

 

Langsam komme ich zu den Steinen. Der Wind stürmt um meinen Körper, aber ich bleibe. Ich gehe zu jedem einzelnen Stein. Alle sind größer als ich. Jeder ist anders. Jeder hat seine ganz eigene Persönlichkeit. Seine Seele. Meine Hände berühren den Stein. Zärtlich. Achtsam. 

......

 

Vage spüre ich, dass das hier ein Ort ist, der auf alles aufpasst. Der die Dinge in Harmonie hält. Im Lot. In der Balance. Ein Zentrum, dass für die Abstimmung der Gegensätze da ist. Ein Ort, der geschwächt ist. Ein Ort, der nur noch leise atmet. Meine Schritte, mein Impuls zieht mich auf die andere Seite. An einen ganz bestimmten Platz, gegenüber vom größten stehenden Stein. Ich schaue ihn an und mein Herz weiß genau, wohin ich muss.

 

Ich bleibe stehen. Im Kreis. Ich werde zum Stein des Kreises. In dem Moment, wo mir das ins Bewußtsein steigt, dass ich ein Teil des Ganzen bin, sehe ich Licht. Fühle ich Licht, werde ich Licht. Jeder einzelne Stein, ob noch existent oder nicht mehr materiell anwesend beginnt zu leuchten und zu strahlen. Sie verbinden sich. Wir verbinden uns. Lichtstrahlen. Das Licht strömt in wenigen Herzschlägen um den Kreis und sammelt sich in unserer Mitte. Es ergießt sich, nach unten, ins Zentrum der Erde. Es ergießt sich nach oben, in die Tiefen des Himmels. Alles pulsiert, alles ist warm. Alles ist vollkommen. 

......

 

Ich habe Tränen in den Augen. Ich verstehe - ich bin das "missing link". Ich habe diesen Kreis wieder aktiviert. Es brauchte einen Menschen, der mit dem Herzen fühlt und versteht, um das Licht wieder ins Strömen zu bekommen. Es brauchte mich. Hier. 

 

Jetzt spüre ich die ungeheure Kraft des Rings of Brodgar. Sie ist da. Ich weiß nicht, ob jemand anders das auch fühlen kann. Für mich ist der Ort wieder ganz wach. Ganz präsent. Ganz da. Für mich hat er sich wieder verbunden, mit der Erde, mit den anderen Plätzen. Für mich ist das Dornröschen aus dem Schlaf erwacht. Für mich ist Brodgar wieder der Hüter der Balance und Harmonie geworden. 

 

Mein Fühlen setzt aus. Mein Kopf möchte zweifeln. Ich - das Missing Link? Stapele ich da nicht etwas hoch und mache mich wichtiger als ich bin? Oh, das ist mein Kopf, darf ich vorstellen? Er ist wunderbar, dieser Kopf, besonders beim Zweifeln, aber jetzt ist nicht der Moment für dich. Ich möchte mein Fühlen wieder. Danke!

......

 

Ja, da ist es wieder. Und ich muss lachen. Es ist so wunderschön. Jeder Stein ist lebendig geworden. In jedem fühle ich die eigene Persönlichkeit jetzt ganz kraftvoll pulsieren. Ich kann die Menschen sehen, die diese Steine verkörpern. Sie sind Priester gewesen. Wächter. Menschen, die um die Energie dieser Erde wußten und um die Zusammenhänge. Menschen, die diesen Ort erschaffen haben. Für mich sind sie in diesem Augenblick lebendig geworden. Ich kann sie hören, spüren, riechen, sehen. Sie sind so lebendig wie ich. Jeder Stein hat eine ganz eigene Botschaft. Und jeder, der hören möchte, der fühlen möchte, wird das können. 

 

Ich verstehe auch - es ist völiig in Ordnung, dass die Steinkreise sich verändern, dass nicht mehr alles an seinem Platz steht. Denn es ist die Zeit, dass die Menschen das tun, wofür die Steine da waren. Es ist unsere Zeit, Harmonie und Balance in dieser Welt zu erschaffen. Es ist unsere Zeit, sie zu erhalten. Es ist unsere Zeit, Frieden und Einheit zu leben. Jeder von uns auf seinem Weg, an seinem Ort. In uns selbst und um uns herum. Es ist unsere Zeit. Deshalb gehen die Steine. Langsam. Stück für Stück. Sie machen uns Platz. Und das ist gut und wichtig. Wir sind mitten im Übergang.  Es ist eine fragile Zeit, eine wichtige Zeit. Der Staffelstab wird weitergereicht an uns. Und ich fühle das Vertrauen. Das Vertrauen des Lebens in uns. Wir sind bereit. Schritt für Schritt. Jeder zu seiner Zeit. Meine ist jetzt gekommen.

 

In mir ist Glück. Einfaches, pures, reines Glück. Und ich verstehe, dass meine eigene Reise gerade erst beginnt. Dass ich erst jetzt wirklich ahne, wozu ich in der Lage bin. Dass ich erst jetzt beginne zu verstehen, was für eine Kraft in mir steckt. Was kommt da noch, wenn ich jetzt schon diese Kraft habe? Wo ist der Horizont zu Ende? Die Orkney's geben mir die Antwort. Niemals. Er ist niemals zu Ende. Da ist nur Unendlichkeit.

 

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