"Es könnte so leicht sein"

Angst und Liebe im Vergleich

Wenn diese Angst nicht wäre, dann wäre alles ganz leicht. Diese Angst, etwas zu verlieren. Die Angst, übersehen zu werden. Die Furcht, nicht geachtet zu sein. Der Zwang, den eigenen inneren Raum so sehr zu beschützen, das keine Regung des Lebens mehr eine Chance hat, mich zu erreichen. 

 

Gerade heute habe ich diese Angst live erlebt. Und im Gegensatz dazu, das komplette Gegenteil. Aber der Reihe nach....

 

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Ein Handwerker ist bei mir. Wir sprechen ab, wann und wie der den Boden in meiner Wohnung richten kann. Und in diesem Gespräch stellt sich heraus, das er mir auch bei einer anderen noch zu erledigenden Sache helfen kann. Bei der Reparatur eines Fensterbretts, das Wasserflecken hat. Das Fensterbrett befindet sich in meiner ehemaligen Praxis. Und es wäre gut, wenn er es kurz anschauen könnte, damit er weiß, um welches Material es sich handelt. Es ist nur ein Blick. Zwei Minuten. Mehr braucht es nicht.

 

Nun, ich habe den Schlüssel für die Praxis. Weil ich die Waschmaschine dort noch mitbenutzen kann. Aber ich kenne auch die jetzige Mieterin der Praxis. Ich weiß, wieviel Wert sie darauf legt, in jedem Fall informiert zu sein, wenn ich die Wohnung betrete. Ich habe ihre Angst gespürt. Sie braucht die Kontrolle. Sie braucht diese Form der Sicherheit. Das habe ich vor langer Zeit schon akzeptiert. Aber es macht die Dinge auch unglaublich kompliziert. Weil es sich eben nicht immer genau planen lässt, wann, was am besten geht. So, wie in diesem Moment. 

 

Ich beschließe, mich dem Fluß des Lebens nicht entgegenzustellen sondern dem Handwerker schnell zu zeigen, worum es geht. Dann könnte zu meinem Umzug auch dieses Thema erledigt sein. Dann hätte die jetzige Mieterin ihre Ruhe, die Vermieter ebenfalls und ich auch. Aber so einfach ist es nicht. Weil die Angst dazwischen kommt.

 

In den wenigen Minuten, die wir in der Wohnung sind, steht auch die Mieterin in der Tür. Sie hat gleich einen Termin und ich fühle ihre Panik. Innerhalb von Sekunden stehen bei ihre alle inneren Ampeln auf Rot. Ich kann die Angst förmlich greifen. Meine Erklärungen hört sie in diesem Moment sicher nicht. Also schreibe ich ihr noch eine SMS und erkläre die Situation. Und kurz darauf sehe ich auch eine email von ihr. Ich spüre, sie ist in einer anderen Welt, als ich. Was für mich ganz leicht ist und im umgekehrten Fall kein Problem darstellen würde, ist für sie existenzbedrohend. Und so ist es so oft, in dieser Welt. 

 

In einer Welt, die so leicht fließen könnte. In der alles ganz einfach gehen könnte. Ja, könnte....

 

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Wenige Augenblicke später erlebe ich das Gegenteil. Ich erlebe die Leichtigkeit, mit der sich alles entwickelt, wenn ich es einfach nur zulasse. In meiner Garage stehen noch einige Dinge, die ich verschenken will. Es sind schöne Sachen. Ich könnte sie auch verkaufen, aber ich habe mich dagegen entschieden. Weil die Zeit und die Energie, die es kosten würde, dafür die richtigen Käufer und einen angemessenen Gegenwert zu bekommen für mich zu kostbar sind. Ich möchte mich lieber mit meiner Arbeit beschäftigen. Mit dem Schreiben. Und diese Entscheidung zieht sich durch meine gesamte Wohnungsauflösung. 

 

So, wie in diesem Moment. Der Handwerker ist dankbar und freut sich über die Dinge, die ich ihm anbiete. Sein Auto ist groß genug, um alles aufzunehmen. Meine Garage wird leerer und ich werde leichter. Immer leichter. Es ist wunderschön. Und nichts davon ist mit irgendeiner Anstrengung verbunden. 

 

Es geht mir die ganze Zeit so. Ich folge in diesen ganzen Wochen bei diesem Auszug nur meinem Gefühl. Es gibt Dinge, für die ich Geld nehme. Für mein Klavier zum Beispiel. Aber alles andere verschenke ich. Die Pflanzentöpfe gingen an eine Bio-Kräuter-Gärtnerei. Die meisten Möbel schenke ich meinem ehemaligem Freund, damit er sich sein neues Büro einrichten kann. Jedes Teil findet einen neuen Platz. Und alles ergibt sich im richtigen Augenblick von ganz allein. Das Leben zeigt mir genau, was stimmt. Und es bringt die Sachen tatsächlich genau an die richtigen Orte. Es findet die richtigen Menschen. So, wie für die wunderschöne afrikanische Stele, die jetzt bei den Eltern meines ehemaligen Freundes steht. Sie waren von diesem Geschenk tief berührt. So tief, das es sogar die Gräben, die sie zwischen sich und mir aufgerissen haben, wieder einebnet. Ich kann ihre Dankbarkeit spüren und die neue Verbindung. Und das ist ein Geschenk, das sich mein Verstand niemals hätte ausdenken können. 

 

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Solange ich mich nicht mit irgendwelchen Kopf-Plänen einmische in diesen Fluß, erlebe ich diese Geschenke. Unerwartet und wunderbar. Das heißt nicht, das der Kopf nicht auch teilhat. Ich steuere Termine, ich plane Handwerker und organsiere den Rahmen, in dem alles fließen kann. Aber mehr auch nicht. Alles andere gebe ich vertrauensvoll in die Hände dieses Lebens. Und schaue ihm dabei zu, wie die Dinge im richtigen Moment geschehen. Zum ersten Mal erlebe ich einen solchen Auszug in vollkommener Gelassenheit und Vertrauen. In mir ist Ruhe und Frieden. Streß und Gehetztheit sind Fremdworte geworden in diesen Woche. Nichts davon kann ich spüren. Ich mache die Dinge Schritt für Schritt, wann immer das Gefühl sagt, jetzt. 

 

Da ist der Auszug, die Planung für die nächsten Reisemonate, die Fertigstellung von drei Webseiten, Steuererklärungen und das bewußte Abschiednehmen von einer wichtigen Lebensstation - alles gleichzeitig. Und ich fühle mich so gelassen, wie niemals vorher. Ich geniesse die Momente, die an diesem Platz noch auf mich warten in vollen Zügen und ich lerne dabei tiefer und tiefer, das es nichts braucht. Ich werde immer genug haben. Egal, wieviel ich jetzt verschenke. Ich muss nichts festhalten. Ich muss nicht rechnen. Ich brauche keine Angst um meine Existenz zu haben. Ich kann dem Leben vertrauen. Einfach nur vertrauen. Das ist alles, was nötig ist. Nur das Vertrauen. Ich kann loslassen. Was ist das für eine unendliche Erleichterung....! 

 

Und in mir sagt eine Stimme lächelnd - sei willkommen. Im Himmel.....

 

So einfach ist das also?! 

 

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