Der Geschmack der Einsamkeit

 Allein und getrennt von Allem

Die Welt um mich herum ist leer. Ich weiß nicht, wie ich die weiten Hochflächen hier nennen soll. Es ist grüner, flacher Bewuchs, mal stachelig, mal einfach nur wehrhaft. Aber er überzieht das Land, wie eine Schutzschicht. Direkt hinter den Hügeln fällt das Land schroff ins Meer hinunter. Hier ist nichts. Nichts außer dem Wind, der um meine Ohren greift und mein Haar tanzen lässt. Einsamkeit. Pure Einsamkeit. Kein Haus. Keine Bebauung. Nichts. Erst als ich den Hügel erklimme, erscheinen wie in einer Fata Morgana zwei Gehöfte. Am Horizont sehe ich Sagres. Aber dieses Gefühl der Einsamkeit bleibt. Ganz real. Ganz greifbar. Es fühlt sich an, wie das Laufen in einer Wüste. Es macht auch so durstig.

Foto: Heike Würpel

Den "richtigen" Weg verpasse ich, aber ich finde meinen eigenen. Denn der Monolith ist schon von Weitem zu sehen. Er leuchtet weiß auf einem dieser Hügel. Umrahmt von dornigen Büschen. Ich laufe querfeldein. Folge unscheinbaren Pfaden, die vielleicht Ziegen irgendwann einmal gebahnt haben. Und erreiche dieses Monument, das sich fast schon duckt. Es ist nicht hoch, es wirkt so, als wollte sich bei aller leuchtenden Helle verstecken. Tränen steigen auf. Traurigkeit fühle ich. Und sie wird stäker, als ich mich zu Füßen diesen Steines niederlasse. Mich an ihn lehne und die Sonne auf der Haut spüre. Die Sonne vorn. Die Kühle hinten.

 

Weinen. Weinen. Weinen. Alles fließt durch mich hindurch. Es ist eine so unendlich tiefe Einsamkeit, die hier spürbar ist, das es mein Herz zusammenzieht und meine Seele frieren lässt. In einem Bruchteil blitzen die Lichtpunkte der anderen Steinkreise auf, die hier einmal existiert haben müssen. Nichts davon ist mehr da. Nur er ist zurück geblieben. Der Monolith von Aspradantes. Alles anders wurde zerstört, wahllos. Oder es wurde versetzt, an neue Orte, die natürlich keine Kraft mehr haben können, weil die Steine und das Land auf dem sie stehen zusammengehören. Die Energien fließen nicht überall gleich. Die Erbauer wußten das sehr wohl. Die Menschen von heute nicht. Rein äußerlich scheint vielleicht alles gleich auszuschauen, aber das Geschenk und die Kraft dieser Orte liegt in der Energie, nicht in der äußeren Anordnung. 

 

Und so ist dieser Monolith allein geblieben. Ganz allein. 

 

.......

Foto: Heike Würpel

Ich kenne dieses Gefühl. Ich kenne es nur zu gut. Das Gefühl, auf dem falschen Planeten zu sein. Das Gefühl, von allem getrennt zu sein, das eigentlich zusammen gehört. Das Gefühl, in die Welt hinauszurufen und nichts zu hören außer dem eigenen Echo. Das Gefühl der Stille, die in den Ohren dröhnt. Das Gefühl des Abgeschnittenseins. Aber ich weiß auch, das es nur eine Facette der Wirklichkeit ist. Und das lasse ich jetzt hier hineinfließen. Mitten hinein in den Schmerz, der vom Stein in meine Zellen flutet. Ich schicke Licht und Glauben in eine Dunkelheit. 

 

.......

 

Und fühle Hände in meiner. Alte, zerfurchte Hände. Die Hände einer Frau. Jahrhunderte stehen in ihrem Gesicht. Blaue Augen blitzen dazwischen. Der Körper passt nicht zu der Seele, die ich unter all ihren Tränen fühlen kann. Sie kommt nicht von dieser Küste. Sie ist hier gestrandet. Eine Erinnerung teilt sie. Grünes Land. Tempel. Weiß im Sonnenlicht. Eine Insel. Atlantis. Sie teilt dieses Gefühl tiefer Verbundenheit. Menschlicher Wesen, die aber doch nicht wirklich menschlich sind. Wesen, die sich ihres eigenen Wesens sehr viel bewußter sind, als jeder Mensch heute. Das Bild verblaßt. Ihr Gesicht wird deutlicher. Sie weiß, das ich dieses Bild kenne. Sie, weiß, das ich dieses Land kenne. Sie weiß, das ich dort war und wieder dorthin gehe. 

 

Mit dem Erkennen wird ihr Gesicht jünger. Vor meinen Augen beginnen sich die Falten zu glätten. Und um mich herum fühle ich die Wesen erscheinen, die ich von den anderen Plätzen dieser Welt kenne. Von den Steinkreisen der Kanalinseln. Von Schweden. Von Schottland. Sie versammeln sich hier. Weil durch meine Erinnerungen, durch meine Präsenz, die ich an jedem dieser Orte hatte, eine Verbindung geschaffen wurde. Wie ein Netz aus Lichtpunkten. Sie leben in mir und deshalb kann sich dieser Ort jetzt auch wieder mit diesem Netz verbinden. es ist so wunderschön zu fühlen. Diese Freude zu erleben. Das Aufatmen. Und das Strahlen zu fühlen, wie eine aufgehende Sonne. 

 

........

 

Leichten Herzens erhebe ich mich. Die Tränen sind getrocknet. Ich bin umgeben von Lichtwesen. Sie feiern ihre neue Verbindung. Und ich weiß, es ist Zeit zu gehen. Die Einsamkeit ist vorbei. Das Allein-Sein ist Geschichte. Der Monolith lächelt. Und in mir lächelt meine Seele. 

Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Marco Schlüter / pixelio.de
Foto: Peter / pixelio.de
Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Herbert Raschke / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rolf Handke / pixelio.de
Foto: Susanne Richter / pixelio.de
Foto: roja48 / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Rudis-Fotoseite.de / pixelio.de
Foto: Peter A / pixelio.de
Foto: Carolin Daum / pixelio.de
Foto: Thomas Wiesendahl / pixelio.de
Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de
Foto: H.D. Volz - pixelio.de
Foto: hum / pixelio.de
Foto: Maren Beßler - pixelio.de
Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de
Foto: Alexander Altmann / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de