Schottlands Weg & mein Herz 

Ein verspäteter Nachruf auf das Referendum

Ich habe mir einem anderen Ausgang gerechnet. Irgendwo tief in meinem Herzen habe ich es gehofft. Ich habe den Menschen gelauscht, als ich im Juni, Juli und August dort oben war. Ich habe die Yes-Schilder in den Fenstern gesehen und jedes Mal hat dieses Herz in mir einen Hüpfer getan. 

 

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Da waren diese wunderbaren Jugendlichen mit ihrer schottischen Trommel-Dudelsack-Straßenmusik in Glasgow, die voller Elan und Enthusiasmus ihre Stimme zum Ausdruck brachten. Friedlich und wunderschön. Ich habe mit ihnen gefeiert. Und die Freude und den Stolz auf das eigene Land, die eigene Identität geteilt. Mit meiner ganzen Seele.

 

Da war mein Kollege - ein Führer in Glasgow, der diesen Stolz so klar in Worte fassen konnte. Worte, die keinerlei Abwertung für eine andere Meinung enthielten. Und auch keine Abwertung für England. Es waren Worte, aus denen nur Selbstbewußtsein sprach. Neues Selbstbewußtsein in einem Land, das 1707 aus Geldnot die Seiten gewechselt hat. Ein Land, das sich selbst aufgelöst hat. Weil es praktisch bankrott war.

 

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Ich habe auch erlebt, wie sehr die Diskussion sich am Ende nur noch um genau dieses Geld drehte. Ölgeld oder nicht. Wie lange reicht es? Werden die Leistungen auch unter schottischer Leitung bleiben? Die Angst war greifbar. Angst, geboren aus einem zerrütteten Selbstbewußtsein. Angst, es nicht allein zu schaffen. Angst, das nur mit den großen Bruder im Süden alles seine geordneten Bahnen gehen kann.

 

Am Ende hat die Angst entschieden. Und das Selbstbewußtsein ist erwacht. Jetzt stehen sich beide gegenüber, unbedeckt, wie unter einem schottischen Kilt und wissen nicht, was sie miteinander anfangen sollen.

 

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Aber sie waren die ganze Zeit da. Eingekleidet in die Mystik, die das ganze Land einhüllt, wie ein seidiges Tuch. Sichtbar, spürbar in all den Legenden. In den Daten der Schlachten gegen England. In den Namen der Helden. William Wallace, Robert de Bruce, Mary - Queen of the Scots....

 

Die klare Luft des Nordens hält sie lebendig. Sie hält auch die Scham lebendig. Diese Scham, sich selbst zu verraten. So, wie William Wallace verraten wurde. Und damit der ureigene schottische Traum von Freiheit. Die Scham, das in diesem uneinigen Schottland eigentlich schon immer Stamm gegen Stamm, Clan gegen Clan und Bruder gegen Bruder stand. Und das am Ende immer das Geld das Zünglein an der Waage war. Und die Angst, etwas zu verlieren.

 

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Die Grenzen lassen sich nicht einfach ziehen. Sie gehen mitten durch die Menschen. Es ist nicht so, das das Hochland Pro und die Städte Contra waren. Es ist auch nicht so, das die England-Nahen Lowlands mehr Pro als die patriotischen Highlands sind. Es gibt keine klaren Meinungsburgen. Selbst in Glasgow und Dundee nicht. Die Angst hat sich überall eingeschlichen.

 

Und das ist es, was mich am meisten geschmerzt hat. Dieser fehlende Mut am Ende. Der Mut, zu sich selbst zu stehen und zu riskieren, was so unvorstellbar kompliziert zu sein scheint. Eine Abtrennung von Großbritannien. Vielleicht haben die richtigen Führer gefehlt? Vielleicht hat ein echtes Konzept gefehlt. Das alles mag sein.

 

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Aber für mich ging es bei dieser Wahl um etwas Anderes. Es ging um echten, ehrlichen, bodenständigen Stolz und wirkliches in sich ruhendes Selbstwertgefühl. Es ging um die Möglichkeit gleichwertig zu sein, neben einem England, das in seinem Herzen noch immer größer ist, als alle Nachbarn. Einem England, das das Empire nie wirklich verlassen hat. Ich habe mir ein Schottland gewünscht, das sich seiner eigenen Größe bewußt ist. Und damit zu einem Partner wird. Auf Augenhöhe. Ich habe mir ein England gewünscht, das sich gesund schrumpft. Und damit auch endlich mal die Augenhöhe erreicht, auf der es eigentlich schon lange sein sollten.

 

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Aber vielleicht hat Schottland einfach nur einen anderen Weg dorthin eingeschlagen. Einen, der weniger Verwicklungen mit sich bringt. Weniger internationale Lawinen und endlose Reihen neuer Verträge. Denn ihre Eigenständigkeit ertrotzen sich sich ja schon seitdem sie ihr Parlament haben. Seit 1999. Und nach dem Besuch David Camerons und seinen Versprechungen, wird jede Menge dazu kommen. Das Referendum hat alles verändert. Auch mit diesem Ausgang. Für Schottland. Und für England. 

 

Es hat Grenzen bloßgetreten und Verschüttetes an die Luft gebracht. Es wird spannend im Norden von Europa. Und die Lawine der Unabhängigkeiten ist trotzdem losgetreten. Katalanien ist der nächste Kandidat. 

 

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Bricht alles auseinander? Und wäre es schlecht? Ich frage anders herum. Was ist das für ein Gebilde, das nur zusammen hält, weil man sich einen finanziellen Vorteil davon verspricht. Was ist das für eine Gebilde, das in sich zusammenfällt, wenn die Rechnung nicht mehr stimmt. Ist solch ein Gebilde wirklich ein Symbol der Einheit oder zeigt es nur die mehr oder minder guten Rechenkünste eines Volkes?

 

Wie weit ist es denn mit unserer Einheit wirklich her? Wie weit sind wir wirklich zusammengewachsen und stehen zueinander. In guten und in schlechten Zeiten. Wie sehr können wir die Schätze eines anderen Landes, einer anderen Region wirklich wahrnehmen und als gleichwertig annehmen, auch wenn die Währung eine ganz andere ist? Wie sehr denken wir in Geld statt mit dem Herzen? Und wieviel von einer eigenen Identität haben wir auf diesem Weg des Einheiten aufgegeben und wünschen sie uns eigentlich zurück? 

 

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Schottland hat mich an die DDR erinnert. An meine Jugend. An die erste Wahl. Meiner erste Wahl. Die DDR hat auch die Angst gewählt. Das Anlehnen an den vermeintlich Stärkeren und das Geld. Sie hat gegen sich selbst gestimmt. Und es hat genauso wehgetan, wie der Ausgang des schottischen Referendums. Ich hatte Tränen in den Augen, bei den Zahlen. Ich habe diesen Schmerz wieder gespürt. Den Schmerz, mit dem ich dem Selbstverrat meines Landes zugeschauen musste. Damals. 

 

Ich weiß auch um die Folgen. Ich kann sie bis heute spüren, wenn ich im Osten Deutschlands unterwegs bin. Schottland ist nicht die DDR. Auch das weiß ich jetzt. Es geht einen eigenen Weg. Einen anderen Weg. Sehr viel selbstbewußter, als es Ostdeutschland bis heute ist. Und ich wünsche ihm, das er gelingt.

 

Für sich selbst. Für England. Für diese ganze wunderbare Insel, die ich so sehr liebe. Für dieses Europa, das für mich ein grandioses Experiment der Einheit ist - mit vielen, vielen Wackelschritten, Sackgassenwegen und Ausprobierungen.

 

 

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Und für eine Menschheit, die langsam, ganz langsam zusammen findet. Mit dem Herzen. Nur mit dem Herzen und nicht mit der Buchhalterbrille. Und zwar ohne, die eigene Herkunft zu verleugnen, zu vergessen, zu verkaufen oder zu verraten. Es geht Beides. Ich bin davon überzeugt.

 

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Es braucht auch Beides, sonst kann es in meinen Augen keine Einheit geben. Sie lebt von der Verschiedenheit, sie lebt von der Unabhängigkeit ihrer Teile. Sie lebt von der Freiwilligkeit. Alles Andere ist nur eine neue Form von Gefängnis oder Unterdrückung. 

 

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Und trotz oder wegen dieses Ausgangs beim schottischen Referendum glaube ich, das wir alle auf dem Weg dorthin sind. Mit alle diesen wunderbar verschiedenen Ansätzen und Pfaden. Auch mit einem Nein....

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