Auf Tuchfühlung mit Tamera

 Widersprüche und verträumte Träume

Fotos: Heike Würpel

Ich fahre früh los, ganz früh. Die Sonne hat gerade ihre ersten Strahlen über die Sierra de Monchique geschickt, da mache ich mich auf in Richtung Norden. Tamera. Es hat tastsächlich geklappt mit dem Besuch. Gut einen Monat, bevor die Gästesaison beginnt, bin ich willkommen, weil eine Freundin mir den Platz zeigt. Allein, einfach so, ginge das nicht.

 

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Vier Kilometer Schotterpiste liegen zwischen der Straße und der Grundstücksgrenze. Ich bin ziemlich gut durchgeschüttelt, als ich plötzlich vor einem Wunder stehe. Eine großer See - mitten im knochentrockenen Alentejo. Er ist ein Teil eines großangelegten Bewässerungssystems, für das Tamera in der letzten Zeit auch die Aufmerksamkeit der Portugiesen weckt. Denn sie zeigen damit ganz lebensnah, das die sommerliche Dürre hausgemacht ist und durchaus Rückfahrkarten existieren. Sepp Holzer's unnachahmliche Beobachtungsgabe und der Gestaltungswillen der Leute in Tamera haben hier wirklich ein Wunder geschaffen. Es fühlt sich fantastisch an. Allein dafür lohnt es sich, hergekommen zu sein.

 

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Aber Tamera bietet natürlich noch vielmehr. Ich tauche in eine Fülle von Eindrücken - bunt gemischt. Der erste Blick, nach dem See geht über eine weit verstreute Ansammlung von Wohnwagen in allen Formen und Farben. Sie scheinen zwar nach einer ganz klaren Ordnung ausgerichtet zu sein, aber irgendwie erinnert es mich trotzdem ein Stück weit an ein Hippie-Lager. Irgendwie unfertig. Die Häuser, die es gibt, strahlen schmuck dazwischen. Lehm und Strohbauweise in Reinkultur. Ich spüre die Liebe, mit der alles getan und gerichtet wird.

 

Ich fühle aber auch Befremden. Die ersten und einzigen Laute, die ich bisher hier gehört habe, sind deutsch. Eine deutsche Insel mitten in Portugal? Platz der Aussteiger- und Sonnenträume einer alternativen Szene? So erscheint es mir, auf diesen ersten Blick. Und es bestätigt sich auch, in gewisser Weise. Der größte Teil der Bewohner sind Deutsche. Klar und eindeutig. Erst langsam, ganz langsam sickern andere Nationalitäten hinein. Auch Portugiesen. Aber im Augenblick - und Tamera ist mittlerweile knapp 20 Jahre alt - ist es tatsächlich so etwas wie eine deutsche Träumer-Kolonie. Und viele seiner Bewohner sprechen kein Portugiesisch. Auch das ist für mich ein Zeichen der Insel-Mentalität. 

 

Ich kann den Hintergrund verstehen. Sie leben hier mit aller Konsequenz eine neue Welt. Und das ist nicht besonders leicht, wenn man von dieser alten, lauten, chaotischen Realität umfangen wird. Aber es hat einen großen Touch von Weltflucht und Abkapselung trotz aller Kooperationen und Zusammenarbeit mit den portugiesischen Nachbarn. So ganz stimmig fühlt sich das Ganze nicht an. Gleichberechtigt eigentlich auch nicht.... Aber, ich schaue erstmal weiter.... Und es gibt viel zum Staunen hier.

 

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Auf der einen Seite erlebe ich wirklich eine neue Welt. Ich erlebe einen Ort, an dem sich die Natur erholt und alte Wunden heilen. Ganz so, wie es das Programm, der Name und die Intention dieses Ortes versprechen. 

 

Erfinderische Ansätze in allen Lebensbereichen sind hier Alltag und werden ausprobiert, egal wie ungewohnt sie auf den ersten Blick auch wirken könnten. Solar Valley ist zum Beispiel ein Bereich, in dem mit der Verwendung von Sonnenenergie ohne Kollektoren experimentiert wird. Dann ist das die Nähwerkstatt, in der Kleidung nicht nur als Second Hand Ware in einem stetigen Kreislauf aus Weitergeben und Nutzen ist, sondern in der die Kleider auch umgeschneidert werden, wenn gar nichts mehr geht. Hier herrscht Kreativität, Buntheit und Achtung. Hier wird nichts einfach weggeworfen, dafür ist der ganze Herstellungsprozess viel zu aufwending. Perfekt!

 

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Ich schaue ein wenig hinter die Kulissen des Wassersystems und spüre eine Natur im Wandel. Der Grundwasserspiegel steigt nachweislich wieder an. Das Wasser in den Seen ist ständig in Bewegung. Es gibt hier keine toten Staudamm-Kopien, das ist richtiges Leben und es begeistert mich, das Land so grün zu sehen und vor allem - zu fühlen, was sich verändert. Ich sehe die Permakultur Gärten und erfahre, das sich die Gemeinschaft im Winter eigentlich autark versorgen kann. Der Gästebetrieb der Sommer sprengt die Möglichkeiten allerdings bei Weitem. Nun, das kann ich nachvollziehen - 600 Gäste auf einem Haufen - das ist richtig viel....

 

Was ich als besonders positiv erlebe, das ist die Energie der Kinder und Jugendlichen am Platz. Sie haben hier wirklich ihr Paradies gefunden und sie gestalten es sehr aktiv mit. Das ist etwas, das mir ein richtig gutes Gefühl gibt. Für die Gegenwart und vor allem für die Zukunft. Ich kenne die Universität, die Friedensausbildung am Platz. Das alles sind Samen für eine neue Welt, hinausgetragen in jeden Winkel des Globus. Zu diesen Samen zählt für mich auch die Vernetzung der Gemeinschaft mit anderen Plätzen. Das Teilen des Wissens, das Teilen der Erfahrungen. Das sich gegenseitig helfen und unterstützen. So sollte es sein, finde ich.

 

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Aber es gibt noch eine andere Seite. 

 

Es ist die, die ich schon gespürt habe, bevor ich herkam. Die Seite, die durch die Energie von - wie sich herausstellt - vor allem Dieter Duhm, bestimmt wird. Seine Idee, seine Gedanken und seine Weltsicht prägen diesen Ort. Wie ein unterirdisches Wurzelsystem. Sie brennen ihm allerdings auch eine Form ein, die jeden persönlichen Gestaltungsraum beschneidet. Tamera soll ein geistiges Zentrum sein, aber Dieter ist ein Kopfmensch.

 

Alles, was spirituelle Qualität hat an diesem Ort, stammt von der Frau, die mit ihm diesen Ort gegründet hat - Sabine Lichtenfels. Aber sie wirken beide nicht gleichberechtig. Sie wirken nicht nebeneinander. Es gibt keine wirkliche Achtung von ihm für ihre spirituelle Arbeit. Für ihren Steinkreis beispielsweise. Es gibt eine Hierarchie. Und in der ist ganz klar Dieter der Chef. Und damit eine männliche Energie, bei der es mir kalt den Rücken hinunterläuft, weil sie mir nur allzu bekannt ist. Es ist die Energie, die niemanden wirklich neben sich duldet. Es ist die Energie, die alles bestimmen, alles kontrollieren und allem den eigenen Stempel aufdrücken muss. Es ist die Energie, die viele Männer, die führen, heute haben. 

 

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Sie erinnert mich an den Lebenspark in Tollense, an Bernhard. Sie erinnert mich an die Männer meines Lebens.... Alle hatten bzw. haben genau diese Struktur. Alpha-Tiere, sozusagen. Mein Umgang mit ihnen ist im Moment ein "auf Abstand sein". Denn so sehr sie sich auch ein wirkliches Gegenüber wünschen, die Zeit ist noch nicht reif, das wie es auch wirklich ertragen können. So geht es mir auch mit Tamera. Mit diesem Platz.

 

Es wäre kein Ort zum Leben für mich. Genau aus diesem Grund. Ich bin eine Führerin, genau, wie diese Männer. Ich bin autark, ich brauche sie nicht. Und ich durchschaue das Spiel und auch die Ängste, die hinter einer solchen Art zu sein, stehen. Das alles wird erst dann interessant, wenn diese Männer dazu bereit sind, ihren Thron zu verlassen. Erst dann, wenn sie sich wirklich auf Augenhöhe unter die Menschen mischen wollen. Sie müssen wollen. Und davon kann ich hier nicht das geringste spüren.

 

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Dieter hat in Tamera letztlich alle Fäden in der Hand. Er drückt jedem Bereich seinen Stempel auf, weil er ihn seiner Theorie von der politischen Wandlung der Welt, unterordnet. Jeden Tag gibt es hier Schulungen. Freiwillig, aber es gibt sie. Alle Ausbildungen haben diesen Grundtenor. Und auch Sabine hat diese Theorie weitestgehend zu ihrer eigenen gemacht. Adaptiert, aber immer noch deutlich erkennbar. Und - es gibt regelmäßig kleine Gruppen von "Adepten" des Lehrers. Sie wechseln. Weil die Menschen herauswachsen? Aber sie sind regelmäßig vollkommen überzeugt und begeistert. Sie bilden auch die Hierachie von Tamera. Denn hier ist nicht jeder gleich. Es gibt Gleichere. Die, die mit Dieter inhaltlich, gedanklich und menschlich übereinstimmen. Oder anders gesagt, es ist sein Fanclub. 

 

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Sein Willen ist es auch, der die Struktur der Gemeinschaft bestimmt. Es gibt dieses ungeschriebene Gesetz, das mit der eigenen Hände Arbeit auf dem Gelände kein Geld verdient werden soll. Sprich - keine Produktion von etwas. Ob kreativ oder anders. Das nimmt allerdings gleichzeitig den Leuten hier jede stimmige Möglichkeit, für ihre Talente einen Gegenwert zu erlangen, der ihren Lebensunterhalt sichern könnte. Es nimmt ihnen die Möglichkeit, mit dem was sie können, Geld zu verdienen. Sie arbeiten täglich ca. drei bis vier Stunden für die Gemeinschaft. Und sie zahlen Geld für Unterkunft und Essen. Täglich 15 Euro. Die müssen irgendwo herkommen.

 

Da es auf dem Gelände keine Produktion geben darf, weil das lt. Dieter das Gedankengut der kapitalistischen Wirtschaftordnung stützen würde, müssen die Leute auf anderen ziemlich obskuren Wegen das Geld für Tamera aufbringen. Die meisten arbeiten immer mal wieder wochenweise in Deutschland. Sie geben Massagen oder verkaufen Brezeln, um mal die gängigsten Varianten zu nennen. Oder, sie haben das Glück und leben von Rente. Portugiesischen Arbeit ist schwer zu bekommen. Außerdem ist da das Problem mit der Zeit. Denn schließlich ist ja die Gemeinschaftsarbeit auch noch zu leisten. 

 

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Was, um Himmels willen, hat das mit einer autarken Gemeinschaft zu tun? Was ist daran "unkapitalistisch", wenn die Leute in der Wirtschaft ihren "Marktwerk" fast verhökern müssen, weil sie keine andere Chance haben? Was ist "neu" an dieser Welt? Das Problem mit dem Geld bleibt doch. Es wird nur nicht auf dem Boden von Tamera ausgetragen sondern unsichtbar, weiter weg. Das ist Augenwischerei und Scheinheiligkeit für mich. 

 

Eigentlich ist es sogar noch schlimmer. Es negiert die individuellen Werte, Fähigkeiten und Schätze jedes einzelnen Bewohners. Geld ist nur ein Ausdruck eines adäquaten Gegenwertes, mehr nicht. Und der fehlt. Vollständig. Die ganze Balance stimmt hier nicht. Tamera erscheint mir als ein Ort, der nimmt, aber nicht gibt. Es hat etwas mit Selbstausbeutung zu tun. Harte Worte und ich spüre auch die Wut, die in mir dahinter steckt. Aber ich glaube, es ist stimmig, es so zu nennen. 

 

Es kann doch nicht sein, das Menschen, die hier leben wollen und täglich ihre ganze Kraft samt wunderbaren Fähigkeiten hier einbringen einbringen und dann woanders quasi betteln müssen, um hier sein zu dürfen. Mein Gott, die Gemeinschaft sollte mehr als froh sein, über jeden, der hier mit Elan, Kraft, Köpfchen und voller Energie Neues erfindet. Da muss es einen anderen Weg geben. Aber jeder neuen Erfindung steht Dieter Duhm's Gedankengut im Weg. Wie ein Staudamm, im Fluß. 

 

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Am Ende dieses Tages bin ich froh, wieder fahren zu können. Es gibt auch einen Teil in mir, der gern geblieben werde. Ein Teil, der die Gespräche total genossen hat und sie gern immer hätte, nicht nur einen Tag, unterwegs. Der Teil, der diesen Menschen hier ganz, ganz nah ist. Weil ich sie so gut verstehen kann. Aber ich weiß, das ist nicht mein Weg. Ich bin nicht dafür geschaffen, zu bleiben. Nicht in dieses Konstellation, nicht unter diesen Voraussetzungen. 

 

Und so fahre ich hinein in die warme Abendsonne. Die Gebäude, der See, das grüne Tal, es versinkt hinter mir.....

 

Mach's gut, Tamera. Wir werden uns wiedersehen.... Und danke allen Menschen, denen ich dort begegnen konnte und die mir sehr offen erzählt haben, wie es ihnen geht....

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