Der Schmerz der Trennung

 Heilige Quellen - heilige Unwissenheit

Die Römischen Bäder sind heute einer der Hauptanziehungspunkte dieses schönen Ortes. Das bedeutet allerdings auch - sie sind überlaufen. So viele Menschen auf einem Platz habe ich selten erlebt. Alles drängelt sich in den alten Gemäuern, alles fotografiert, palabert, wird belehrt. Führungen überall. Und so gut wie keine Stille. Das Wasser fließt mitten durch das Areal. Kraftvoll. Immer hörbar. Aber wer wirklich in Kontakt damit kommen möchte, hat ein Problem. Denn überall warnen Schilder davor, es zu berühren. Und über die Einhaltung dieser Regel wird argwöhnisch gewacht. Der Grund? Offiziell? Das Wasser soll so mit Krankheitskeimen infiltriert sein, das es gefährlich sei, schon in Hautkontakt damit zu kommen. Aha. 

 

Ich kann nur mit dem Kopf schütteln, als ich das sehe. Denn für mich hat das Wasser eine vollkommen andere Austrahlung. Es steckt voller Energie. Positiver Energie. Heilender Energie. Hier macht nichts krank. Im Gegenteil. Aber ich könnte mir vorstellen, das eine Berührung solche Heilungskrisen auslöst, die oberflächlich betrachtet durchaus als Krankheit durchgehen können. 

 

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Ich ignoriere alle Schilder und nähere mich diesem Wasser. Seine Strahlung erreicht mich schon Meter vor dem eigentlichen Kontakt. Ich habe noch nie so kraftvolles Wasser erlebt. Es ist unglaublich. Wunderbar. Es zieht mich an wie ein Magnet und mein ganzer Körper reagiert auf diese Energie. Wie ein einziger großer Resonanzkörper. Die Welt um mich herum dimmt sich leise. In meinem Inneren tauchen Bilder auf. Kampf. Blut. Schreie. Schmerz. Tränen. Hier herrschte einmal Gewalt. Pure, rohe, unvorstellbare Gewalt. Dieser Ort hat Tod gesehen. Er fließt durch mich hindurch und ich lasse es geschehen. Ich bin ein offener Kanal für das, was da gefühlt werden möchte. Es schüttelt mich. Tränen fließen aus meinen Augen. Ich erlebe noch einmal, was das Wasser bewahrt hat.

 

Und dadurch öffnet sich eine neue Tür. Die Energie steigt rasant an. Meine Hände beginnen zu prickeln. Ich nehme um mich herum Menschen wahr, die auch zögernd beginnen, die Hände ins Wasser zur tauchen. Die Ausstrahlung ist jetzt pure Heilung. Und auf welcher Ebene auch immer, sie ist wahrnehmbar, für jeden.

 

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Damit wird allerdings auch der Aufseher alarmiert. Er unterbricht den Fluss in meiner rechten Hand. Wieder Gewalt. Rohe Gewalt. Auch wenn sie gut gemeint ist. Er möchte mich rein äußerlich schützen und setzt alle seine Autorität ein, um mich vom Wasser zu trennen.

 

"Ich berühre es auf meine Verantwortung." Erst scheint es, als würde das fruchten, aber nur einen winzigen Moment lang. Nein, er hat die Verantwortung. Ich bin entmündigt. Er weiß es besser. Oh, ich kenne dieses Gebaren so gut. Und es lässt in mir eine Feuerkugel erwachen. Wut steigt auf, ballt sich, wie unmittelbar vor einem Vulkanausbruch. Diese in Überlegenheit und Wohlwollen eingehüllte Angst lässt mich explodieren, wie eine Rakete.

 

Ich fühle Wiederholung. Das ist schon einmal geschehen, hier, in einem anderen, sehr viel gewaltbereiterem Kontext. Es war schon einmal da. Der Schmerz von damals und der von heute vermischen sich in mir. Alte Wunden werden sichtbar, brechen auf. Neue sind gerade im Entstehen. Ich will zu diesem Wasser, aber ich werde daran gehindert. Ich will zur Heiligen Quelle, aber etwas verstellt mir den Weg. Eine Macht, der ich nichts entgegensetzen kann, wenn ich nicht selbst zu dem Anderen werden will. Unendlicher Schmerz der Trennung.

 

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An wie vielen heiligen Orte ist das geschehen. Wie oft wurde unsere Seele mit Gewalt daran gehindert, die Erde zu fühlen und die ursprüngliche Einheit zu vergessen? Wie oft hat sich das wiederholt. Immer, immer wieder?

 

All die Bilder von anderen Orten stürmen auf mich ein. Orte, an denen der echte Kontakt unmöglich geworden ist. Stonehenge zum Beispiel, wo jeder Besuch einer Farce gleicht und die Steine nie berührt werden dürfen. Avebury, wo eine Straße quer durch den Steinkreis führt, Quellen, die unerreichbar sind. Trennungen durch Glaswände, Pumpstationen... Hier wird sie mir so bewußt, wie niemals zuvor, unsere eigene Trennung von uns selbst. Denn die Kraft der Erde gehört zu uns. Ohne sie, sind wir nur halb ganz. 

 

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Die Geschichtsschreibung kennt die Bilder, die in mir aufgetaucht sind übrigens nicht. Für sie gab es an diesem Ort, bevor die Römer ihn "zivilisierten", nur einen Schweine-Suhl-Platz. Was könnte noch deutlicher darstellen, wie es um das eigene Selbstwertgefühl dieses Volkes, das vor den Römern hier war, bestellt ist? Ich glaube kein Wort, von der Darstellung, aber ich weiß, das die Menschen es glauben und das es damit zu Wirklichkeit wird. Sie haben ihre eigenen heiligen Wurzeln nicht nur vergessen sondern sogar in den Schmutz getreten. Es tut weh, das zu sehen. Es tut weh, das zu fühlen. Sie huldigen den falschen Göttern und merken es nicht einmal.....

 

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Ich werde wieder kommen, an diesen Ort. Ich möchte wiederkommen. In einer Zeit, in der es stiller ist. Wann auch immer das sein wird. Die Verbindung jedoch, sie lebt in mir. Das Wasser strömt in mir. Wir sind eins. Und nichts kann das ungeschehen machen....

 

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