Der Ort des Schlachtens

 Hinrichtungsplatz für Menschen und Tiere

                                                                                       Foto: Heike Würpel

Was bringt mich an einen solchen Ort? Was bringt mich an einen Ort voller Leichen? An einen Ort von Schmerz und Brutalität?

 

Eine grausame Geschichte. Denn hier, wo heute Smithfield Market steht, wurde am 23. August 1305 William Wallace, der schottische Freiheitskämpfer gefoltert und öffentlich hingerichtet. Seine Seele ruft mich hierher.

 

Mitten hinein in ein Blutbad. Zum Ort seiner Qualen und zum Ort seiner Erlösung.

 

Smithfield Market war der Hinrichtungplatz von London. Heute ist er der größte und wichtigste Fleischmarkt. Ein Ort, gefüllt mit Tierleichen. Als ich die langen Gänge dieses Marktes entlang gehe, wird mir schlecht. Hinter jedem Marktstand sehe ich die aufgereihten Hälften von Schweinen hängen. Fein säuberlich, in Reih und Glied sind sie aufgehangen. Hunderte. Endlos.

 

Es ist schockierend. Schockieren, die Seelen der Tiere zu fühlen. Sie sind so zerrissen und zerstückelt, wie die Teile, die vor mir liegen. Es liegt nicht daran, das sie starben, um gegessen zu werden. Tiere verschenken ihre Körper auch, um als Nahrung zu dienen. Das wäre vollkommen in Ordnung. Aber in den Augen ihrer "Schlachter" und auch in den Augen der Konsumenten werden sie zu Fleischstücken degradiert. Zu Dingen ohne Seele und Gefühle. Das ist die eigentliche Vergewaltigung. Die Achtung fehlt. Die Achtung vor dem Geschenk. Die Achtung davor, das ein lebendes Wesen sein Leben gibt, damit ich mich ernähren kann. Die Achtung vor der Kostbarkeit des Lebens und die Dankbarkeit für die Größe dieses Geschenks. Eine Achtung, die dazu führen würde, das wir wirklich nur das zu uns nehmen, was wirklich nötig ist. Das Mitgefühl, das aus einem Massenwahnsinn ein echtes Miteinander machen würde. So, wie ich es von Naturvölkern, wie den Indianern kenne. So, wie ich es selbst in vielen Leben schon gelebt habe. Und so, wie ich es jetzt tue, wenn mein Körper nach Fleisch verlangt. 

Foto: Heike Würpel

Achtung? Gleichwertigkeit? Fühlen? Alles das sind Fremdworte in dieser Umgebung. Die Männer, die hier arbeiten wirken bullig und kühl. Sie tun ihren Job. Fast mechanisch. Umgeben von toten Seelen. Wie lebendig sind sie selbst dabei geblieben?

 

Fotos sind nicht erlaubt. Aber ich entdecke eines von der Eröffnung des neuen Marktes an alter Stelle. Ein Bild von der damaligen Königin. Lächelnd. Umgeben von buckelnden Herren in Anzügen. Und vor allem, umgeben von geschmückten und mit Preisschildern versehenen Schweinehälten. Es ist unglaublich.  

Aber ich fühle nicht nur die Tierseelen schreien. Ich fühle nicht nur ihren Schmerz in meinem Körper. Ich fühle auch die Menschen, die hier umgebracht wurden. Hexen. Und ich spüre William Wallace. Ich fühle seine Hand in meiner. Seine Fassungslosigkeit. Die Lähmung. "Sie hatten kein Recht dazu." Nein, das hatten sie nicht. Niemand hat dieses Recht, über einen anderen zu urteilen. Niemand hat das Recht ein lebendes Wesen zu so einem Tod zu verdammen. Menschen, die selbst von ihrer Seele so weit getrennt sind, das sie dieser Grausamkeit sogar jubelnd zuschauen können, sie befehlen oder durchführen - solche Menschen töten sich selbst mit jedem Hieb selbst ein Stück mehr. Bis nichts mehr übrig ist. Ja, William, du wurdest abgeschlachtet. Wie all die Anderen. Ich höre die Menge feiern. Ich fühle deinen Schmerz. 

Und genau darum bin ich hier. Um das alles zu fühlen. Die Seelen wollen wahrgenommen werden. Die vergangenen und die heutigen. Sie wollen gesehen werden, sie wollen in all ihrem Sein gefühlt werden. Das ist es, was jetzt wichtig ist. Das braucht es, damit sie wieder fliegen können. Damit sie ihren Frieden finden. Als ich endlich an deiner Gedenktafel sitze, kann ich es spüren. Alles fließt durch mich hindurch, wie ein breiter Strom. Und langsam, ganz langsam sehe ich ein Licht auftauchen. In der Mitte des Marktes. Eine Lichtsäule. Ich kann mich selbst wieder fühlen. Ich kann meine eigenen Engelsflügel wieder fühlen. Und ich kann meine Liebe wieder fühlen. 

 

Jetzt schaffe ich es noch einmal durch diesen Markt gehen. So, wie vorhin. Nur diesmal ziehen meine Füsse einen Sternenspur. Diesmal kann ich alles betrachten und mich selbst trotzdem fühlen. Ich spüre den Frieden der Seelen. Den Frieden in mir. Der Kampf ist vorbei. Und ich lächle.....

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