Boa tarde Portugal!

Die ersten, tastenden Schritte

Fotos: Heike Würpel

Vor zwanzig Jahren war ich zum ersten und bisher einzigen Mal in Portugal. Ich bin über die Hitze des Sommers gestolpert und habe in den vierzehn Tagen meines Hier-Seins den wirklichen Zugang zum Land glorreich verpasst. Auch wenn ich - rein äußerlich - alles dafür tat, um mich einzufühlen.

 

Ich bin über die Steilküste der Algarve gewandert, habe in den chaotischen Unterkünften von Aussteigern übernachtet und mit ihnen die Nächte durchgefeiert. Ich war in der Sierra de Monchique und atmete tief den Duft der Eukalyptus-Wälder ein. Ich saß mit einem Freund in einem kleinen Restaurant an der Küste, aß leckeren Fisch und trank Vinho Verde.

 

Am Ende war es ein Ausblick, der mich heute wieder in dieses Land gebracht hat. Der Blick von Sagres hinüber an die Westküste. Der Blick auf einen Strand mit wilden Wellen. Der Blick auf pure Freiheit und Natur pur. In dem Moment bekam ich eine Ahnung von dem, was hier wirklich wartet....

 

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Das Sonnenlicht von heute fühlt sich schmeichelnder an, als im Sommer vor zwanzig Jahren. Es ist warm, aber kommt als sanfte Brise und unglaublich sachtes Licht. Als ich über von Lissabon über den Tejo nach Süden fahre, tauche ich in ein Meer aus südlichen Farben ein und komme mir vor, wie in einen wunderbaren Wolkenwattebausch gehüllt. Der Horizont ist unendlich weit und das Wasser lässt mich von Fernen träumen, die alle ganz nah sind. 

 

Schon im Flugzeug habe ich mich in dieses Portugal verliebt. Nach den abgezirkelten Feldern von Deutschland und Frankreich, erscheinen mir die kleinen Fleckchen Bebauung so natürlich wie die grünen Hügel, zwischen denen sie sich einschmiegen. Alles fühlt sich stimmig an. Es passt zueinander. Da ist nichts Aufgesetztes oder Übergetünchtes. Keine fremde Ordnung sondern eine Form der Harmonie, bei der ich ganz glücklich werde. 

 

Der Blick am Boden ändert das erste Bild ein wenig. Aber trotz einem realtiv gesichtlosen "Allerwelts-Geschäftsviertel", in dem ich mein Mietauto in Empfang nehme, überrascht mich Eines sofort. Die Straßen sind so leer. Ich habe unendlich viel Platz, als ich fahre. Das macht es ganz leicht, die Umgebung mit allen Sinnen einzusaugen. Ich fahre gemütlich und langsam. Ich habe alle Zeit der Welt. Um mich herum beginnen die Korkeichenwälder. Alles ist grün. 

 

Das Alentejo begrüsst mich. Und ich fühle mich pudelwohl. Auch die Westküste mit ihrer Schroffheit gefällt mir total gut. Aber trotz allem, es zieht mich nach Süden. Zuerst muss es die Algarve sein. Auch wenn ich ahne, was kommt....

 

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Sie ist so schockierend, wie ich es mir eigentlich schon hätte ausrechnen können. Ich erkenne nichts wieder. Gar nichts. Naja, bis auf die roten Felsen. Aber alles, was rundherum gebaut wurde, lässt mich am Verstand der Menschheit ernstlich zweifeln. Gibt es wirklich Menschen, die in diesen Ferienwohnungsghettos Urlaub machen wollen? Gibt es Leute, die es toll finden, in weiß getünchten Reihenhäusern, Schulter an Schulter mit anderen Erholungssuchenden auf der Terasse zu sitzen und sich die Quadratzentimeter Strand zu teilen? 

 

Gibt es Menschen, die zufrieden sind, mit diesem Pseudo-Portugal? Den Lokalen, die das anbieten, was die Touristen sehen wollen? Gibt es Menschen, die nur das wollen, was sie zu Hause auch haben, nur halt mit mehr Sonne? Ja, es gibt sie. Diese Küste ist voll davon. Vom Portugal, das ich suche, kann ich hier kaum etwas finden. Ich irre mit dem Auto durch die weißen Mauern der Ferienhaus-Siedlungen und finde kaum den Weg zur Küste. Schleifen, Kurven, neue Häuser. Es ist ein endloses Labyrinth. Der einzige Lichtblick ist der Küstenweg. Aber auch dort reichen die Bauten nah heran. Ungewollte Tuchfühlung. Wenn ich um die falsche Ecke komme, überfällt mich auch noch der Blick auf die Wolkenkratzerkulisse der nächsten Stadt. Armacao de Pera, beispielsweise. Ich treffe nur Touristen, vor allem Engländer auf meinem Weg. Das ist verständlich, aber sollte die Schönheit des Landes nicht eigentlich eher für die Leute von hier da sein? 

 

Aber die sitzen an der Kasse des Supermarktes. Die Frauen, zumindest. Und dort kann ich auch zum ersten Mal etwas Portugiesisch lernen. Ich scheine die einzige Fremde weit und breit zu sein, die sich diese Freude macht. Denn die Sprache klingt in meinen Ohren wundervoll. Weichheit und Vollmundigkeit, Lässigkeit und Charme in einem. Ja, das fällt mir leicht und ich lerne mit Freude. Die Kassiererin findet es großartig und wiederholt geduldig und mit einem fröhlichen Lächeln die Laute, bis das, was aus meinem Mund purzelt, verständlich wird. Die Leute hinter mir in der Schlange müssen warten. Es macht viel zu viel Spass, so zu palavern. Bevor für sie wieder der englische Alltag beginnt.... 

 

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Hier prallen Welten aufeinander. Da gibt es diese Touristenwelt. Die einfache Touristenwelt. Die, der Pauschalurlauber aus England oder Deutschland. Zwei Wochen, alles gebucht und vororganisiert. Zwei Wochen Pendeln zwischen Strand, Hotel bzw. Ferienwohnung und Küstenort. Ende. 

 

Dann die Welt des Jet-Sets. Sie haben ihre Häuser auch an der Algarve, aber die gehören ihnen. Sie kommen nicht im normalen Flieger, sondern im Privatjet. Und für sie sind die exklusiven Geheimtip-Restaurants, die ich schon am ersten Tag anhand der geparkten Luxuskarossen vor der Tür identifizieren konnte. Manchmal üben sie sich auch in der Kunst des Understatements, aber so richtig erfolgsversprechend scheint mir das nicht zu gelingen. 

 

Zwischen diesen beiden Lagern tummeln sich die Portugiesen, die von beiden Gruppen leben. Sie wirken ein wenig verloren zwischen all diesem Wahnsinn. Ganz anders, als die Menschen, die ich auf dem Land getroffen habe. Menschen, die zwar arm sind, aber irgendwie genau dorthin gehören. Menschen mit klaren Wurzeln und dem Wissen um ihren Wert. An der Algarve ist das irgendwie verloren gegangen. 

 

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Aber zurück zu den "Fremden". Denn es gibt noch viel mehr "Menschen-Kategorien". Auswanderer zum Beispiel. Menschen, die sich hier unten eine eigene, neue Existenz aufgebaut haben. Weit weg von ihrer Heimat. Ihnen begegne ich zuhauf. Sie sind einerseits sehr symphatisch, weil sich in ihren Köpfen ähnliche ökologische Ideen regen, wie in Meinem. Sie packen zu und wollen etwas verändern. Aber genau das macht für mich auch die andere Seite aus.

 

Haben sie die Portugiesen vorher gefragt? Wurden sie eingeladen, ihr Wissen zu teilen? Oder haben sie sich aufgedrängt? Ist da nicht ein Touch Besserwisserei und Arroganz inkludiert, wenn ich wie ein Missionar in ein anderes Land ziehe, um den Segen meines Könnens zu verteilen? Ich bleibe sehr vorsichtig bei diesen Kontakten. Es fühlt sich nicht richtig an, nicht rund und nicht stimmig. Auch wenn der Kontakt zu den Menschen vor Ort da ist, bleibt für mich eine eigenartige Note in der scheinbaren Harmonie. Sie macht sich auch daran fest, das ich diese Auswanderer meist nur mit ihresgleichen im abendlichen Kontakt erlebe. Die Restaurants, in denen ich sie finde, ziehen niemanden anders an. Interessant....

 

Ja, und dann erlebe ich hier auch noch die Aussteiger. Menschen, auf der Suche nach ihrem Traum. So etwas wie moderne Tagelöhner. Sie betreiben Bars. Solange, wie es ihnen Spass macht. Was meist nicht soooo lang ist. Sie machen Musik. Manchmal sogar sehr erfolgreich. Sie folgen der Sonne und dem einfachen Leben. Sie freuen sich an den mit Obst gefüllten Bäumen und den nächtlichen Parties. Auch sie sind tagsüber am Strand zu finden. Den "Geheimstränden", versteht sich.... 

 

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Eine bunte Mischung. Zwiespältige Eindrücke. Wenn ich versuche, wirklich einfach nur Portugiesen zu treffen, wie gestern in Silves, höre ich bald schon frustriert auf. Die Algarve ist scheinbar zu touristisch dafür. Hier suche ich wie mit der Lupe nach der Stecknadel im Heuhaufen. Es wird wohl doch bald wieder in den Norden gehen. Sobald ich mich an den rötlichen Felsen dieser wunderschönen Küste sattgesehen habe... Und sobald meine Arbeit des Schreibens hier getan ist.....

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