Fülle ohne Seele

 Sammelleidenschaft, die trennt

     Fotos: Heike Würpel

Es ist ein unglaublicher Ort. Als ich durch die erste Tür in die Ausstellungsräume gehe, schaut mich eine überlebensgroße Spinx an. Ägypten. Mitten in London. Gleich nebenan befinde ich mich im antiken Griechenland.

 

Nach kurzer Zeit schon ist mein Kopf voll und meine Augen können all' diese Vielfalt gar nicht mehr sortieren. ich habe das Gefühl, hier ging es nur noch darum, möglichst viel zusammenzutragen. Ein echter Sinn dahinter bleibt mir verborgen. Natürlich könnte man sagen, das nichts davon mehr in dieser Form erhalten sein würde, hätten die englischen "Jäger und Sammler" sie nicht aus allen Winkeln ihres Empire zusammengetragen. Natürlich kann man damit argumentieren, das es auf diese Art möglich ist, um die Welt zu reisen und trotzdem an einem Ort zu bleiben. Man kann auch sagen, das nur auf diesem Weg eine wissenschaftliche Untersuchung in all ihrer Tiefe machbar sein kann.

 

Aber für mich bleibt bei allen Argumenten das Gefühl, hier wird einfach nur dem Drang nachgegeben, sich selbst darzustellen. Frei nach dem Motto: "Schaut, was wir hier alles zusammengetragen haben." Eigentlich ist es ein buntes Sammelsurium aus allen Kulturen und Geschichtsepochen dieser Erde. Natürlich wohlsortiert. Klar. Aber es erinnert in der Vielfalt deutlich an die Exzentrik englischer Privatsammlungen in überquellenden Häusern. 

 

......

Die vielen Dinge, die hier versammelt sind, haben für mich ihre Seele verloren. Sie sollten nicht hinter Glasvitrinen verborgen sein. Sie sollten nicht in eckigen, sterilen, weißgetünchten Räumen den hungrigen Blicken Tausender ausgesetzt sein. Sie gehören nicht hierher. Sie gehören nur an den Platz, für den sie ursprünglich gemacht wurden. Hier werden sie zu einer Nummer in einem unübersehbaren Meer von Schätzen. Es macht mich unendlich traurig, das zu sehen und zu fühlen. Ich kann die Sehnsucht all dieser Dinge fühlen, wieder dort zu sein, wo ihre Heimat ist. Weil sie nur dort einen echten Sinn haben, der sich mit wissenschaftlichen Methoden niemals erfassen lässt. 

 

......

Ja, einige Schätze sprechen mit mir.

 

So, wie diese ägyptischen Herrscherköpfe. Ich fühle Verwandschaft. Ich erkenne sie wieder. Sie sind mir vertraut. Und zum ersten Mal denke ich daran, das ich auch Ägypten besuchen möchte. Bisher war es weit abgeschlagen auf meiner langen Reiseliste.

 

Aber ein kleiner Rest der Ausstrahlung ist hier noch spürbar. Ein matter Schein von wirklicher Pracht und Schönheit. Ein kleines flackerndes Kerzenlicht an Seele.

Ähnlich geht es mir mit den kunstvollen tantrischen Statuen aus Tibet und Indien. Sie erzählen die Geschichte einer ganzen Kultur, eines ganzes Glaubens. Es macht mich fast wahnsinnig, sie in diesem schrecklichen Glasvitrinen samt Kunstlicht betrachten zu müssen. Eine dieser kleinen Statuen berührt mich zutiefst. Es ist, als würde ich der Liebe direkt in die Augen schauen. Auch wenn die typische Hierarchie spürbar ist - der Mann ist größer, er beugt sich über die Frau - strahlt sie doch etwas aus, das in totaler Harmonie miteinander lebt. Ich kann mich nicht sattsehen. Nur wegen diesem Stück komme ich auch am nächsten Tag wieder und dann noch einmal. 

Am Ende finde ich noch einen anderen Schatz. Den "Tree of Life". Ein Baum aus Metall. Aus den Resten von Waffen. Waffen, die im Bürgerkrieg von Mosambique zwischen 1972 und 1994 tausenden von Menschen den Tod gebracht haben. Und nun bilden sie, gestaltet von vier Künstlern aus diesem Land, ein Symbol für Leben. Die Botschaft ist so tief.

 

Alles wandelt sich. Alles. Es kommt nur darauf an, wie wir Menschen die Dinge benutzen. Was sie in unseren Händen tun. Töten oder leben verkünden? Es hängt von uns ab. Von unserer Entscheidung. 

 

......

 

Am Ende von drei intensiven Tagen in diesem Museum gehe ich mit dem Gefühl, das es Zeit für mich ist, überall in der Welt zu sein. Ohne irgendein Land, irgendeine Kultur, irgendein Volk dabei auzulassen. Ich kann die Schätze fühlen, die überall auf mich warten. Ich freue mich auf die vielen, vielen verschiedenen Blickwinkel, unter denen das Leben sich in all den Ecken dieser Erde präsentiert. Und ich fühle diese Bestätigung in mir, diese Gewissheit, das wir Menschen sehr wohl eine ganz andere Zukunft gestalten können als den Untergang eines ganzen Planeten. 

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