"Zeige dich!"

 "Du bist nicht hier, um dich zu verstecken!"

  Fotos: Heike Würpel

Mitten auf einem Golfplatz soll er sein. Der Dolmen von La Varde. Inmitten von schlägerschwingenden, elegant-sportlich angezogenen Männern, deren deutlich überdimensionierten Karosserien vor dem Clubhaus auf sie warten, stolpere ich über raspelkurse Rasenflächen. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Füsse dieses heilige Grün überhaupt berühren dürfen. Anderwo wäre wahrscheinlich schon die Polizei angerückt. Aber auf Guernsey sieht man das augenscheinlich alles wesentlich entpannter als ich es gewohnt bin. Hier darf ich quer über das Gras laufen.

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"La Varde" beginnt mit seiner Botschaft für mich schon jetzt. Als ich ihn nur versuche, zu finden. Erst als ich meinem Instinkt folge und alles Denken beseite lasse, erscheint diese grasbewachsene Öffnung vor mir.  

 

Alles wirkt größter als "La Déhus", aber die Verwandschaft ist unübersehbar. Es zieht mich sofort in eine Ecke. Ganz hinten, links. Weit entfernt und uneinsehbar vom Eingang. Hier hocke ich mich in den staubigen Boden. Meine Botschaft erreicht mich sofort. Kein Übergang, kein Einschwingen sind nötig. "Zeige dich. Du bist nicht hier, um dich zu verstecken. Zeige dich, wie du bist. Mit allem, was dazu gehört."

 

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In diesem Augenblick bezieht sich das ganz bewußt auf das Zeigen meines Körpers. Ich fühle, wie sehr ich mich für die Kurven verurteile, die im Lauf des Winters gewachsen sind. Ich spüre, wie dieser enorme Anspruch an mich selbst deutlich zu Tage tritt. Der Anspruch an äußere Perfektion. Der Anspruch, den Modellfiguren zu entsprechen, die mir jeden Tag in irgendwelchen Medien unter die Nase gerieben werden. Als das einzige Ideal, das wirklich zählt. So sehr ich mich auch innerlich davon für unabhängig erklärt habe, der Sog wirkt trotzdem. Jetzt hat er mich endlich spürbar eingeholt. So spürbar, das ich in mir zusammensinke und Wellen von Selbsthaß über mich hinwegrollen. Ich habe gedacht, ich hätte schon ganz tief gegraben und alles aufgedeckt. Von wegen. 

 

Mir wird bewußt, zutiefst bewußt, das es nur mein eigenes Bild von mir selbst ist, das mich "angreifbar" macht. Nur, wenn ich mir meiner selbst nicht sicher bin, wenn ich an mir etwas auszusetzen habe, dann werde ich auch Menschen begegnen, die mich mit ihren kritischen oder beurteilten Blicken ins Herz treffen. Es kommt nicht darauf an, solchen Menschen aus dem Weg zu gehen, denn es gibt sie überall. Ausweichen unmöglich. Aber ich kann meine eigene Einstellung zu mir verändern. Ich kann verändern, das ich mich durch die gnadenlose Jugendwahnlupe dieser Welt betrachte. 

 

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Wie schwierig dieser Prozess ist und wie stark die Beeinflussung, Konditionierung und Selbstverurteilung wirkt, das kann ich jetzt live fühlen. Es ist erschreckend, wie tief das Gift in meine Zellen eingesickert ist und alles beeinflusst, was ich vor mir im Spiegel sehe. 

 

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Ich spüre aber auch den Wandel und den inneren Umbruch, der bereits geschehen ist. Ich fühle den Weg, den ich schon gegangen bin. Einen weiten Weg. So, wie ich mich jetzt schon zeige, hätte ich es vorher niemals gekonnt. Das Selbstbewußtsein, das in mir gewachsen ist, hat Wurzeln, bekommen. Und diese Wunde in mir aufzudecken ist ein Geschenk. Aber es stellt nichts von dem in Frage, was in mir bereits lebt. Sie zeigt nur, das ich noch weitergehen werde. Viel weiter. So weit, das ich mich mit Stolz zeige. Mit dem Gefühl von Ganzheit, nicht von Makel. Mit dem Gefühl von Leichtigkeit und Liebe. Ohne Angst vor irgendeiner hochgezogenen Augenbrauer. Ohne Angst vor irgendeiner abwertenden Bemerkung. 

 

Ich zeige mich. Ich bin ich. Und es ist wichtig, so unendlich wichtig, dieser Welt auch Bilder zu schenken, die jenseits aller Modellkörper liegen. Weil sich nur dann etwas ändert, wenn jemand beginnt und neue Maßstäbe setzt. 

 

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Jedesmal an diesen Orten, diesen alten Stätten des Wachstums und inneren Wandelns, erlebe ich solche tiefen Prozesse. Und wie hier, bin ich unendlich dankbar dafür. Ich danke den Wesen, die diese Orte geschaffen haben. Als Brutkasten, als Inkubatoren für neue Schritte und eine Welt, in der die Liebe wirklich lebendig ist.

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