Die Spuren von Lissabon 

Ein Woche mittendrin

Wie habe ich es geschafft, hier zu überleben? Wie habe ich es geschafft, mitten im Gewusel einer Großstadt ich selbst zu sein? Ich weiß nach dieser einen Woche auf jeden Fall, das kein weiterer Tag mehr geht. Ich bin am Ende. Der Lärm ist zu laut geworden. Ich brauche Stille. Richtige Stille. 

 

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In den letzten drei Tagen habe ich immer wieder Orte gesucht, in denen ich meinen eigenen Gedanken wieder lauschen konnte. Ich habe Orte gesucht, die nicht übervoll waren mit Hektik, Streß und Eile. Cascais. Estoril. Sintra. Und heute morgen, Almada, auf der anderen Seite des Tejo. Dort saß ich in der Sonne, schaute auf die Brücke des 25. April und wußte mich weit weg von allem. Die Stadt sieht aus der Ferne wie ein Märchen aus.

 

Und auch beim Näherkommen ist sie das noch. In den ersten Tagen. In der Zeit des Entdeckens. In den Augenblicken, wenn keine Rush Hour herrscht. Früh am Morgen, wenn alle diese Party-Gänger noch verschlafen im Bett liegen. Wenn niemand vor meinem Fenster hupt, weil es nicht weitergeht. Die Zeit, in der die legendäre 28er Straßenbahn, die direkt bei mir vorbei fährt, noch leer ist und ich sicher einen Platz bekomme, von dem aus ich gemütlich die Stadt an mir vorüberziehen lassen kann. 

 

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Ich konnte mir selbst täglich dabei zuschauen, das meine Wohlfühlschwelle abnahm. Die Zeit zwischen innerer Balance und den Ausrasten über die Menschen um mich herum wurde stetig kürzer. Auch wenn ich eine eigene Wohnung nur für mich habe und jederzeit die Tür hinter mir zumachen kann. Der Lärm dort draußen wird dadurch nur leiser, aber die Energie dringt durch jede Wand.

 

Heute ist mir das Wort "Arschloch" sehr oft leise über die Lippen gerutscht. Ich habe oft mit dem Kopf geschüttelt. Gerade eben noch in der Straßenbahn, bei der Abschiedsfahrt. 

 

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Da war diese Frau, die ihr Auto unbedingt in allerletzter Sekunde, vor die Bahn quetschen musste. In eine Lücke, die eigentlich schon keine mehr war. Sie hatte eine Hand am Steuer. Die andere am Handy.

 

Ich sah die Touristen, die die Bahn am steilen Berg anhielten, nur um es sich dann doch anders zu überlegen und nicht einzusteigen. Sie schauten lachend zum Fahrer, als hätten sie uns allen gerade einen genialen Streich gespielt.

 

Ich sah die vielen Autos, die mitten auf den Straßenbahnschienen geparkt waren. Wir haben oft halten müssen, deswegen. Sehr oft. Bis der Besitzer durch die nächste Tür geflogen kam und sich endlos entschuldigend endlich weiterbewegte. Die Straßenbahnen fahren im Minutentakt. Wie kommt man da auf die Idee zu parken?

 

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Ich habe die Menschen beobachtet, die ihren Platz im Wagen verteidigt haben, als wäre es ihr letztes Gefecht. Aufrücken vollkommen ausgeschlossen. Die Bahn musste halbleer weiterfahren und die Leute draußen stehenlassen, nur weil sie keinen Zentimeter Boden preis gaben. 

 

Es ist unglaublich, wie Leute miteinander umgehen. Aber ich wundere mich nicht mehr darüber. Denn ich erlebe hier jeden Tag, welche tiefgreifende Wirkung diese Stadt auf mich selbst hat. Wie sie mich aggressiv zu machen beginnt. Wie der ständige Lärm an meinen Nerven zerrt.

 

Rücksichtnahme und Mitgefühl müssen bei diesem ständigen Feuerwerk zwangsläufig irgendwann bei Null landen. Wenn ich die Sache so betrachte, ist es ein Wunder, wieviel überhaupt funktioniert.  

 

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Ich habe noch nie so viele Menschen auf einem Haufen beobachtet, die keinen Augenblick still sein konnten. Irgend etwas an ihnen bewegt sich immer. Finger pochen auf's Knie. Hände verkneten sich in immer neuen Varianten. Augen zwinkern schneller, als ich schauen kann. Sprachen fliegen durch die Luft. Portugiesisch. Italienisch. Deutsch und vor allem Amerikanisches Englisch. So laut, das ich unwillkürlich an den Wilden Westen und bewaffnete Cowboys denken muss.

 

Mit meinem Portugiesisch Lernen bin ich hier nicht so recht weiter gekommen. Mein Kopf ist zu vollgepustet mit all den anderen Lauten. Englisch hat sich immer wieder so weit in meinem Bewußtsein vorgedrängelt, das die neuen Wörter nur versehentlich über meine Lippen stolpern.

  

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Ich bin gern durch diese Gassen geschlendert, bergauf und bergab. Aber ich sehe auch die Armut, die dahinter versteckt ist. Ich sehe die abblätternden Fassaden. Schimmel. Schmutz. Müll. Ich kenne jetzt die endlosen Vorstädte, in denen Hochhäuser alles zu einem gesichtslosen Brei vermengen. Menschen abgestellt in Kästen. Fein gestapelt und weggeschlossen. Die Trabantensiedlungen wirken auf mich wie Gefängnisse. Ich finde dort nichts Schönes. Und Lissabon ist - wie alle Großstädte - umzingelt von ihnen. 

 

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Warum haben wir uns Städte überhaupt ausgedacht? Wer hatte diese Idee, das ein Ghetto attraktiver ist, als frische Luft, freier Ausblick und Ruhe? Wer glaubt denn wirklich, das Abgase, Lärm und Kaninchenställe besser zum Leben geeignet sind, als das Gegenteil? Wer lebt hier, weil er sich selbst liebt? Wen treibt etwas Anderes, als Angst hierher? Angst um einen Job. Angst um's Überleben. Angst vor dem Alleinsein. Angst vor dem, was in der Stille auftaucht....

 

Ich weiß es nicht. Ich kenne die Argumente. Bessere Angebote. Mehr Abwechslung. Spannende Architektur. Interessantere Geschäfte. Und man kann Menschen aller Couleur treffen. Das stimmt alles. Nur, mir ist es zuviel. Viel zuviel. Und wegen der Angebote.... Wieviel Zeit bleibt in einer Stadt eigentlich auf der Strecke, um all die Entfernungen zwischen den Angeboten zu überbrücken? Die Auswahl ist immens. Aber wer nutzt das wirklich alles, wenn er hier lebt? 

 

In Lissabon jedenfalls kann ich beobachten, das die Leute letztlich doch in ihrer näheren Umgebung bleiben. In ihrem Viertel. Ihren Stammkneipen um die Ecke. Sie bilden kleine Dörfer im großen Ganzen. Wäre es da im echten Dorf nicht viel gemütlicher?

 

Ich weiß auf jeden Fall, was ich bevorzuge. Und ich glaube nicht, dass ich in Zukunft noch einmal auf die Idee kommen werde mitten in der Stadt zu wohnen. Mitten im Gewusel. Ich glaube, ich bin kuriert. Städte besuchen, ja. Aber in der Stille wohnen. Außerhalb. Ich glaube, das geht noch. Alles ander überlasse ich denen, die es möchten.

 

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Ich bin auch von den Restaurants kuriert, vom Zigarettenrauch, vom Alkohol und vom Kaffee. Sogar von den süßen Stücken aus einer der 1500 Konditoreien der Stadt. Und vom Eis. Ich merke hier, wie wichtig mir meine freien Sinne sind. Und wie sehr all dieses Essen und diese anderen "Genussmittel" genau das verstopfen, was für mich wirklich zählt. 

 

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Aber ich nehme auch schöne Bilder mit. Ich nehme intensive Erlebnisse mit. Es war gut, hier zu sein und all diese Erfahrungen zu machen. Es war gut, damit ich jetzt weiß, was ich möchte und was nicht..... Ein paar der Eindrücke der letzten Tage sind in meine Fotos geflossen.... Hier sind ein paar davon......

Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Marco Schlüter / pixelio.de
Foto: Peter / pixelio.de
Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Herbert Raschke / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rolf Handke / pixelio.de
Foto: Susanne Richter / pixelio.de
Foto: roja48 / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Rudis-Fotoseite.de / pixelio.de
Foto: Peter A / pixelio.de
Foto: Carolin Daum / pixelio.de
Foto: Thomas Wiesendahl / pixelio.de
Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de
Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de
Foto: H.D. Volz - pixelio.de
Foto: hum / pixelio.de
Foto: Maren Beßler - pixelio.de
Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de
Foto: Alexander Altmann / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de