Männliches Feuer

 Das andere Herz der britischen Insel

Foto: Heike Würpel

Menschenmassen. Unglaubliche Menschenmassen drängeln sich am Eingang. Ein Besucherstrom, der in jeden Winkel der Kathedrale reicht. Alle Völker versammeln sich hier. Und jeder dieser Touristen hat einen Audioguide in der Hand. Kopfhörer im Ohr. Jeder folgt dem angegebenen Weg. Natürlich sind die Kopfhörer nicht schalldicht. Ich höre all die Erklärungen von allen Seiten. Auf italienisch, spanisch, deutsch, französisch, japanisch, chinesisch. Besonders, als ich endlich einen Platz gefunden habe, der sich richtig anfühlt. Direkt vor dem Hauptaltar. 

 

Es fällt mir unglaublich schwer, mich zu konzentrieren. Weil ich alle diese Sprachen mehr oder weniger verstehe. Weil ich ihnen folgen kann. Und weil der Lärmpegel und die Energie der Menschen mich einweben will, wie in einem Spinnennetz. Was ich wahrnehme ist die Hektik der Menschen. Sie wollen alles wahrnehmen. Möglichst viel für ihr gezahltes Eintrittsgeld mit nach Hause nehmen. Sie fühlen sich an, wie Schüler, die verzweifelt versuchen, den Anforderungen eines - in diesem Fall - unsichtbaren Lehrers zu folgen. Die Köpfer bewegen sich synchron zu den Anweisungen ihrer selbst gewählten Führer. Niemand von ihnen kann die Seele dieses Ortes wahrnehmen. Sie sind alle viel zu beschäftigt dazu.

 

Aber ich bin nur deswegen hier. Und ich weiß sofort, trotz all der Ablenkungen, das hier ist neben Stonehenge der kraftvollste Platz, den ich in Britannien bisher spüren konnte. Das hier ist das Herz der Insel. 

 

Das erste, was ich wirklich fühlen kann, ist Feuer. Blankes Feuer. Vulkanmagma. Lodernde Glut. Brodelnde Masse. Es ist eine ungeheure männliche Kraft. In absoluter Reinheit. Scharf wie ein Messer und zerstörerisch, wie blanke Wut. Ich sehe Krieger, Kämpfer, Soldaten. Schlachtfelder. Ich sehe die Bilder und Auswirkungen einer Kraft, die höher, schneller und weiter sein muss, als alles um sie herum. Und dafür jeden Preis in kauf nimmt. Es ist eine Kraft, die wie ein Speer den Himmel zerteilt. Ja, das hier ist das Herz des britischen Königreichs. Das ist die Seele des Selbstverständnisses, mit dem dieses Land die ganze Welt regieren will. Das ist die Kraft, die ein britisches Empire möglich gemacht hat. Und das ist die Wucht, die bis heute das Gefühl hat, über allen anderen zu stehen. 

 

Es ist das blanke Gegenteil Frankreichs. Die Cathédrale Notre Dame de Paris taucht in mir auf. Die Energie dieses Ortes ist pure Weiblichkeit. Sind die beiden Länder deshalb immer wieder im Krieg gewesen? Ist darum bis heute kein echter Frieden in ihren Herzen? Weil sie die Gegensätze von Frau und Mann verkörpern? Es fühlt sich stimmig an. Selbst die Außenfassaden der beiden Kirchen wirken auf mich wie Geschwister.

 

Ich bin mir in diesem Moment meiner weiblichen Kraft sehr bewußt. Notre Dame ist in mir und ich beginne die Orte miteinander zu verweben. Zum ersten Mal gestalte ich ganz bewußt eine neue Energie. Ich handle, ich bin aktiv, ich habe einen eigenen Willen. Und ich folge dem Impuls, der in mir aufgetaucht ist. Zum ersten Mal lasse ich nicht nur geschehen. Und hier und jetzt ist das absolut richtig so.

 

Ich fühle den Wandel fast sofort. Die weibliche Kraft verändert das Gesicht des Kriegers. Es wird weicher. Sanfter. Runder. Die Soldaten halten inne. Sie stehen auf ihrem Schlachtfeld. Fast erstarrt. Weil sie nicht mehr weiter wissen. Wozu diese Waffen in ihrer Hand? Wozu das Kämpfen? Ihre Gesichter spiegeln die Fragen wieder. Sie wirken wie aus einem Traum erwacht. 

 

Am Altar erscheinen in diesem Augenblick Mann und Frau. Sie stehen gemeinsam dort. Ein Mann, der die Gesichtszüge von Jesus hat. Weich, kraftvoll und wunderschön. Alles zugleich. Die Frau ist wie die Verbindung von Amazone und Engel. Kämpferin, Stärke und Liebe. Alles ist in ihr verwoben. Pure Balance und Harmonie spricht aus beiden Wesen. Sie halten sich an den Händen, verbinden ihre eigenen Kräfte, ihre eigene Vollkommenheit und Ausgewogenheit mit dem Anderen. Und alles in der Kirche verändert sich.

 

Plötzlich ist der Weg frei, zum Kristallfluss. Zu dieser Welt, die ich in St. Bartholomew the Great zum ersten Mal gespürt habe. Alles liegt offen vor mir. Nicht grenzt die Welt des Lichts mehr aus von dem Ort hier oben auf der Erde. Alle Mauern sind verschwunden. Das Licht ist da. Es strahlt aus der Erde. Es strahlt vom Himmel. Es durchdring alles, was mich umgibt. Die Lichtwesen sind jetzt hier. Die Blüten, die Pflanzen, das Paradies, Garten Eden, meine Heimat. Es gibt keine Trennung mehr zwischen diesem Ort und der Kirche. Keine Trennung mehr zwischen dem hier und dem dort. Alles ist eins. Und die Energie fließt - ein stetiger, kraftvoller Strom. Sie wird nie mehr aufhören zu fließen.

 

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