Die Stimmen der Ahnen

 Begegnung mit meiner Geschichte

Ich weiß schon seit langer Zeit, das meine Seele und meine Herz zutiefst mit der Kultur der Indianer verbunden ist. Als Kind habe ich davon geträumt, die Geschichte der Eroberung Amerikas zu verändern. Ich habe mir gewünscht, das ich irgend etwas hätte tun können, um die Vernichtung zu verhindern. Eine Vernichtung, die ich selbst erlebt habe. In vielen Leben. So nah, so unmittelbar, das es mich schüttelt und in Tränen auflöst, sobald ich nur daran denke oder in leisester Art, daran erinnert werde.

 

In mir lebt die Erinnerung an brennende Tipis, an Todesschreie, an sterbende Freunde und einen Geliebten in meinen Armen, der seinen letzten Atemzug tut. In mir lebt die unendlich tiefe Trauigkeit, der rote, brennende Schmerz und die Hoffnungslosigkeit.

 

In mir lebt die Schamanin von damals. Die Warnungen, die ich damals aussprach, kann ich noch fühlen und hören. Ich höre auch die Verzweiflung, weil sie nichts daran ändern konnten, das am Ende alles in Schutt und Asche lag und ein mein Stamm verschwunden war. Ich weiß, wie es ist, allein zu sein, allein zurückzubleiben, nach einem Massaker. Ich kenne die "Schuld der Überlebenden".

 

Ich kenne auch den großen Kreis des Lebens, der alle Wesen, die bei solchen Ereignissen gelebt haben, wieder zusammenführt. Ich sehe heute wieder in die Augen meines Geliebten. Und ich fühle dieses Geschenk, heilen zu können, was ich an Wunden in mir trage. Ich fühle das Geschenk, zu erkennen, wer wir waren und heute sind. Ich fühle das Geschenk der Liebe, das einzige was am Ende wirklich bleibt.

 

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Und in mir lebt der Stolz auf meine indianische Kultur. Auf meine Geschichte. Auf meine Spiritualität. Den Stolz auf eine Lebensart, die zutiefst mit der Erde und dem Himmel verbunden ist. Ich kenne das Glück, in diesem weiten Land zu leben, die Prärie atmen zu hören und unter dem unendlichen Himmel schlafen zu gehen. Geborgen, sicher und vollkommen eins mit allem, was mich umgibt. Ich bin Indianerin. Ich bin lebendig. Und ich werde es immer sein. 

 

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All diese Facetten, sie erwachen wieder zum Leben - ganz präsent, ganz greifbar, ganz unmittelbar. Hier in Stockholm. In diesem Ethnografischen Museum. In der besten Indianerausstellung, die ich je gesehen habe.

 

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Ich fühle das Leder auf meiner Haut. Ich fühle meine langen Haare und der Geruch der Lagerfeuer kitzelt in meiner Nase. Ich höre die Trommeln, diesen Rhythmus, der tief in meinem Blut pulsiert und jeden Muskel vibieren lässt. Ich fühle die Bewegungen und dieses Gefühl, ganz eins zu werden mit der Nacht, dem Feuerschein und dem Puls des Lebens. Tanzen, tanzen möchte ich. Zusammen mit all den Anderen. Tanzen, um das Feuer. Verbunden, eins, mit allen Elementen.

 

Ich sehe deine Augen. Diese wunderbaren braunen Augen. Wir, die wir Indianer waren und im Herzen immer sein werden....

 

Ich fühle den Schmerz meines großen Volkes. Die Reservate, die Umerziehung, die falschen Schulen. Die Bilder vor mir an den Wänden erzählen von den Qualen. Sie erzählen von blanker Hoffnungslosigkeit, von der Aufgabe des eigenen Wesens. In den Augen dieser Kinder, dieser Erwachsenen hat sich die Seele in den letzten Winkel zurückgezogen. Das ist Nur eine Leere und Dumpfheit, die mir ins Herz schneidet und bei der ich sofort irgend etwas tun möchte, ohne es zu können... Ich weiß es. Die Bilder erzählen vom Stolz, der zerbricht. Stück für Stück, direkt vor meinen Augen. 

 

Sie erzählen auch davon, wie dieser Stolz jetzt wieder entsteht. In einem langen, langen, großes Kreis. Auf einem langen Weg. Da gibt es neue Grafiken. Neue Werke. Aktuell. Heute. Jetzt. Sie sind traumhaft schön. In ihnen ist alles verwoben und verbunden, was für mich die Seele der Indianer ausmacht. Die ganze Geschichte ist dort lebendig und reicht der Gegenwart und der Zukunft die Hand. 

 

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In mir beginnt sich Freude zu regen. Pure, reine Freude. Und eine Gewissheit, die mir eine Glückskugel mitten in den Bauch pflanzt. Nichts, nichts, nichts ist jemals verloren. Alles kommte zurück. Erneuert, geläutert, gehäutet, wie nach einem großen Sturm. Die Luft ist dann so rein und klar, wie niemals zuvor. So fühlt sich das hier auch an. Die Samen der Seele haben nur überwintert, tief und geschützt in der Erde. Sie spriessen jetzt. Kraftvolle grüne Schößlinge, die sich in den Himmel strecken und all das verkörpern, was sie immer waren. 

 

Ich verstehe. Ich verstehe, wie das Leben funktioniert. Ich verstehe, das jeder Schritt, jedes Leiden, jeder Schmerz seinen Sinn hat. Seine Berechtigung auf unserem Weg zu uns selbst. Ich verstehe, das nichts umsonst geschieht. Und ich fühle den Reichtum, den wirklichen Reichtum, der in all diesem weiten Feld der Erfahrungen liegt. Ein Reichtum, der die Grundlage ist für alles, was jetzt beginnt zu blühen. In mir, in dem, was ich hier vor mir sehe und auf dieser Erde.

 

Ich wäre nicht die, die ich jetzt bin. Ich hätte nicht diese Kraft, diese Stärke, diese Klarheit und dieses Strahlen in mir, wenn ich nicht den weiten Weg durch Schmerz und Blut gegangen wäre. Ich würde nicht so tief mit der Erde verbunden sein, wenn ich nicht auch die Leere ohne diese Verbindung erfahren hätte. Ich würde nicht so lieben können, wie ich es heute kann, wenn ich nicht auch durch diesen Strudel der Schuld gegangen wäre. Alles hat seinen Sinn. Alles gehört zusammen. Und nichts, nichts, nichts ist jemals verloren in dieser Welt....

 

 

 

 

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