Das Heiligtum Portugal's

 Monument einer verlorenen Vergangenheit

 Fotos: Heike Würpel

Entgegen den Legenden entstand das Kloster nicht als Jubel über die gelungene Seefahrt von Vasco da Gama, 1499. Es wurde schon drei Jahre vorher in Auftrag gegeben. Aber sowohl Portugiesen als auch ihre Gäste haben es in ihrem Gefühl zu einem Gral der portugiesischen Weltmacht werden lassen.

 

Das Gebäude ist manuelische Architektur in ihrer reinsten Form. Manuelik? Die portugiesische Variante der Hochgotik. Benannt nach König Manuel dem I., der über Portugal in der Zeit der großen Entdeckungsfahrten herrschte.

 

Die überbordende Pracht, die Verspieltheit, die Exotik der Motive ist einzigartig. Sie konnte nur entstehen, weil sie von den vielen neuen Eindrücken der Seefahrer gespeist wurde. Vor allem anderen jedoch stehen ihre Fundamente fest verankert auf dem Reichtum, der aus den Kolonien nach Portugal floß. Blutgeld. Gewonnen aus der gnadenlosen Unterdrückung und Ausbeutung der neuen Länder. 

 

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An all' das muss ich denken, als ich vor diesem riesigen Gebäude stehe. Die Fassade ist so verschnörkelt und verkringelt, das meine Augen nicht wissen, wo sie anfangen und enden sollen. Es ist irgendwie schön, auch wenn die Sonne fehlt, um den Stein leuchten zu lassen.

 

Aber es ist auch überladen. Ein Zuviel des Guten. Genauso, wie die vielen Menschen, die hinein wollen. Es ist Sonntag. Ich wusste, es würde voll werden. Denn heute ist alles in Belém kostenlos zu besichtigen. Auch der Kreuzgang des Klosters. 

 

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Mein Besuch folgt seiner eigenen Regie. Ich brauche Stille. Denn ich fühle schon jetzt, das dieser Ort heftige Gefühle in mir bewegt. Sobald ich auf eine Kirchenbank sinke, beginnt das Fliessen der Tränen. Wie auf Kommando. Ich sitze ganz in mich versunken und habe noch keine Ahnung, wohin mich die Reise diesmal führen wird. 

 

Da ist sie wieder. Diese unendlich tiefe Traurigkeit, die mir hier in Portugal auf Schritt und Tritt folgt. Es ist die Trauer der Menschen dieses Landes, die durch mich hindurch strömt. Trauer über eine Vergangenheit, die nicht wiederkehrt. Trauer über den Verlust der eigenen Größe. Trauer über die Schicksalswege des Lebens. Sie liegt wie ein Leichentuch über diesem Ort und erstickt jedes andere Gefühl. Ich höre die Schluchzer, die verzweifelten Gebete. Die Steine haben sie aufbewahrt, wie eine Chronik. Ich höre die Bitten um neues Leben, neue Hoffnung. Tausendfach. Zehntausendfach. Ein Echo, das in mir dröhnt. 

 

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Ich sehe Menschen. Eine unzählige Menge, die gegen ein reich verziertes Portal drängt. Die Fingernägel kratzen am Metall der Pracht. Blut. Schreie. Verzweiflung. Sie wollen hinein, um jeden Preis. Hinein in den Himmel, der sich für sie hinter diesem Portal verbirgt. Aber es bleibt verschlossen. Gott hört nicht. Gott antwortet nicht. Jedenfalls nicht so, wie sie es sich wünschen. Und alles andere hören sie nicht. Ihr Weg geht nur durch diese Tür. Sie sind so fokusissiert wie ein Kaninchen vor einer Schlange. 

 

Mit jeder Sekunde wird ihre Hoffnungslosigkeit greifbarer. Die Gebete um Eintritt bleiben ohne Antwort. Der Himmel schweigt. Es blitzen Bilder von der Weite des Meeres auf. Erinnerungen an Abenteuerlust, an Mut. Erinnerungen an die Zeit, in der etwas gewagt wurde. Etwas Neues. Nie da gewesenes. Wohin ist dieser Geist verschwunden? Ist er erstickt worden in den Jahren der Diktatur? Wohin ist die Weite der Seelen verschwunden? Die Erinnerung an den wirklichen Himmel, der niemals verschlossen ist? 

 

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Ich möchte helfen. Ich würde gern einen neuen Impuls in diese Energie geben. Und mir wird sofort bewußt das ich selbst dabei unsichtbar bleiben muss. Denn ich spüre, wie sich die Menschen sofort auf jedes lebende Wesen stürzen würden, wie auf einen neuen Gott. Sie suchen nach einem Führer. Sie suchen nach jemandem, dem sie bedingungslos hinterherlaufen können. Immer noch. Auch nach vierzig Jahren Freiheit nach der Diktatur.

 

Es ist etwas, was tief verwurzelt ist. Verantwortung abgeben. Folgen. Nicht selbst denken und handeln. Alles gesagt bekommen. Und danach leben. Ich kenne das nicht nur von hier. Ich kenne das nur zu gut aus meiner Heimat. Vielleicht fühle ich auch deshalb eine so tiefe Verbundenheit zu diesem Land. Wegen meiner eigenen Geschichte.

 

Meine Stimme kann ich hören. Leise. Ganz leise. Ich schaue Menschen in die Augen, erinnere sie daran, das in ihnen selbst dieses Tor zum Himmel ist. Das nur sie den Schlüssel haben. Meine Finger streichen sacht über Stirnen, schicken Licht. Aber ich spüre auch, das es die Menschen nur verwirrt. Sie wollen das nicht wissen. Sie wollen das nicht hören. Sie wollen weiter gegen diese Tür stürzen, dort draußen. Sie warten weiter auf ihren Führer. Den Retter. Den Helden. Den, der sie von sich selbst befreit. 

 

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Ich gehe. Still. Und habe das Gefühl, das es gar nicht nötig ist, irgendwie zu helfen. Selbst meine Stimme hier ist nicht nötig. Sie ist schon viel, zuviel. Meine Hilfe ist nicht gefragt. Niemand hat mich danach gefragt. Deshalb ist es gut, einfach nur hier zu sein. Mehr nicht. Meine Anwesenheit reicht. Mein Fühlen reicht. Das Schreiben ist mehr als genug. Alles andere braucht Zeit. Viel, viel Zeit. Der Weg wird in ihren Herzen geboren. Dort, wo sich auch die wirkliche Tür öffnen wird. Und der Himmel offen steht.

 

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Als ich wenig später in diesem vielbesungenen Kreuzgang stehe, bin ich nur kurz geblendet, dann abgestoßen. Es ist zuviel. Viel zuviel Pracht, Verschnörkelung und Zur-Schau-Stellung von Reichtum. Es wirkt wie einer dieser barocken Paläste, in denen sich die Engel gegenseitig mit Goldflitter übertrumpfen. Am Ende wirkt alles schal. Meine Augen kann nichts fesseln. Sie irren umher, wie ein Schiff im Sturm. Diese wunderschönen Details verschwimmen ineinander wie die Wogen des Ozeans und versinken.

 

Das hier ist kein Glanz für mich. Auch wenn ich die Schönheit der Phantasie, die dahinter steht, umarmen kann. Aber auch Kreativität und Phantasie brauchen einen Rahmen, um zu wirken. Das lerne ich in diesem Moment.

 

Es braucht Beides, um alle Sinne schwelgen zu lassen. Es braucht das Herz, es braucht die Seele und es braucht den Kopf.... Zusammen sind sie ein wunderbares Team.

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