Der langsame Abschied 

Leere ist der Raum für ein neues Leben

Gestern ist es passiert. Als die Pflanzen, die meine Räume so lange mit lebendigem Grün gefüllt haben, in den Armen eines Freundes diese Wohnung verlassen haben, ist aus meinem zu Hause ein neuer Ort geworden.

 

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Die ersten Stücke, die gingen, vor circa drei Wochen, hinterließen noch eine Lücke. Sie haben eine Bresche geschlagen in etwas, das in sich stimmig war und in dem alles zusammenpasste. Die ersten Bilder, die von meinen Wänden verschwunden sind, haben eine Leere aufgedeckt, die ich nur schwer anschauen konnte. Es brauchte Tage, bei diesem Anblick nicht zusammenzuzucken. Als die Stereoanlage ging, trauerte ich der verlorenen Musik hinterher und bereute es schon fast, sie so schnell schon weggegeben zu haben.

 

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Heute - gleich, um genau zu sein - wird mein Klavier gehen. Es hat mich begleitet, seit ich 14 Jahre alt war. Ein ganz einfaches Klavier ist es. Braun, eckig, ganz ohne Schnörkel oder Verzierungen. Es war ein Geschenk meines Großvaters. Ich erinnere mich noch genau daran, wie er zusammen mit meinem Papa dieses riesige, schwere Etwas vier Etagen zu unserer Neubauwohnung hochgetragen haben. Seitdem war es ein Teil von mir. Es hat mich fast überall hin begleitet. Es war da, wenn ich meinen Schmerz, meine Liebe, meine Tränen und mein Glück ausdrücken wollte. Es hat mich auf dem Weg meiner inneren Befreiung von allen Zwängen, allen Vorgaben und allem "so musst du sein" begleitet. In diese sanft klingenden Tasten ist alles hineingeflossen, was meine Hände an Gefühlen ausdrücken wollten. Mit diesem Klavier habe ich meine schönsten, innigesten und tiefsten Liebeserklärungen geprobt. Um sie dann dort auszusprechen, wo der geliebte Mensch hätte sein sollen, um sie zu hören. Das Klavier war mein Lehrer. Es war mein Freund. 

 

So, wie es mein Auto einmal war. Dieses kleine knuffige Auto, in dem ich mir die Seele aus dem Leib geschrien habe, wenn der Schmerz oder die Wut einfach mal raus mussten. Es war grau, einfach grau. Und es war immer da, wenn ich es brauchte. Es war schwer, in meiner Wohnung einfach mal drauflos zu schreien. So dick sind die Wände hier nun auch nicht, das mich niemand hören könnte. Aber im Auto ging das. Bis es müde wurde, mit mir herumzufahren. Bis seine Zeit vorbei war.

 

Auch für mein Klavier ist unsere gemeinsame Zeit jetzt vorbei. Es ist Zeit für neue Finger, es ist Zeit für neue Impulse, es ist Zeit für eine neue Energie. Und für mich ist es Zeit, ganz leicht weiter durch mein Leben zu reisen.

 

Alle meine Möbel verschenke ich an Freunde. Ein ganzer Abschnitt meines Lebens, zehn, fünfzehn Jahre sind dabei zu Ende zu gehen. Genau in diesen Tagen. Und zum ersten Mal ist es heute so, das diese Wohnung darauf wartet sich zu leeren. Zum ersten Mal fällt es mir leicht, meine Bilder von den Wänden zu nehmen. Mir fällt es sogar leicht, das Klavier gehen zu lassen. Ebend saß ich noch einmal vor diesen Tasten und habe eines meiner Lieblingsstücke gespielt und dazu gesungen. "Aad gureh nameh". Ein Stück, das mich immer an die Liebe meines Lebens erinnern wird. Egal, wo ich es spiele oder höre. Und in diesem Moment, als ich dort saß, stahl sich ein Lächeln auf mein Gesicht und ist bis jetzt nicht mehr verschwunden. Plötzlich war dieses Gefühl da von Weite und Unendlichkeit. Von einem Geschenk. Ein Gefühl voller Leichtigkeit. Einer Leichtigkeit des Loslassens. Loslassen von unendlich Vertrautem.

 

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Als ich danach meine Bilder von den Wänden genommen habe, war alles anders. Jedes Stück weißer Wand, das vor mir erschien, lässt mich mehr Freiheit schnuppern. Die Wohnung ist nicht mehr mein zu Hause. Sie verwandelt sich vor meinen Augen in einen neutralen Ort. Eine weiße Fläche, die geduldig darauf wartet, für einen anderen Menschen eine neue Leinwand zu bieten. Eine Fläche, die sich darauf freut, wieder ander bemalt zu werden. Ich bin nicht mehr dieser Ort. Ich bin ich. Überall. Egal, wohin ich komme. Egal, wo ich bin.

 

Es gibt überall Klaviere. Ich habe schon in Kirchen gespielt und in einer Akustik gebadet, die keine Wohnung jemals bieten könnte. Ja, dieses Klavier wird in meinem Herzen bleiben. Als etwas Besonderes. Aber ich brauche es nicht mehr, um mich auszudrücken. Ich kann es überall. Und genauso ist es auch mit dieser Wohnung. Ich brauche sie nicht mehr als meinen Schutzraum. Ich brauche die Bilder von dieser Welt nicht mehr an meinen Wänden. Ich bin in dieser Welt. Ich kann überall dort sein, wohin mich diese Bilder immer locken wollten. Meine Träume können leben. Sie brauchen keine weißen Wände mehr. 

 

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Und so nehme ich Abschied. Stück für Stück. Heute morgen, bei meiner Wanderung habe ich von meinem Lieblingsbaum am See Abschied genommen. Es war das gleiche Gefühl wie jetzt. Es wollten Tränen fließen und dann kam das Lächeln und ein Segen. Der Baum hat mich gesegnet und ich ihn. Wir haben uns gegenseitig gedankt für die Geschenke, die wir füreinander waren. Es ist Zeit zu gehen. 

 

Abschied ist ganz leicht geworden. Loslassen ist ganz leicht geworden. Weil ich fühle und weiß, das dieses Loslassen den Raum schafft für etwas Neues. Etwas Neues, das leben möchte. So wird es mit jedem Abschied sein, das weiß ich jetzt. So wird es auch mit dem Sterben sein. Denn so wie jetzt, wartet auch dann etwas Neues, Weiteres und Größeres auf mich. Ich weiß es.....

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