Am Ende des Weges 

Ein Freund geht

Es ist morgens - 10:30 Uhr, am 22. Dezember 2014. Vor ungefähr vier Stunden ist Udo Jürgens gestorben. Kurz bevor ich aufgewacht bin. Auf der anderen Seite der Erde. Bei ihm war es Wintersonnenwende. Die längste Nacht des Jahres. Die dunkelste Nacht. Als es dunkel wurde, ist er gegangen. Ein perfekter Moment. Perfekt für ein Ende. Perfekt für einen Neubeginn. 

 

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Ich lese die Nachricht im Internet. Was immer ich noch tun wollte, an diesem Morgen am Computer, wird unmachbar. Starre macht sich in mir breit. Langsam, fast unmerklich. Und lässt mich bald fliehen. Hinaus. In hellen, strahlenden Sonnenschein unter einem blauen Himmel. Die Tränen wollen fließen. Der Schmerz möchte gefühlt werden. Ich finde eine Bank, unter einem wunderschönen alten Baum und lasse zu, was immer kommt. Jede einzelne Welle. 

 

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Es ist der Schmerz, des nichts mehr sagen könnens. Der Schmerz, das nach unserer Begegnung vor über zwanzig Jahren kein Kontakt mehr entstehen wollte und konnte. Der Schmerz, nicht mehr teilen zu können, was ich so gern geteilt hätte. Ich habe den Ruf seiner Seele gehört. Ich habe ihn gefühlt. Und ich wußte, das ich das kannte, was er gesucht hat. Sein ganzes Leben lang.

 

Ich wollte etwas zurück schenken. Für die Geschenke, die ich von ihm bekommen habe. Aber es gab keinen Weg. Er lebte in einer anderen Welt. Seiner Welt. Unsere Berührung war kurz. Für mich war sie intensiv und hat mein Leben verändert. Sie hat mich aufgeweckt. Sie hat mir Hoffnung gegeben. Und sie hat mir gleichzeitig tiefsten Schmerz geschenkt.

 

Jede Szene, jedes Gefühl wird wieder lebendig. Die Bilder ziehen vor mir vorbei. Neu erlebt. Neu durchlebt.

 

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Ich fühle seine Präsenz neben mir. Jetzt gibt es keine Grenze mehr. Jetzt ist das Leben keine Mauer mehr für eine Begegnung. Jetzt können die Seelen miteinander reden. Frei und ungebunden. Er ist da. Ich fühle seine Hand auf meinem Herzen. Ich fühle einen Strom der Heilung, der in eine offene Wunde fließt.

 

Was immer ich sagen wollte, in diesem Leben, es ist angekommen. Was immer ich schenken wollte, ist geschenkt. Der Tod ist keine Grenze. Er ist kein Ende des Weges. Er ist kein Ende des Wachstums. Er ist nur ein Ende jeder Trennung. Er ist der Beginn der wirklichen Kommunikation. Weil keine menschliche Angst mehr den Weg versperrt. Weil die Liebe frei fließen kann. 

 

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Ein ganzer Tag vergeht, in Tränen und mit einem Schatz an Erkenntnissen.

 

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Ich habe immer eine Art von Verpflichtung gefühlt, Menschen zu erreichen. Ich kann die Seelen hören. Ich fühle ihre Wünsche, ihre Sehnsucht. Und es ist eine Qual gewesen, zu wissen, und nicht ändern zu können. Es ist Schmerz, diese Wünsche nicht erfüllen zu können. Es ist Folter, alles zu spüren, was um mich herum geschieht, aber gebundene Hände zu haben.

 

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Jetzt verstehe ich, das es nichts für mich zu tun gibt. Es gibt keine Verpflichtung, es gibt keine Verantwortung. Jeder Mensch wählt seinen Weg und dieser Weg ist perfekt für ihn. Es ist nicht an mir, daran etwas zu verändern. Das liegt nur in der Hand jedes Einzelnen selbst. Er wählt die Hilfe, er wählt die Geschwindigkeit, er wählt die Richtung.

 

Es gibt nichts zu tun für mich. Ich kann ganz in Stille und ganz in Frieden einfach ich selbst bleiben. Ich kann das sein, was ich bin. Was immer wirken soll, wirkt. Was immer davon ankommen soll, kommt an. Ich kann dem Leben vertrauen. Der Vollkommenheit aller Wege. Ich muss nichts daran verbessern. Weil es schon vollkommen ist. 

 

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Es ist pure Erleichterung, das so intensiv zu fühlen. Zu verstehen und loszulassen, wo ich noch immer festgehalten habe. In mir entspannt sich etwas, das immer im Alarmzustand war. Eine Wächterin der Welt kann in den Ruhestand gehen - im Vertrauen darauf, das die Welt auf sich allein aufpasst. In vielen Schritten, in vielen Stufen habe ich losgelassen in den letzten Jahren. Aber dieser Moment ist wie ein letztes Puzzlestück.

 

Jetzt kann ich sehen, beobachten, wahrnehmen, verstehen und bei alledem ganz im Frieden bleiben. Ich werde nicht aufhören, auszurücken, was ich wahrnehme. Ich werde nicht verstummen. Aber diese unglaubliche Dringlichkeit in mir, der Zwang, etwas damit ändern zu müssen, weil sonst die Katastrophe unausweichlich ist, dieser Zwang geht. Er macht den Raum frei für die Liebe. Und eine tiefe Gelassenheit. Es gibt nichts zu tun. 

 

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Wenn ich jetzt schreibe, dann weil ich davon überfliesse. Weil es hinaus möchte in diese Welt. Es spielt keine Rolle mehr, wieviele Menschen ich erreiche. Es ist nicht mehr wichtig, was es bewirkt. Es ist nur wichtig, das ich es ausdrücke, weil ich es bin. Es ist pure Freiheit. Es ist Unabhängigkeit von alledem, was mich umgibt. Sehend, unendlich wach und tief mitfühlend sein und gleichzeitig vollkommen frei in meinem Sein, in meinen Ausdruck und in meinem Weg. 

 

Ich bin angekommen. 

 

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Udo, du hast mich wieder reich beschenkt. So, wie vor zwanzig Jahren. So, wie mit so vielen deiner Lieder. Für mich bist du einer meiner Engel. Ich kann dich an meiner Seite fühlen. Wie all die anderen Engel meines Lebens. Danke! Danke für dein Sein. Danke für dich... Und viel Freude auf deinem Weg!!!!

 

 

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