Der Mittelpunkt der Erde

 Ein Herz aus Licht

                                                                                       Foto: Heike Würpel

Die älteste Kirche Londons. Das 11. Jahrhundert umgibt mich. Die Steine stehen auf Sumpfland. Der Stil - normannisch. Alles ist düster. Die Fenster sind klein, die Steine geschwärzt von Jahrhunderten. Ich bin der einzige Besucher. Nur der Wächter der Kirche ist noch mit mir hier. Einer der Männer, der in Englands Kirchen den Eintritt entgegennimmt. Es ist gewöhnungs-bedürftig für mich, Geld zu zahlen für einen solchen Ort. Aber davon abgesehen, dieser Wächter ist ein wunderbarer Mensch. Er liebt diesen Ort und zeigt mir die schönsten Plätze. Es ist gar nicht so leicht, angesichts seiner Begeisterung, wieder Zeit und Raum für mich zu finden. Aber dann lässt er mich allein. Und niemand stört meinen Frieden, solange ich hier bin. 

Foto: Heike Würpel

Ich setze mich in das Chorgestühl und werde ganz still. Der Lärm von London ist Millionen Lichtjahre entfernt. Die alten Mauern umhüllen mich wie einen Kokon und ziehen mich langsam hinein in eine andere Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die für mich viel realer ist, als der Wahnsinn dort draußen. Mein Gefühl für diesen Ort wird immer offener. Ich spüre eine unglaubliche Kraft hier. Es ist stärker, als alles, was ich je erlebt habe. Ich bin an einem echten Energieknotenpunkt. Einer Kreuzung von Leylines. 

 

Es ist ein direkter Zugang zu einem Fluß, den ich bisher nur aus Ahnungen kenne. Plötzlich ist das Bild da. Klar. Ein Kristallfluß. Eine ganze Welt aus Kristallen. Leuchtend, strahlend, wunderschön. Eine Welt aus Licht, üppigen Pflanzen und Lichtwesen. Sie umgeben mich. Begrüssen mich. Ich spüre die Freude, das sie jemand sehen und fühlen kann. Das jemand da ist, der sie wirklich wahrnimmt.

 

Ich kenne diesen Ort. Ich kenne ihn. In mir erwachen Erinnerungen aus einer Vergangenheit, die älter ist, als alles, was ich denken kann. Das hier ist der Mittelpunkt der Erde. Aber es ist auch der Ort, den ich als meine Heimat kenne. Der Ort, wo meine Seele zu Hause ist. Es ist der gleiche Ort, an dem auch die Seele der Erde zu Hause ist. Es ist die Heimat von uns allen.

 

Ich fühle mich so unendlich willkommen hier. Es ist so vertraut. Vertrauter als alles, was ich jemals fühlen konnte.

 

"Wir sind immer da." Ja, sie sind immer da. Sie sind wie eine Blaupause, eine Urform. Das Original. So, genau so, ist diese Welt gemeint. Genau so wird sie sein. Hier ist nicht nur Heimat, hier ist auch die Erinnerung daran gespeichert, wohin wir gehen. Das hier ist der Ort unserer Herkunft und an der Ort, zu dem wir uns entwickeln. Schritt für Schritt. Ganz langsam, aber so stetig wie ein Fluß zum Meer strebt. Beides ist eins. Doch dazwischen liegen viele Leben und der ganze Reichtum der Erfahrungen. Dazwischen liegt ein Weg, der uns ganz bewußt werden lässt. Ein Weg, der uns reich macht, weil wir jeden Schritt gefühlt haben. Nicht nur theoretisch, sondern mit jeder Zelle erlebt. Das ist der Unterschied. Und genau deswegen gehen wir den Weg zurück nach Hause. 

 

Der erste Impuls zu bleiben, er versiegt langsam, weil ich verstehe. Es ist der Weg, nicht das Ankommen, der den Schatz ausmacht. Es ist jeder Schritt, der das Geschenk ist. Meine Heimat wird immer da sein. Sie kann nicht gehen. Und es gibt auch keine Möglichkeit, sie nicht zu erreichen. Nichts davon steht in Frage. Ich kann nicht fehlgehen, ich kann nichts falsch machen. Ich kann nur reicher werden, mit jedem Schritt, mit jeder neuen Erfahrung. Es ist eine vollkommen andere Sichtweise auf das Leben. Und es ist ein Gefühl, das mich ganz ruhig werden lässt. Ganz still. Angefüllt mit Frieden. Und Neugierde. Neugierde auf die Welt vor der Tür. Auf das, was mich in den nächsten Monaten und Jahren erwartet. Und immer dann, wenn ich zurückkehren will, auftanken, mich erinnern, dann wird es die Tore geben, durch die ich hierher gelange. Es ist ganz leicht. 

 

Deshalb kann ich mich lösen von der Schönheit. Ich kann mich lösen von der Vollkommenheit. Der Reinheit und der Liebe. Ich kann das Licht verlassen, weil ich weiss, das es immer in mir ist. Ich werde es niemals wieder vergessen.

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