Am anderen Ende der Schlösser

 Abseits der Pfade

 Fotos: Heike Würpel

Ich sehe die Touristenmassen schon von Weitem. Die großen Busse, das Stimmgewirr.

 

Wenn ich nicht schon beim Aussteigen aus dem Bahnhof entschieden hätte, meinem Herzen zu folgen, das nur von dem hoch über dem Ort winkenden Castelo dos Mouros (Kastell der Mauren) angezogen wird, hätte ich spätestens hier einen Weg am Königsschloss vorbei genommen. Die Pracht lockt mich nicht. Mich lockt die Stille. Und dieses Adlernest von einem Bau, das dem Himmel so nah ist.

 

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Es geht steil hinauf. Sehr steil. Mit jedem Schritt wird die Traurigkeit in mir stärker. Mit jedem Schritt lockern sich die Tränen mehr. Das Bild der maurischen Kriegerin taucht wieder auf in mir. Ich habe es zum ersten Mal in Silves gefühlt. Dann wieder in einer magischen Mondnacht auf dem maurischen Kastell von Aljezur. Und gleichzeitig sehe ich die Indianerin. Beide Frauen sind ich. Und ihre Ähnlichkeit miteinander trifft mich wie ein Blitzschlag. Sie beide tragen einen Geliebten zu Grabe. Jetzt kommt noch ein Bild dazu. Eine atlantische Priesterin. Auch sie steigt hinter einem Sarg diesen Berg hinauf. Und mit ihm einen Teil von sich selbst. Abgrundtiefer Schmerz entlädt sich wie ein Vulkanausbruch in mir. Und ist sofort darauf verschwunden. Weil eine Erkenntnis wächst. 

 

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Alle diese Frauen haben ihre Seele an die des Mannes gebunden. Aus diesem klaren inneren Gefühl heraus, das sie Eins sind. Ein Wesen. In Bruchteilen von Sekunden stelle ich die Verbindung her zu dem, was ich von Shirley McLane über ihren Jakobsweg in Spanien gelesen habe. Ihre Reise zurück in eine Zeit, in der Männer und Frauen ein gemeinsames Wesen darstellten und erst in Atlantis getrennt wurden um eigene Erfahrungen zu machen. Beim ersten Lesen hielt ich das noch für eigenartig. Beim zweiten und dritten spürte ich die Kraft dieser Vision auch in mir. Sie wurde zu meiner Realität.

 

Ich kenne "meine andere Hälfte". Und ich kannte sie in vielen Leben. Als Indianerin. Als Atlantis-Priesterin und auch als Maurin. Immer wieder sind wir zusammen in dieser Welt gewesen. Und immer wieder habe ich dabei ein bestimmtes Muster gelebt. Aus verschiedenen Blickwinkeln. Aber mit dem gleichen tiefen Schmerz.

 

Ich wollte in jedem Leben die Einheit der Seelen wiederherstellen. Ich habe so gelebt, als wären wir Eins. Und ich habe das Handeln des Mannes als meine Eigenes betrachtet. Ich habe die komplette Verantwortung für ihn übernommen. Jeder seiner Schritte, die irgend etwas zerstört hat, war mein Schritt. Es war mein Versagen, ihn nicht davon abhalten zu können. Es war meine fehlende Kraft, die ich dafür haftbar gemacht habe.

 

In jedem Leben waren die Männer für irgendeine Art der "Katastrophe" verantwortlich. In jedem Leben ist meine Schuld größer geworden. Und die Verantwortung lastete schwerer auf meinen Schultern.

 

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In Atlantis hat mein Partner mit den Kräften des Erdinneren gespielt und sie dabei entfesselt und ins Ungleichgewicht gebracht. Die Folge war der Untergang des Landes. Feuer. Vulkanausbrüche. Ich habe es kommen sehen. Ich habe gewarnt. Aber ich musste letztlich zuschauen, wie meine Heimat im Meer versank. Ich musste zuschauen, wie er den Befehl gab, der alles in Gang setzte. Er war so fasziniert von der Macht, das jedes meines Worte im Wind verwehte. Damals war ich am wenigsten sicher in meinem Fühlen. Meine Stimme war am kraftlosesten. 

 

Als Indianerin hatte ich eine Vision von dem Überfall unseres Dorfes durch Weiße Soldaten. Ich habe ihn gewarnt. Er nahm mich nicht ernst. Und was geschah, geschah. Mein Volk versank im eigenen Blut und ich hielt einen sterbenden Geliebten in meinem Arm. Auch dieses Gefühl der Schuld, habe ich in dieses Leben mitgenommen. Dieses Gefühl nicht laut genug gerufen zu haben. Das Gefühl, versagt zu haben. Weil meine Stimme nicht konsequent genug war. 

 

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Aber, das wird mir jetzt in aller Deutlichkeit klar, es ist nicht meine Verantwortung. Ja, wir sind Eins, wir waren eins und unsere Seelen wissen das sehr genau. Doch jetzt in diesem Leben lerne ich, das wir gleichzeitig zwei getrennt Körper und Wesen sind. Jeder mit einem eigenen Weg. Jeder mit einer eigenen Verantwortung für jeden Schritt. Sein Schritt ist nicht mein Schritt.

 

Diese Unterschiede anzuerkennen, bedeutet nicht, das eigene Wesen zu verleugnen. Es bedeutet nicht, meine innere Wahrheit zu vergewaltigen. Es bedeutet nicht, mein Gefühl des Eins-Seins mit Füßen zu treten. Es bedeutet nur die Realität dieser Welt anzuerkennen. Wir sind eins und wir sind zwei komplett voneinander getrennte Wesen. Mann und Frau. Jeder geht seinen eigenen Weg. Jeder ist nur für sich selbst verantwortlich. Für sein eigenes Handeln. Nicht für das des Anderen.

 

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Der Liebe tut das keinen Abbruch. Der Verbindung tut das keinen Abbruch. Und der Einheit der Seele erst recht nicht. Sie sind gleichzeitig da. Bisher war das immer ein Ausschlusskriterium. In keinem Leben habe ich diese Gegensätze unter einen Hut gebracht, bis jetzt. Jeder meiner Schritt in den letzten Jahren hat mich hierher geführt. Stück für Stück ist diese Erkenntnis in mir gereift und hat die Liebe zu dem Mann von allen Ketten befreit. Nach jedem Schritt ist die Verbindung paradoxerweise tiefer geworden, weil sie freier fliegen konnte. Mit jedem Lösen fühle ich mich tiefer verbunden.

 

Die Liebe, die jetzt in mir fließt, ist wie ein Ozean. Unendlich. Die Klarheit, die ich jetzt spüre, ist wie ein makelloser Spiegel im Morgenlicht. Ich bin nicht er und gleichzeitig sind wir Eins. Tiefste Wahrheit meines Lebens.  

 

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Ich schaue vom Gipfel des Berges, von den Mauern des Kastells hinunter ins Tal. Ich sehe das zweite Königsschloss, das den nächsten, höhreren Gipfel überdeckt. Es stört. Es gehört nicht dorthin. Es ist wie eine falsche Krone, ein Mißklang im Ganzen. Genauso, wie die Hochhäuser von Lissabon, die bis an die Grenzen von Sintra reichen. Der Horizont ist voll von ihnen. Die ganze Bahnfahrt hier hinauf haben sie mich begleitet. Da ist keine Schönheit, da ist nur Zweckmäßigkeit. Betrrachtet aus einem sehr engen Blickwinkel. Die Schönheit der Natur wird mit jedem dieser Häuser eingeengt. Die Trabantenstädte sind Kraken, die ins Grün reichen. Krebsgeschwüre im Land. So fühle ich sie.

Aber die ganze Verzweiflung darüber ist weg. Verschwunden. Ich kann den Wahnsinn anschauen und lächeln. Weil es nicht mehr mein Werk ist. Ich habe keine Verantwortung dafür. Ich brauche kein Schloß mehr hier zu besuchen, um einem Teil von mir zu huldigen. Ich brauche keinen Schritt mehr in eine falsche Richtung lenken. Ich kann gehen. Still. Mit mir. Ich kann hier oben sitzen und in Freude baden, weil ich mich selbst gefunden habe. Unabhängig, allein, frei. Und im gleichen Moment in purster Seeleneinheit... 

 

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Meine Schritte hinunter sind ein Tanz. Mein Herz lacht und verarbeitet die Erkenntnisse. Ich fließe durch die Touristenströme des Ortes, wie Wasser. Kein Widerstand, kein Halten. Das ist nicht meine Welt. Es ist ihre. Die Abgrenzung fällt mir so leicht. Und damit wird auch mein Weg ganz leicht. Es wird ganz leicht ihn zu gehen. Ich muss nicht mehr warten. Ich muss keine Rücksicht mehr nehmen. Ich muss nicht innehalten oder mich schlecht fühlen, weil mein anderes Ich in eine ganz andere Richtung möchte. Ich bin frei, ich selbst zu sein.... Als Frau. Als Wesen, mit mir. Geteilt und ganz.

 

Was für ein Geschenk!

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