Funktioniere. Konsumiere. Sterbe. 

Erfurt Bahnhofsbuchhandlung

Ich habe Erfurt lieben gelernt bei dieser Silvesterreise, die ich dieses Jahr geleitet habe. Und ich freue mich auf einen Stunde an diesem schönen, neuen Bahnhof. Auf die Zeit zwischen zwei Zügen. Ich freue mich darauf, die Reisebücher in der Buchhandlung zu durchforsten. Neue Ideen mitzunehmen. Inspirationen. 

 

Es ist warm, in dem Geschäft. Viel zu warm eigentlich. Denn auch draußen ist es angenehm mild. Keine Spur von Winter. Ich habe einiges an Gepäck dabei. Dort, wo Koffer und Rucksack die anderen Kunden am wenigsten stören können, stelle ich sie ab. Die Jacke liegt auf dem Koffer, das Stehen wird mir nach wenigen Minuten zu unbequem. Und so sitze ich, im Schneidersitz, vor mir ein Buch über Portugal. Aber mir sind nur Augenblicke des Lesens vergönnt, da kommt schon eine Verkäuferin auf mich zu. "Kann ich ihnen helfen?" "Nein, danke." Freundlich. Einen Atemzug später ist ihre Freundlichkeit verschwunden. "Wir sind keine Bibliothek. Wir leben vom Verkauf. Und wir sind auch keine Aufwärmstelle." Ich bin geschockt. Denke im Bruchteil einer Sekunde an Buchläden, die extra kuschlige Sitzecken einrichten, damit die Leute in Ruhe in den Büchern stöbern können und wünsche mir eine solche Haltung auch hier. Ich denke an die vielen Bücher, die ich in den letzten Wochen gekauft habe. Aber nichts davon zählt hier. Hier geht es nur ums Geschäft. Knallhart. Direkt. Ohne Schminke. Deutlicher kann man es wohl nicht mehr ausdrücken.

 

Ja, es stimmt. Es geht tatsächlich nur um den Verkauf. Es geht tatsächlich nur ums Geld. Selbst wenn so ein Buchladen eine Sitzecke hat, die Motivation ist immer die Gleiche. Diese Verkäuferin in Erfurt stellt es einfach nur ungeschickt an. Sie schafft es mit ihrem Wunsch, Ordnung zu schaffen im Laden nur, mich wütend zu machen und zu vergraulen. So sehr, das ich in diesem Laden niemals wieder irgend etwas kaufen möchte. Sie hört mich nicht. Sie sieht mich nicht. Sie sieht nur ihre Vorurteile und Wertungen. Das war's. Aber - mit ihrer Meinung ist sie in guter Gesellschaft.

 

Keinem Geschäftsbesitzer in irgendeiner Innenstadt - keinem Restaurantchef oder Kaffeehausbetreiber liegt das Wohl der Menschen, die "seinen Boden" betreten wirklich am Herzen. Ja, die Leute sollen sich wohl fühlen. Aber nur, damit sie mehr in Kauflaune kommen und wenn es geht, immer wiederkehren. Das ist der echte Beweggrund. Niemand kann es sich "leisten" anders zu handeln. Viele würden es gern tun, vielleicht sogar alle. Aber die Zwänge letztlich nur in barer Münze zu rechnen, sind größer. Die Angst, die Miete nicht zahlen zu können; nicht genug Umsatz zu machen und damit die eigene Existenz auf's Spiel zu setzen, sind sehr viel stärker als jeder menschliche Impuls. So, wie bei der Frau in der Bahnhofsbuchhandlung. 

 

Unsere Städte sind Verkaufstempel, in dem einem einzigen Gott gehuldigt wird. Geld. Die Menschen sind Tempeldiener geworden. Darum gibt es in keiner Stadt einen Ort, in dem man wahrhaftig, ohne einen Cent auszugeben, willkommen ist. Und zwar in jedem Laden wieder aufs Neue. Es spielt nicht die geringste Rolle, ob meine Taschen schon voll sind und ich mehr als genug zum "Umsatz der Stadt" beigetragen habe. Weil jeder Geschäftsinhaber nur sich sieht. Sehen muss. Damit er überlebt in einer Welt, die kein Wir kennt sondern nur ein Ich.

 

Funktioniere. Konsumiere. Sterbe. Das ist alles, was in dieser Welt zählt, die ich erlebe. Das ist alles, was von Menschen erwartet wird. Und wehe, jemand schert aus. Darum fliegt jeder, der nicht in der Tasche hat, auf die Straße. Darum ist Geld zu haben, so wichtig. Und so schließt sich der Kreis, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Ein selbstgemachter Kreis - wohlgemerkt. Diese Hölle gestalten wir. Niemand anders.

 

Ich wünsche mir eine andere Welt. Eine Welt voller Miteinander und Mitgefühl. Städte, die echte Begegnungsplätze sind. Städte ohne Werbewahnsinn und immer größeren Geschäftszentren. Ich wünsche mir eine Welt, in der Wärme und Menschlichkeit an erster Stelle steht. Nichts anderes. Kein falscher Gott. Ich wünsche mir eine Welt, in der unsere Seelen uns gehören. Eine Welt, in der wir sie niemals meistbietend verkaufen. Aus welchen Gründen auch immer. Und ich weiß, das es möglich ist. 

 

Und ich erlebe es sogar. Am gleichen Tag. Am gleichen Bahnhof. In Erfurt. Im Laden der Telekom. Bei einer jungen Verkäuferin. Sie ist die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in Person. Obwohl für sie bei den Informationen, die sie mir gibt, eigentlich gar nichts "herausspringt". Sie will einfach nur helfen. Es ist ein wunderbares Gefühl, so empfangen zu werden.

 

Und was geschieht in mir? Ich würde ihr am liebsten etwas abkaufen, weil sie so nett ist und weil ich ihr etwas zurück schenken will.

 

So einfach geht das....

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