Mein Platz in der Welt

 Eingebunden und Eigenständig

Foto: Heike Würpel

Noch ist der Steinkreis rund zehn Kilometer entfernt, aber seine Wellen berühren mich schon jetzt. Tiefe Traurigkeit. Tränen. Ein erstickendes Gefühl. Einsamkeit. Immer wieder werde ich davon überrollt, als ich durch diese in schönstes Morgenlicht getauchte Korkeichenplantagen fahre. Ein idyllischer Platz ist es für mich. Weit entfernt vom Lärm der Straße oder der Stadt. Eine ganz eigene Welt. 

 

Die letzten Meter gehe ich zu Fuß, die Steine sind am Ende der langen Gerade schon auszumachen, und jeder Blick macht mein Gefühl der Traurigkeit intensiver. Lässt einen neuen Schwall von Tränen über meine Wangen laufen. Es ist die Trauer des "Nicht-Beachtet-Werdens", des "Nicht-Gesehen-Werdens". Das Gefühl, mit den Füssen getreten zu werden. An den Rand zu rücken. Alles andere ist wichtiger und überdeckt wie ein schwerer, erstickender Teppich jede liebevolle, heilende Energie.

 

Die Menschheit hat sich für das Chaos, den Lärm und die Zerstörung entschieden. Ich weine um alles, was dabei in diesem Moment auf der Strecke bleibt. Ich weine um die Liebe.

Foto: Heike Würpel

Der Platz ist ein Traum. Ich habe etwas ganz anderes erwartet, nach den Erzählungen. Etwas weniger friedliches. Etwas weniger kraftvolles. Aber die Energie hier pulsiert für mein Gefühl in voller Stärke und erreicht mich mit voller Wucht.

 

96 Steine gruppieren sich ohne erste erkennbare Ordnung, bis auf ein loses Oval am Hang. Der Blick reicht durch den Schatten der Korkeichen weit in die Ferne. Hinein in die Hügelwelt des Alentejo. Ich habe das Gefühl an einem viel höheren Ort zu sein. Es ist wie fliegen. Seit ich den Kreis betreten habe, werden aus den Tränen Sturzbäche. Die Traurigkeit ist allumfassend und greift in jede Faser meines Herzens.

 Fotos: Heike Würpel

Die Steine sind für mich wie eine Gemeinschaft. Sie verkörpern eine Gemeinschaft. Ich kenne die Erzählungen von Sabine Lichtenfels, die über diesen Ort in ihrem Buch "Traumsteine" geschrieben hat. Und ich hätte nicht gedacht, das ich es tatsächlich ähnlich empfinden würde. 

 

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Ja, auch für mich ist das hier eine Gemeinschaft, die durch die Steine representiert wird. Ich fühle mich vertraut unter ihnen, aber die Traurigkeit geht deshalb nicht. Sie fließt. Und fließt und fließt. Ein langer, breiter Strom bahnt sich durch mich seinen Weg. Die Quelle ist in mir. Und sie ist auch in diesem Boden. Ich bin ein Resonanzkörper und töne mit dem Ort in vollkommender Harmonie.

 

Ich weine um die Liebe. Ich weine um die Achtung. Ich weine darüber, das das Land und die Erde mit Füssen getreten werden. Ich weine darüber, das die Menschheit in ihrer Angst versinkt und sie für so normal hält. Ich weine über mich selbst. Meine eigene Position in diesem Ganzen. Dieses Gefühl ein einsamer Rufer in der Wüste zu sein. Und ich wünsche mir eine Gemeinschaft, wie diese, zu der ich gehöre. Die mich achtet. Die mich sieht. 

Foto: Heike Würpel

Ein Stein ist es, der mich anzieht. Der Traumstein. Der Stein der liegt. Fast zögernd gehe ich darauf zu, also wollte ich diese Position nicht einnehmen. Die ersten Impulse haben mich zu stehenden Steinen geführt, aber ich bin immer davor wieder abgebogen. Diese Plätze würden mich nicht verkörpern. Nur das hier ist richtig. Das hier bin ich. Die Position der Priesterin. 

 

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Ich setze mich und aus den Tränen wird Schmerz und Schluchzen. Ein Schleuse hat sich in mir geöffnet und schleudert all die Verzweiflung heraus, die ich so oft fühle über meine "Außenseiterposition". Ganz, ganz tief in mir. Ich habe eine tiefe Quelle berührt, die voller Dunkelheit steckt. Die Quelle, die mir immer wieder Ahnungen geschickt hat. Sehnsuchtstränen nach irgendeiner Art der Zugehörigkeit. Wie gestern in Tamera. Tränen, die ich weggesteckt habe. Beiseite geschoben. Jetzt sind sie alle da. Glitzern im hellen Sonnenlicht. Und es ist, als würde sich in mir eine Wunde ausbluten.

Das Thema ist nicht neu. Überhaupt nicht. Ich bin immer wieder dort hinein gereist. Von allen Seiten. Unter vielen Zusammenhängen. Auch in aller Intensität. Aber heute und hier habe ich einen Punkt erreicht, an dem der Schmerz noch viel tiefer sitzt. Anders existiert. Aus dem Blickwinkel der Menschengemeinschaft. So ist es mit jedem Schmerz, mit jeder Angst, mit jedem dunklen See, den ich in mir erreiche.

 

Es gibt viele, viele Themen, die damit verwoben sind. Und jedes möchte für sich selbst verstanden, gefühlt und gelöst werden. Jeder dieser Prozesse ist eine eigene Reise. Und jeder kommt mit einer Wucht, die mich wirklich alles durchleben lässt, was damit verbunden ist. Jetzt bin ich mitten drin, im Thema. Unmittelbar und deutlich lande ich auf rohem Fleisch. 

 

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Ich folge mit meinem Weg meinem Herzen. Ich spüre, wie richtig es ist, ihn zu gehen. Ich fühle die Freude und die richtiggehende Glückseeligkeit meiner Seele über diese Entscheidung. Aber ich habe auch dieses Gefühl, damit außerhalb aller Menschen zu stehen. Nicht mehr eingebunden zu sein. Und, was viel wichtiger ist, nicht geachtet zu sein. Ich habe viele Namen gefunden, für das, was ich bin und tue. Ich habe ein großes Selbstverständnis und auch Selbstbewußtsein darin. Sonst hätte ich all diese Schritt bis hierher niemals gehen können. Es baut aufeinander auf. Es ist ein stetiges Hineinwachsen. Jetzt stehe ich am nächsten Schritt. 

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"Du bist die, die das Leben träumt."

"Du bist die, die die Fäden spinnt." 

 

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Erleichterung. Klarheit berührt mich. Ein tiefes Gefühl der Wahrheit. Eine Weisheit aus tiefer Quelle. Der Quelle der Steine, der Quelle in mir. Sie befruchten sich gegenseitig, berühren sich, verweben sich, werden eins und schenken mir damit alles, wonach mein Herz in diesem Augenblick so sehr hungert. Sie schenken mir eine Position in dieser Gemeinschaft. Sie schenken mir Worte für meinen Platz. Sie schenken mir ein Selbstverständnis. Ein Gefühl für meinen Wert innerhalb dieser Welt. 

 

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Wieder und wieder bewege ich die Sätze in mir. Ich bin die, die das Leben träumt. Ich träume es ins Sein. So, wie die Aborigines, es in ihrer Kultur verinnerlicht haben. Ich erschaffe mit meinen Träumen eine neue Welt. Ich verbinde mit meinen Fäden, das, was zerrissen ist. Ich webe ein Netz aus Licht. Ich schaffe Verbundenheit aus Trennung. Ich webe eine neue Welt. Mit jedem meiner Schritte über diese Erde. 

 

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Alles das ist nicht neu. Keine dieser Erkenntnisse ist neu. Aber in diesem Zusammenhang, innerhalb der Gemeinschaft, habe ich sie niemals in dieser Klarheit fühlen können. Sie waren nie so präsent. so klar, so felsensfest sicher, wie in diesem Augenblick. In mir wächst ein Kristall aus Licht. Direkt im Bereich meiner Seele, zwischen und ein wenig oberhalb der Brüste. Ich fühle sein Leuchten. Es wärmt mich innerlich. Es lässt mich Strahlen und zum ersten Mal seit ich hier bin breitet sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus. 

 

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Ich bin die, die das Leben träumt. Ich sehe die Sterne, ich sehe das Universum. Ich erkenne die Bewegungen. Mein Träumen bewegt es. Ich bin die Quelle.

 

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Ja, das bin ich. Die Mitglieder der Gemeinschaft wissen es. Sie fühlen es. Und sie schenken mir die Achtung, die ich für mich selbst habe. Sie sind ein Spiegel. Wenn ich mich als Außenseiterin fühle, wenn ich mich einsam fühle, wenn ich mir selbst die Achtung für meinen Platz versage, dann werde ich das auch so erleben.

 

Es liegt an mir. Ich habe meine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Menschen selbst in der Hand. Ich habe die Achtung zum meinem Sein selbst in der Hand. Ich kann mich ins Abseits stellen oder mitten hinein ins Leben. Es ist meine Entscheidung. Und jetzt - in diesem Moment - kann sie zu einer bewußten und freien Entscheidung werden. 

Sie sehen mich. Sie sehen mich wirklich. Ich kann sie fühlen, um mich herum. Ich bin verbunden. Ich bin ganz ich und gleichzeitig verbunden. Das Entweder-Oder in meinem Herzen verschwindet. Beides, gleichzeitig ist möglich. Und ich wähle es. Nicht von meinen Fähigkeiten wird dadurch geschmälert, nichts geht verloren. Ich bin vollkommen frei. Und ganz ich selbst. Es ist eine Offenbarung.

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In diesem Augenblick taucht um mich herum der Kreis der Priesterinnen wieder auf. Es ist ein Kreis, den ich gut kenne. Vor Jahren schon, ist das Bild zum ersten Mal in mein Bewußtsein gestiegen. Es sind die Priesterinnen, die ich immer mit verwandten Seelen verbunden habe. Ein Kreis, in den ich aufgenommen wurde, zu dem ich gehörte.

 

Jetzt sehe ich in die Gesichter und mir wird klar, das sie alle ich selbst sind. In vielen verschiedenen Leben. In vielen Welten. Überall. Ich sehe mich selbst als Griechin, als alte, weise Frau. Wir alle sind eins. Es sind die verschiedenen Gesichter meines eigenen Wesens. Wir sind ein Kreis. Es ist nicht möglich, dort außerhalb zu stehen. Es war eine Illusion. Ein alter Schmerz. Ein Schmerz, der hier und jetzt heilen wollte und konnte. 

 

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Ich sehe mir selbst in die Augen. Ich sehe mein Gesicht. Alle die Facetten meines eigenen Wesens. Den Reichtum meines Inneren. Wie eine Blume öffnet sich diese Erkenntnis in mir. Sie öffnet jede Zelle und macht mich trunken vor Glück. Ich bin mir selbst so sehr bewußt, in jeder Faser meines Wesens, wie niemals zuvor. Pure, reine Freude. Feier. Jubel. Der Lichtkristall wird weiter und weiter. Die Sonne geht auf.....

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