Rendevous mit Walen 

Meeresstimmen in mir

Der Himmel ist so weit. Ich schaue den Wolken zu, die über dem endlosen Wasser fliegen und fliege dabei selbst. Ein kleiner Punkt auf dem Ozean ist dieses Zodiak, in dem ich sitze. Und er bewegt sich mit katapultartiger Geschwindigkeit. Weiter, weiter, weiter.

 

Der Kapitän folgt den Anweisungen aus einem ehemaligen Wal-Lookout. Es ist einer der Türme, die überall an der Küste stehen. Sie waren die Beobachtungspunkte, von denen aus penibel jeder Milimeter Wasserfläche überwacht wurde. Immer auf der Suche nach der ausgeblasenen Atemluft eines auftauchenden Wals. In dem Moment gab er das Singal. Und alle Bootsbesatzungen gingen auf die Jagd. Ein Fest und eine Herausforderung für sie. Totenglocken für den Wal.

 

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Bis heute ist der Walfang in den Herzen der Azorianer lebendig. 1987 wurde der letzte Pottwal hier getötet. Und wäre das Fangverbot nicht gewesen, würden sie immer noch hinausfahren. Lauscht man den älteren Leuten, dann trauern sie nicht nur der Zeit hinterher, sie haben auch keinerlei Verständnis für das Ende ihres Lebensstils.

 

Denn hier wurde immer mit der Hand gejagt. Die Anzahl der Wale, die getötet wurden, erscheint den Menschen hier als viel zu gering, um ihre Arbeit in einen Topf zu werfen mit diesen professionellen High-Tech-Schiffen aus Japan, Island oder Norwegen. 

 

Walfang war ihr Leben. Es war ihr Broterwerb und es war eine Art, ein Mann zu sein und das Gefühl von Zusammenhalt zuerleben. Sieben Männer saßen in einem dieser Ruderboote, die hinaus segelten. Motorkraft gab es nicht. Sie waren auf Gedeih und Verderb auf das Geschick von jedem Teammitglied angewiesen. Und sie vermissen das. Für sie existiert kein Ersatz für dieses Gefühl. 

 

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Das wurde sehr deutlich, als ich in Flores die ehemalige Walfangfabrik angeschaut habe. Da wurde bis ins simpelste Detail erklärt, wie die Zerlegungsmaschinerie funktionierte. Eine enthusiastische Frau erläuterte mir haarklein, welcher Teil des Wals wie verarbeitet wurde. Mir war eigentlich schon am Eingang schlecht. Und nicht nur schlecht. Ich konnte in diesen Räumen all das Leid und den Schmerz der toten Wale fühlen. Es war die Hölle dort drin.

 

Aber diese Frau spürte nichts davon. Gar nichts. In der ganzen Ausstellung gab es keinen Hinweis auf die andere Seite der Wirtschaftlichkeit von Walfleisch oder Öl. Auskochen der Knochen, zerschmelzendes Fleisch, Rechnen nach Wirtschaftlichkeit der Anlage. Möglichst viel sollte aus einem Tier herausgepresst werden. Aber selbst das Wort Tier fällt hier nicht mehr. Der Wal ist zu einem Berg aus verwertbaren Materialien geworden. Mehr nicht. Jeder Schritt, jeder Atemzug und jedes Wort hier erinnert mich an die Kälte in einem Konzentrationslager. Die Gefühle zu einem lebenden Wesen sind genauso abgeschnitten. 

 

Und auch wenn meine Führerin am Ende zugibt, das sie sehr wohl einverstanden ist mit dem Wandel vom Fang zum Beobachten, überzeugen kann sie mich nicht. Dafür war ihr Vortrag zu eindeutig. 

 

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Doch jetzt sitze ich in einem Boot, das nur beobachten will. Aber die Harpune ist für mich trotzdem deutlich fühlbar. Bei aller Sensibilität, bei aller Vorsicht und bei aller Achtsamkeit, so viel anders ist die Jagd nicht geworden. Das merke ich sehr schnell. 

 

Jetzt jagen die Menschen nach dem besten Foto. Sie jagen nach der größten Vielfalt des Gesehenen. Sie jagen danach, auch die ganz großen Wale zu Gesicht zu bekommen. Und fahren dafür meilenweit. Und am Ende bekommt jeder Teilnehmer einen Pass in dem alle beobachteten Wale und Delfine aufgeführt sind. Wenn man überall ein Kreuz hat, dann gibt es eine Freifahrt....

 

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Mein Gefühl ist so anders. Ich fühle mich fremd unter diesen Menschen. In mir tönt die Stimme des Meeres. Ich reise durch alle Gefühle, die Trauer, die Scham, das Entsetzen, den Schmerz. Alles, was Wale und Menschen bisher miteinander verbunden hat. Ich fühle die Verbundenheit mit den Tieren. Ich höre sie, ich spüre sie. Ich brauche sie nicht zu sehen, um das Band der Seelen zu erleben. Sie sind da.

 

Als sie auftauchen und alle anderen an Bord aufspringen, würde ich am liebsten allein sein. Ganz allein. Ich möchte kein Handy oder Funkgerät im Hintergrund hören. Sie stören mich und sie stören die Verbindung. Ich merke es an dem Verhalten der Tiere. Aber ich bin die einzige, die davon irgendeine Notiz nimmt. Ich möchte auch nicht die Stimme der Wissenschaftlerin an Bord hören, die alle ihre Kenntnisse ausbreitet. Ich möchte nur fühlen. Einfach nur fühlen. In Stille, ganz eins mit den Walen.

 

Ich möchte eintauchen in diese tiefe Liebe zu ihnen. Sie ist wie ein überquellender Strom, der direkt aus meinem Herzen ins Meer fließt. Ich bitte um Verzeihung für alles, was wir diesen wundervollen Wesen angetan haben. Und damit auch für alles, was wir uns selbst angetan haben. 

 

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Aber dafür gibt es wenig Raum hier. Sehr wenig. Und gerade als ich spüre, wie die Wale sich sammeln und das Band zwischen uns stärker wird, beschliesst die Crew auf die Jagd nach einem Blauwal zu gehen, der aufgetaucht sein soll. Eine wilde Fahrt führt uns endlos weit weg. Es wird nichts zu sehen geben, davon bin ich in diesem Augenblick zutiefst überzeugt. Und so ist es auch. Die Pottwale, es sind am Ende sieben gewesen, Mütter, Kälber und Männchen, bleiben zurück, weil größer, weiter und seltener mehr zählt als ein echter Kontakt. Der Zauber ist vorbei. 

 

Er kommt nur noch einmal ganz am Ende wieder, als Delfine hautnah an uns vorbeischwimmen. Diesmal gehe ich weit nach vorn, weil das der einzige Ort ist, an dem ich halbwegs mit ihnen kommunizieren kann. Aber auch da stört das Klicken der Kameras in meinem Rücken. Auch da stören die Kommentare. Auch da stören die Gespräche. 

 

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Ich weiß, alle wollen das Beste. Und verglichen mit dem, was es sonst auf der Welt gibt, ist dieses Unternehmen hier auf Pico absolut herausragend. Aber es ist weit entfernt von dem, was ich brauche. Es ist weit entfernt von dem, was in meinem Herzen lebendig ist. Es hätte heute nur Stille gebraucht. Geduld. Beobachten und Da Sein. Aber wie schwer fällt das den Menschen.....

 

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