Auf dem Dach Portugal's 

Zusammenprall der Welten

Es ist früher Morgen. Sieben Uhr. Der Bergführer wartet auf mich. Allein möchte ich nicht auf diesen Riesen klettern. Dafür habe ich zuviel Respekt vor Wetterwechseln, versteckten Lavaspalten oder möglichen Stürzen. 2351 Meter hoch ist der Pico Alto. Eine Besteigung heißt über 1000 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter. Es heißt auch, dem Wetter ganz direkt ausgesetzt zu sein. Nichts schützt auf diesem Berg, der mitten im Atlantischen Ozean herausragt. 

 

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Auf der einen Seite bin ich froh, nicht allein zu sein. Auf der anderen bedeutet es auch mit einem Menschen zu laufen, der so ganz anders ist als ich. Und damit habe ich bis zum Ende zu kämpfen. Mein Führer ist ein Energiebündel. Er lebt für seinen Sport und kann von nichts genug bekommen. Surfen, Windsurfen, Tauchen, Bergsteigen, Wandern, Mountainbiken.... Was immer es an Bewegungsmöglichkeiten gibt auf dieser Welt, er macht es garantiert. Ohne neue physische Herausforderungen ist sein Tag nicht komplett. Er muss sich verausgaben, um ruhig zu werden. Er muss erst einmal so richtig losdüsen, um innerlich bei sich selbst anzukommen. Ohne Bewegung ist er wie ein heiß gelaufenes Hochdruckventil, das jeden Moment in die Luft fliegt. 

 

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Genauso stürmt er auch den Berg hinauf. Und meine Aufgabe ist es, neben ihm, ganz meinem eigenen Rhythmus zu folgen. Wenn ich ihn denn endlich mal finden würde. Ich fühle diesen inneren Druck in mir, zu beweisen, das ich auch etwas kann. Aber meine körperlichen Fähigkeiten liegen auf einer vollkommen anderen Skala. Vor allem jetzt, am Anfang meiner Wandersaison. Jedes Stückchen Winterspeck ist heute deutlich zu spüren. Auch wenn ich schon einige Wanderungen auf diesen Inseln und an der Algarve in den Beinen habe, komme ich mir wie eine Schnecke vor, die langsam den steilen Berg hinaufkriecht. 

 

Es fällte mir irrsinnig schwer, mich nicht mit J. zu vergleichen. Es fällt mir irrsinnig schwer, so langsam zu sein. J. ist nur der äußere Spiegel. In meinem Inneren tobt es so richtig. Da ist dieser Gedanke, gut sein zu müssen, weil ich schließlich auch ein Guide bin. Da ist der Gedanke an meine Gäste, die bald ankommen. Da ist der Gedanke an das was eigentlich möglich wäre und die Erkenntnis, wie weit ich selbst noch davon weg bin. Ich kämpfe mit meinen eigenen Ansprüchen an mich selbst. Und ich merke mal wieder, das ich sehr gut darin bin, mich auseinanderzunehmen und zu beurteilen. Vernichtend zu beurteilen.

 

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Meine Beine werden schwerer und schwerer. Der Weg nach oben scheint unendlich zu sein. So richtig muntert mich J. nicht auf. Im Gegenteil. Seine Beschreibungen davon, wie weit es noch ist, stellen sich immer wieder als falsche Motivation heraus. Ich käme besser damit klar, genau zu wissen, was kommt. So glaube ich bald da zu sein und werde enttäuscht. Das nagt. Es braucht allen meinen Willen, weiterzugehen. Immer weiter. Immer höher. Über Eisfelder und an relativ heiklen Kletterstellen vorbei. Für einen ständigen Bergsteiger ist das hier ein Klacks, ich weiß es. Für mich ist es eine echte Herausforderung, auch wenn das nicht mein erster Berg ist. Aber so bin ich, glaube ich, noch nie irgendwo hinaufgestiegen. Ein Vulkan ist anders. Ganz anders.

 

Ganze Felder voller loser Steine und Asche fordern gutes Standvermögen im Nichts und jede Menge Vertrauen. Mein Blick schweift über diese Mondlandschaft um mich herum. Braune, scharfzackige Steine. Ich kann dem Fluß der Lava folgen, ich kann das Feuer und die Kräfte des Berges förmlich spüren. Aber mir bleibt nicht genug Zeit, es wirklich zu geniessen und richtig einzutauchen, was um mich herum lebt. Dafür treibt mich J. zu sehr an. Wir haben keine wirkliche Pause gemacht. Nur ein, zwei Minuten an einem Platz, nie viel mehr. Ich hätte ein anderes Tempo gebraucht, von Anfang an. 

 

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Und so sehr ich verstehe, das J. das Wetter ausnutzen will, so sehr fühle ich jetzt auch diesen riesigen Unterschied zwischen meiner Art der Tourleitung und seiner. Ich habe bei ihm nicht das Gefühl, das er mit mir mitfühlen kann. Ich habe nicht das Gefühl, das er sich in mich einfühlen kann. Und genau das ist die Eigenschaft, die mich und meine Arbeit so sehr auszeichnet. Wenn ich eine Gruppe habe, sind meine Antennen ganz auf die Menschen eingestellt. Ich nehme wahr, wie es ihnen wirklich geht. Sie müssen es nicht sagen. Ich sehe es, ich spüre es. Und ich agiere ohne das sie über ihre Grenzen gehen. Ich gebe ihnen ein Gefühl der Sicherheit und ein Gefühl der eigenen Achtung. Ich schenke ihnen, egal auf welchem körperlichen Leistungsstand sie sind, immer das Gefühl, etwas ganz besonderes geschafft zu haben. Diese Eigenschaft geht J. vollkommen ab. 

 

Ja, er weiß, was er tut. Er kennt den Berg. Er beobachtet mich und passt sich an. Aber bei ihm ist klar, das er viel lieber, viel schneller hier hochgehen würde. Es bleibt das Gefühl, ihn zu behindern. Und es bleibt ein Gefühl von "gedrängelt" zu werden. Ich muss neben ihm um meine Geschwindigkeit kämpfen. Und so sollte es nicht sein.

 

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Irgendwann, nachdem ich langsamer und langsamer geworden bin. Nachdem ich mehr und mehr Pausen mache, kommt der Gipfel doch in Sicht. Die Wolkenschicht haben wir schon vor Ewigkeiten hinter uns gelassen. Die Sonne scheint in all ihrer Pracht. Kein Fetzen Land ist zu sehen. Unter uns wogt eine weites Wolkenmeer bis zum Horizont. Als würde nichts weiter existieren, als diese kleine Lavainsel mitten im Ozean. Am schönsten ist die Stille. Nichts, wirklich gar nichts ist zu hören. Meine Ohren versuchen ganz erstaunt damit klar zu kommen, das sie kein Schall erreicht. Und mein Herz hüpft. Es ist wunderschön hier oben. Einfach wunderschön. 

 

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Pause. Lange Pause. Ich geniesse das Panorama, sauge jedes Detail auf. Der Wind bläst mir sacht um die Ohren. Es ist kalt, aber nicht so eisig, das Mütze, Handschuhe und alle meine Sachen nicht ausreichen würden. Ich könnte ewig hier bleiben, auf das Wolkenmeer schauen, die Lavaformationen bewundern und mir die gleißende Sonne auf die Nase scheinen lassen. Aber der Weg zurück ist weit. Und eigentlich ist er eine noch größere Herausforderung, als der Aufstieg. 

 

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Nachdem wir die kniffligsten Stellen hinter uns haben, beginnt J. in einer Tour zu reden. Er breitet seine ganzen Lebenweisheiten vor mir aus. Ich spüre richtiggehend, wie sehr er unter Strom steht. Der Aufstieg hat seine Energie nicht genug gefordert, jetzt müssen es die Worte wettmachen. Am Ende wird er schneller und schneller und ich werde, ganz im Einklang mit der Harmonie des Lebens immer langsamer. 

 

Es ist nicht ganz einfach, hier herunter zu kommen. Die Steine, die am Morgen noch eisbedeckt waren, sind jetzt nass. Ich habe keine Lust, am Ende zu stolpern oder zu stürzen. Es braucht Konzentration. Bis zum allerletzten Schritt. Aber davon scheint J. irgendwie nichts mehr mitzubekommen. Er ist schon in einger ganz anderen Welt unterwegs. Für ihn geht es direkt anschließend zur Arbeit. Bis heute Abend halb 10. Sein Tag ist durchgeplant. Auch das gibt ein unangenehmes Gefühl. 

 

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Seine Hände stecken in den Hosentaschen und während ich jeden Schritt genau abwäge, scheint er gemütlich herunter zu schlendern, als wäre das die breiteste Straße der Welt. Natürlich, er kennt den Berg und war unzählig Male oben. Aber es hat eine unglaubliche Wirkung, so geführt zu werden. Das zu registrieren und quasi zu erleben, wie man es nicht machen sollte, ist ein echtes Lehrstück für mich.

 

Am Ende bin ich unendlich stolz. Nicht nur auf diese Leistung von heute, sondern besonders auf meine Art der Tourleitung, die ich jetzt noch viel, viel mehr schätzen gelernt habe, als jemals vorher. 

 

Danke Pico und danke J.! Ich nehme jede Menge Geschenke mit.....

 

 

 

 

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