Kampf mit der anderen Welt 

Lähmung und Wiedererwachen

Seit ich am 27. April auf Faial gelandet bin, hat sich mein Tempo spürbar verlangsamt. Aus der Intensität der Gruppen-Zeit ist eine alles überdeckende Stille geworden. Ein purer Rückzug. Ein "Nicht-Fühlen und Nicht-Sehen wollen". Jede Lebensregung der Portugiesen stößt mich ab, wie einen umgedrehten Magneten. Alles nervt mich. Alles erscheint mir absolut widersinnig und schrecklich. Meine Augen sind ausschließlich auf das eingestellt, was hier nicht stimmt. Und all die gesammelten Eindrücke der letzten Wochen auf den Azoren brechen über mir zusammen, wie eine riesige Welle. 

 

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In meinem Innern trage ich die Bilder von Atlantis. Die Landschaft erinnert mich daran, aber sie ist auch vollkommen fremd. Doch am fremdesten sind die Menschen. Ich möchte sie am liebsten alle an einen andernen Ort versetzen. Hier gehört für mein Gefühl niemand her. Niemand. Ich wünsche mir die Azoren wie einen großen Naturpark. So, wie ich ihn von Gotska Sandön in Schweden kenne. Inseln, auf die man nur per Schiff kommt und nur im Sommer. Begrenzte Zahlen, Wanderer, Naturliebhaber. Inseln, auf denen nur wenige Menschen regelmäßig leben. Menschen, die mit der Energie dieses Orte wirklich verbunden sind. Ich wünsche mir, das dieser Ort blühen kann. Wachsen, gedeihen und sich stetig wandeln. Es fühlt sich so richtig an, ihn mit sich allein zu lassen und ihn einfach nur zu genießen und ihm bei jedem Schritt der Veränderung zuzuschauen. 

 

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Es ist viel richtiger, als diese Häuser, die alles bedecken. Richtiger als der Lärm, die verbauten Straßen, Einkaufszentren und die spürbare Enge in den Gedanken und der Kultur. Jede Zigarette irgendeines Azorianers bestätigt mich. Jede Kuh auf den Wiesen. Jedes Gesicht. Jeder Blick hinter eine Tür. Hier prallen für mich zwei Welten aufeinander, die nicht zusammen gehören. Und ich spüre wie meine Wut wächst und wächst. Ich entdecke richtigen Haß in mir. Menschenhaß. Alles, was hier zerstört worden ist, springt mich an und fordert Vergeltung. Vom Blut der Wale bis zu den urtümlichen Pflanzen, die eigentlich hier wachsen sollten. 

 

Der Krieg findet in meinem Inneren statt. Und ich habe das Gefühl, es ist genau der richtige Ort dafür. Ich habe mir Faial nicht umsonst ausgesucht. Es ist die Insel mit der regesten vulkanischen Tätigkeit. Hier war der letzte Vulkanausbruch mit heftigen Folgen. 1957/58. Nur knapp fünfzig Jahre ist es her. Dabei entstand ein großes Stück neues Land. Von meinem Haus kann ich darauf schauen. Es ist um die Ecke. Ein ganz besonderer Platz für stille Abende. Aber ist auch ein Ort der Glut und der Feuers. Genau, wie die Caldeira. Der eingestürzte Krater im Inselinneren. Diese Glut, diese Nähe zum Feuer heizt auch meine Wut an. Und bringt mich an Plätze in mir, die ich bisher nicht kannte. Nicht in dieser Heftigkeit. 

 

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Eine Woche dauert meine Schlacht. Seit vorgestern ist er vorbei. In der Nacht konnte ich es schon spüren. Gestern morgen war es dann ganz deutlich. Da bin ich zur Caldeira hochgefahren. Hinein in die leichten, weißen Wolkenfetzen. Vom Meeresspiegel auf knapp 1000 Höhenmeter. Vorbei an den grünen Wiesen, japanischen Sichteltannenwäldchen, weidenden Kühen und einer Landschaft, die genauso gut in Schottland sein könnte. Ich stand am Rand dieses Kraters und bin einmal ganz herum gelaufen. Auf einem schmalen Pfad, der immer neue Ausblicke schenkt, wie ein fantastisches Bilderbuch der Schönheit. Ich habe den Pico mit Blicken liebkost und die Bergspitzen von Sao Jorge über den Wolken tanzen sehen. Und in meinem Herz war nur noch Raum für Liebe.

 

Die Glut von Haß und Wut haben sich ausgebrannt. Und es war gut, das ich ihr den Raum gelassen habe, ganz da zu sein, ohne irgend etwas davon zu verurteilen oder zu unterdrücken. Es war wichtig und es war notwendig das Gegenteil von dem zu sein, was ich eigentlich bin.  

 

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Es ist wieder diese sehende Liebe. Ich sehe die Menschen. Ich sehe sie genau. Ich weiß, wo sie stehen. Ich weiß, womit sie kämpfen. Ich kann ihre Ängste spüren und ihre Hoffnungen. Ich sehe ihre Herzen und ihre Seelen. Ich kann sie akzeptieren. Ich kann ihren Weg umarmen. Und ich kann sie umarmen. Mit allen ihren Seiten. Sie sind hier zu Hause, so wie ich es einmal war.

 

Die Zeit ist weitergegangen und sie wird immer weiter gehen. Die Veränderungen, die hier in kürzester Zeit geschehen sind, sind so enorm, das sie eigentlich kaum möglich sein sollten. Und die Menschen werden sich weiter verändern. Sie werden lernen, weiter zu sehen, als heute. Viel weiter. Sie werden lernen, zu fühlen. Mitzufühlen, was in der Natur geschieht. Mit den Tieren. Mit den Pflanzen. Mit der Erde. Ihre Herzen werden sich öffnen. Weiter, immer weiter. Der Prozess ist in vollem Gang. Nicht nur hier. Überall. 

 

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Ich habe meine Zuversicht wieder gefunden. Ich habe meinen Glauben wieder gefunden. Jetzt kann ich in die Gesichter schauen und urteile nicht mehr über das Jetzt sondern sehe die Möglichkeiten in den Augen leuchten. Ich sehe, das, was weiter geht. Nicht nur das, was jetzt hier ist. Ich spüre die Samenkörner in ihrem Inneren. So, wie sie auch in meinem Inneren existieren und immer wieder neu aufgehen und zu blühen beginnen. Mein eigener Horizont hat sich endlich dem angepasst, was ich die ganze Zeit vor meinem Fenster sehen konnte. Der endlosen Weite des Ozeans. Den sich ewig wandelnden Wellen des Meeres. 

 

Und damit habe ich auch meinen eigenen Horizont und "Maßstab" für mein Sein wieder ganz weit gefasst. Ich darf alles sein. Alles. Und Schritt für Schritt meinen Weg finden. Ohne Verutreilung. Ohne Richten. Ohne Guillotine.

 

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Der Energieschub, den ich mir selbst damit geschenkt habe, ist ein pures Lebensbad. Ich sprühe vor Freude am Sein. Ich bin wieder aufgewacht. Und ich weiß genau, warum ich meine nächsten Schritte gehe. 

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