Was am Ende bleibt

 Der andere Glauben

Fotos: Heike Würpel

Ich habe Rodin bisher für einen Menschen gehalten, den die Liebe inspiriert hat. Kein Künstler, den ich kenne, ist in der Lage gewesen, den menschlichen Körper so vollendet darzustellen. Keiner hat einem Stein so ein Leben einhauchen können. Nirgendwo habe ich die Vollkommenheit der Proportionen so klar fühlen können. Niemand hat für mich das Mensch-Sein so sehr umarmt, wie Rodin.

 

Und nun stehe ich hier, in seinem Haus in Paris und werde mit seiner anderen Seite konfrontiert. Mit der Seite des Glaubens. Mit einer Zerissenheit im Inneren, die meine Knie weich werden lassen und mein Herz ganz schwer. 

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Ich nehme zum ersten Mal in aller Wucht die Folgen einer Religion wahr, die kein gutes Haar am Menschen lässt. Rodin's "Höllentor" spricht eine so beredete Sprache, das man die Hitze der Verdammnis bis auf die Knochen spüren kann. In jeder kleinen Figur, in jedem Detail steckt ein solcher Schrecken, solcher Schmerz, solche Verzweiflung und ein so tiefes Gefühl der Trennung von allem Göttlichen, das meine Tränen von ganz allein fließen. Niemand. Niemand sollte so etwas glauben müssen. Niemand sollte sich so fühlen müssen. Niemand sollte das jemals für wahr halten.

 

Die Welt ist nicht so. Gott ist nicht so. Nichts davon stimmt. Nichts davon hat irgend etwas mit der Realität in meinem Inneren zu tun. Das hier ist die Hölle, die sich die Menschen selbst schaffen. Aus Angst, aus Selbstzweifel, aus dem Gefühl von Minderwertigkeit heraus und aus dieser tiefen Wunde der Einsamkeit. 

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Keine andere Skulptur kann den Aufruhr in meinem Herzen wieder beruhigen. Nicht einmal der weiße, strahlende Marmor mit dem der "Kuss" in so vielen Varianten und in solcher Entrücktheit und Echtheit dargestellt ist. Die andere Seite des Menschseins. Die andere Seite des Glaubens. Die Hoffnung auf ein Verweben, ein Verbinden, ein Ineinanderfließen, ein Eins-Werden stehen hier vor meinen Augen.

Aber ich spüre jetzt zum ersten Mal den Zweifel des Menschen, der diese Kunst schuf. Ich spüre, das sein Glauben eher zur Hölle tendiert. Das dieser Garten, dieses Haus, wie ein Schutzwall vor der Wirklichkeit seiner Seele steht. Eine kleine Insel in einem Meer der Verdammnis. Das Höllentor wirkt. Es wirkt in jeden Winkel dieses wohlgepflegten Grundstücks. Bis hinein in die letzte Ecke, bekränzt von steinernen Liegebänken, auf denen es sich in den Himmel träumen lässt. Vorbei an rauschenden Blättern der hohen Bäume. Alles das ist Kulisse. Es ist Refugium. So, wie die Arbeit. So, wie alle diese Skulpturen, die die Facetten menschlicher Körper so meisterhaft darstellen. Hinter all dem Hoffen und all der Kunst steht sie - unbeirrbar. Das Ende in der Hölle. 

 

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Gott kann ich hier nicht fühlen. Er ist nicht da. Nicht im Denken, nicht im Herzen von Auguste Rodin. Er ist nur ein Gedanke, eine Idee, ein Hoffnungsstrahl in der Dunkelheit. Aber die Dunkelheit, sie hat gesiegt. Für ihn.

 

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Es ist gut, zu gehen. Es ist gut, diesem Haus den Rücken zuzukehren. Es wird leicht, dieses lebende Mausoleum zu verlassen. Das hier ist nicht meine Welt. Das ist nicht mein Glauben. Und das ist auch nicht mehr meine Kunst.....

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