Was wirklich zählt 

Vermieter contra Mieter?

Vor vier Jahren bin ich in diese Wohnung eingezogen. Über die Fallstricke des Mietvertrages wollte ich damals nicht verhandeln. Über die Tatsache, das meine Vermieter mit diesem Vertrag jegliche Verantwortung für den Zustand der Wohnung auf den Mieter abzuschieben versuchten, wollte ich nicht nachdenken. Denn mir lief die Zeit davon. Ich brauchte neue Räume. Zum Arbeiten und zum Leben. Dringend. Und dieser Ort hier bot mir die einzige Chance. Weil ich sonst nicht nur auf der Straße gestanden hätte sondern auch ohne Geld und Verdienstmöglichkeit dort gelandet wäre. Also unterschrieb ich. Ich stimmte einem Vertrag zu, der eigentlich nur den Vermietern alle Vorteile in die Hand spielte. Und ich wußte, was ich da unterschrieb.

 

Heute würde ich es nicht mehr tun. Ich hätte keine Angst mehr. Ich wüßte, das mir nichts geschehen kann. Heute würde ich frei sein, zu überlegen und nur das zu entscheiden, was sich wirklich stimmig für mich anfühlt. Ich würde überlegen, wie die Liebe sich entscheiden würde. Die Liebe zu mir und zu den Anderen. 

 

Jetzt ist die Zeit gekommen, dieses Vertragsverhältnis zu beenden. Ich werde ausziehen. Und ich bin mit dem Vertrag konfrontiert, ausweichen geht nicht mehr. 

 

Aber diesmal schenke ich mir ganz bewußt die Freiheit der Wahl. Diesmal beschneide ich mich nicht. Und ich bin selbst neugierig, was beim heutigen Gespräch mit meinen Vermietern passieren wird. 

 

Ich bin seit fast vier Jahren Mitglied im Mieterbund. Und aus einer Beratung und dem Lesen der Vereinszeitschrift weiß ich - der Mietvertrag ist eigentlich nicht gültig. Ich könnte ihn anfechten. Das Gesetz wäre auf meiner Seite. 

 

Aber verkörpert dieses Gesetz auch Mitmenschlichkeit, Mitgefühl und Miteinander?

 

Nein.

 

Verkörpert der Mieterbund Miteinander?

 

Nein.

 

Wann immer ich diese Zeitschrift vom Mieterbund gelesen habe, bleibt in mir das Gefühl zurück, mitten in einem Kriegsschauplatz zu stecken. Vermieter sind in dieser Gedankenwelt Feinde. Und nur mit List und Tücke ist ihnen das abzuluchsen, was den Mietern eigentlich zusteht. So habe ich das auch in der Beratung mit dem Rechtsanwalt aus dem Vermieterbund erlebt. Er handelte nur nach einer Devise: Wie lässt sich ein Vorteil für den Mieter herausholen? Das Vermieter auch Menschen mit Wünschen, Hoffnungen, Träumen und Sorgen sind, kam in seiner Betrachtung nicht vor. Er sieht sie nur als Hindernis und Gegner, der den Interessen seines "Mandanten" im Weg steht. Als wäre das ein Naturgesetz.  

 

So gut gemeint diese Ansichten sein mögen. Sie sind nur für einen Teil der Betroffenen eine Hilfe. Und wenn die andere Hälfte - die Vermieter damit verlieren, dann kann es nicht stimmen. Für mich forciert die Haltung "sie gegen uns" nur die Trennung zwischen den Menschen. Und so will ich diese Welt weder sehen noch in ihr agieren. Ich will meine Vermieter als Menschen wahrnehmen. Menschen mit Gefühlen, so wie ich sie habe. Und das ist vollkommen unabhängig davon, ob sie dazu auch in der Lage sind. Einer fängt immer an. Und diesmal entscheide ich ich dafür dieser Eine zu sein.

 

......

 

Ich kenne meine Vermieter gut. Und ich weiß, welche weite Reise sie in den letzten Jahren mit mir zusammen unternommen haben. Sie sind für ihre Verhältnisse sehr weit auf mich zugegegangen. Sie haben für ihre Verhältnisse tatsächlich versucht, alles in ihrer Macht stehende zu tun, damit ich mich hier wohlfühle. Aus ehrlichem Herzen. Ich kann es wahrnehmen. Ich kann es wertschätzen und ich kann sie dafür achten.

 

Ich sehe in ihnen auch die tiefe Angst, die in ihrem Leben existiert. Die Angst, übervorteilt zu werden. Die Angst, etwas zu verlieren. Ihre Angst, zu kurz zu kommen. Ihre Angst, zuviel zu bezahlen. Sie spricht aus jeder ihrer Worte. Auch wenn sie, aus meiner Perspektive keinen Grund dafür haben. Die Angst ist da.

 

Wenn sie sich selbst so hören könnten, wie ich sie, dann würden sie vielleicht auch darüber lachen. Denn einen Atemzug nachdem sie ihre Angst ausgedrück haben, erzählen sie mir von den Urlaubsplänen dieses Jahres. Chile, Tasmanien, Madagaskar.... Geldmangel? Ich kann ihn nicht spüren. Ich hätte sicher mehr Grund dafür als sie.

 

......

 

Für mich ist es in diesem Gespräch wichtig, sie wirklich mit der Nase darauf zu stoßen, was sie die ganzen Jahre über nicht sehen wollten. Den Zustand des Hauses. Ich erinnere sie an ihre Verantwortung für die Pflege des Gebäudes. Und ich zeige ihnen sehr deutlich die Folgen der Mißachtung dieser Verantwortung, die jetzt immer deutlicher zu spüren sind. Es ist eine Einladung für Veränderung. Aber es ist eine offene Einladung. Es ist ihr Haus. Es ist ihre Entscheidung, was sie tun wollen und was nicht. Das wird mir in diesem Gespräch klar. Und in diesem Augenblick kann ich loslassen und sie einfach so akzeptieren, wie sie sind.

 

In diesem Fall heißt das auch, den Vertrag so zu akzeptieren, wie ich ihn damals unterschrieben habe. Ich habe, genau wie sie für das Haus, eine Verantwortung übernommen, als ich den Vertrag damals annahm. Und ich entscheide mich jetzt, zu dieser Verantwortung auch zu stehen. Es ist nicht einfach. Weil es einen finanziellen Verlust für mich bedeutet. Weil ich damit Geld ausgeben, das ich eigentlich gar nicht habe. Ich renoviere damit eine Wohnung in einem Haus, für das nicht gesorgt wird. Es ist ein Schönheitsanstrich über einem brüchigen Abgrund. Ich habe in dieser Wohnung in den letzten Jahren den Schimmel von den Wänden gewaschen, weil das Haus nicht fachgerecht gebaut wurde. Ich werde einen Boden reparieren bzw. sogar neu legen lassen müssen, für den ich damals selbst bezahlt habe. Mir ist vollkommen bewußt, das ich diejenige war, durch die diese Wohnung überhaupt etwas Glanz und Schönheit bekommen hat. Es war meine Initiative, die gezeigt hat, was sich hieraus machen lässt. Und es ist auch jetzt meine Entscheidung und Initiative, die den weiteren Weg ebnet, damit dieses Haus zu dem werden kann, was es eigentlich sein sollte. Ein Schmuckstück. 

 

Für mich ist das der einzig stimmige Weg. Auf allen Ebenen.

 

Auf der persönlichen Ebene, weil ich damit zu meinem Wort stehe und Verantwortung für mein Handeln übernehme. Unabhängig von den Begleitumständen. Ich habe "Ja" gesagt und ich stehe dazu. Auf der menschlichen Ebene, weil ich mich dafür entscheide, meine Vermieter mit den Augen des Herzens wahrzunehmen. Und auf der Ebene der Liebe, die immer den Weg geht, der das größte Geschenk für alle Seiten ist. Und die weiß, das es nichts zu verlieren gibt, außer der eigenen Seele. 

 

......

 

Mir wird immer mehr klar, welche Tragweite meine Entscheidung hat. Mit dieser Wahl, lebe ich die neue Welt des Miteinanders, ich verkörpere sie. Ganz praktisch und direkt. Mir wird auch klar, worum es mir in meinem Leben wirklich geht. Darum, eine Welt der Liebe nicht nur in Worten zu erschaffen sondern wirklich umzusetzen. In mir, mit jedem meiner Schritte und mit jeder einzelnen Entscheidung. Und das ist schwer.

 

Weil ich die Erste bin. Weil ich es in einer Umgebung tue, wo jeder um mich herum der Stimme der Angst folgt. Weil ich dafür keine Lorbeeren ernte und keine Anerkennung bekomme. Weil ich mich dabei nur auf meine eigene Intuition, meine innere Stimme und mein Gefühl verlasse. Und weil jeder mich für verrückt, leichtgläubig und selbstausbeuterisch halten wird. Nach den Regeln der alten Welt zahle ich mit dieser Entscheidung und jeder anderen, die ich im Namen der Liebe treffe drauf. In einer Welt, die das Schenken, das freigiebige Geben und das Miteinander vergessen hat, werde immer ich diejenige sein, die den ersten Schritt geht und die in diesem Moment auch mehr dafür zahlt. 

 

Aber das, was ich dafür geschenkt bekomme, lässt sich mit dem Inhalt aller Banktresore dieser Welt nicht vergleichen. Ich schenke mir selbst damit die Gewissheit, das die neue Welt, von der ich immer geträumt habe, zum Leben erweckt wird. Ich schenke mir selbst die Gewissheit, das es auch in der größten Dunkelheit möglich ist, das Licht zu sein. Ich schenke mir selbst das Vertrauen ins Leben, das mir nichts geschehen kann, wenn ich nur meinem Herzen folge. Und ich schenke dem Universum die Botschaft, die seit meiner Geburt in mir wohnt. Ich bin Liebe. Egal in welcher Umgebung. Egal unter welchen Umständen. Egal in welcher Welt. Ich bin Liebe. Nichts kann das verändern. 

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