Die Suche nach Anerkennung

Ein Abschiedslied

Das Thema hat mich quer durch meine Möbelfahrt in Deutschland begleitet. In ganz unterschiedlichen Facetten. Aus allen Blickwinkeln. 

 

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Es ist präsent, als ich am Ende des Wohnungs-Leerräumens vor diesem kleinen Berg aus Kisten und Kartons stehe und genau weiß, wo alles ist und warum. Da habe ich den Stolz gefühlt. Stolz auf meine Fähigkeit, so zu planen und zu organisieren, das alles ganz flüssig und ohne irgendwelche Verzögerungen oder Probleme ablaufen kann. Wie ein Uhrwerk. Ich weiß, wieviel Arbeit in diesem Zusammenpacken steckt. Ich musste schauen, das alles für die jetzige Woche hier ist, was ich brauche. Ich musste so packen, das ich bei meinen Eltern schnell alles an den richtigen Platz stellen kann. Ich musste an die Dinge denken, die meine Freunde bekommen und auch sie mussten an gut erreichbarer Stelle sein, in der Reihenfolge, in der ich sie brauche.

 

Tausend Überlegungen sind hier hineingeflossen. Und jede Menge aufräumen, loslassen, aussortieren. Es hat mich seit November innerlich beschäftigt. Und jetzt sehe ich, das tatsächlich wie am Schnürchen funktioniert. Alles passt. Ja, ich bin stolz auf mich.... 

 

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Ich spüre diesen Stolz auch, als ich dieses große Gefährt aus umgebautem Transporter samt Anhänger quer duch Deutschland fahre. Mitten durch das Verkehrschaos und den Wahnsinn auf den Straßen. Mitten durch Stau's, vorbei an Unfällen, gedrängelt von Leuten, die alle schneller als ich unterwegs sein wollen oder müssen.

 

Vom Bodensee zum Chiemsee, vom Chiemsee nach Grafing. Von Grafing nach Elster. Von Elster nach Caputh. Von Caputh über Elster und Ippingen in einem Rutsch zurück an den Bodensee geht meine Reise. Und ich bekomme es hin.

 

Zum ersten Mal ist in mir dieses Gefühl für den eigenen Wert so stark. Zum ersten Mal schenke ich mir ganz bewußt diese Anerkennung für eine Leistung, die nur ich wirklich in ihrer Ganzheit ermessen kann. Weil nur ich weiß, was so eine Fahrt und Organisation für mich bedeutet. 

 

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Auf der Rückfahrt allerdings, gerade als ich meine Eltern wieder verlasse, trifft es mich wie ein Hammerschlag. Tränen beginnen zu fliessen, Schmerz pulst durch meinen Körper. Seelenschmerz. Plötzlich sind da Schreie und das Gefühl tiefer Verletzung. Es dauert eine Weile, zu verstehen, was hier geschieht. Es dauert viele Kilometer, bis irgendwo Würzburg, weit im Süden.... Bis dahin durchfließt mich der Schmerz immer wieder. In Wellen kommt er, so wie die Tränen. Ein endloser, langer Strom. Und gleichzeitig eine tiefe Reinigung und Heilung. 

 

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Was ist es?

 

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Meine Eltern konfrontieren mich durch ihre Haltung mit einem ganz Mangel, der sich durch mein ganzes Leben gezogen hat. Der fehlenden Anerkennung für mein Sein. Für das Sein, das mir wirklich wichtig ist. Mein Vater kann die Leistung verstehen, die hinter so einem Umzug steht. Aber in seinen Augen ist die Tatsache, das ich meine Wohnung auflöse, keine bewundernswertes Loslassen sondern, nett ausgedrückt, etwas Verrücktes. 

 

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Für ihn war nur ein kleiner Teil meines Lebens wirklich anerkennenswert. Das waren die Jahre, die ich in München als Managerin für eine Internet-Firma gearbeitet habe. Als ich auf der Karriereleiter dieser Welt unterwegs war. Als ich Auto, Wohnung und gut bezahlten Job hatte. Als ich in dieser Welt einen Titel hatte und etwas darstellte. Da erzählte er, stolz auf seine Tochter, jedem von mir, der es hören konnte. 

 

Alles was danach kam, bleibt für ihn fremd und unverständlich. Bis heute hat er nicht einen Blick auf meine Webseiten geworfen. Er hat keine Ahnung, was ich tue und warum. Weil er bei allen Erklärungen nicht zuhört. Und wenn seine Ohren vielleicht auch anwesend sind, der Rest seines Wesens ist es nicht. Für ihn ist eine Welt, die auf Glauben basiert, vollkommen unverständlich und suspekt. Diese Welt zu verändern ist, wenn überhaupt, vergebliche Liebesmüh. 

 

Diese ganzen Überlegungen und Gefühle in seinem Kopf kann ich diesmal deutlich spüren. Aber es kommt noch schlimmer. Da ist vor allem das deutliche Gefühl, in seinen Augen eine Versagerin zu sein. Jemand, der seine Wohnung auflöst und durch die Welt "zieht", ist heimatlos. Obdachlos. Es ist jemand, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt. Ich bin eine Aussteigerin aus der einzigen Welt und Gesellschaft, die für ihn zählt und irgendeinen Wert darstellt, auch wenn er an allen Ecken und Enden darüber schimpft. Versagerin. Dieser Gedanke ist es, der mich so tief trifft, wie nichts vorher. 

 

Ich habe mein Leben lang versucht, ihm zu beweisen, das ich etwas wert bin. Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, seine Anerkennung zu bekommen. Ich spüre diese Sehnsucht in mir, seinen Stolz auf mich zu fühlen. Stolz auf das, was ich wirklich bin. Stolz auf meinen Wege, meinen Mut, meine Schritte, mein Leben. Ich möchte seine Arme um mich spüren und in diesem Gefühl baden. Ich möchte gesehen werden und geliebt, weil ich ich selbst bin. Doch statt dessen, spüre ich von ihm Ablehnung, Mißtrauen und tiefe Entäuschung.

 

Und selbst meine Mutter, die soviel von dem weiß, was ich tue und immer alles liest, selbst in ihren Augen versage ich. Auch in ihr spüre ich dieses Gefühl. Die Sorge. Das Unverständnis. 

 

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Sie werden mich immer unterstützen. Aber sie unterstützen damit nicht das, was ich bin und auch nicht den Weg, den ich gehe. Sie tun es, weil ich in ihren Augen sonst vollkommen untergehen würde in dieser Welt. Sie tun es, weil sie mich allein nicht für überlebensfähig halten. Sie tun es nicht als Anerkennung und auch nicht aus Stolz auf mich. Sondern aus Mitleid und aus einem Gefühl der Verantwortung heraus. Aus Angst und aus Sorge. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht, das so deutlich zu erkennen. 

 

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Deshalb weine ich diesen ganzen langen Rückweg hinunter in den Süden. Deshalb ist der Schmerz so unendlich tief, der da an die Oberfläche bricht. Deshalb lassen mich meine Schreie fast heiser werden. Ich fühle die Löcher in meiner Seele. Richtige dunkle Löcher, die eigentlich mit Selbstwert, Anerkennung und Stolz auf mich gefüllt sein sollten. Löcher, die tiefer wurden mit jedem Warten, mit jedem Versuch, zu zeigen, wie gut ich eigentlich bin. 

 

Und langsam, ganz langsam, beginne ich mich zu verabschieden von diesem tiefen Wunsch nach Anerkennung. Ich beginne mich zu lösen, von der Überzeugung, diese Anerkennung von meinem Vater und meiner Mutter zu brauchen, um zu überleben.

 

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Dabei hilft mir auch eine Erinnerung an eine Begegnung in diesen Tagen. Eine Begegnung mit einer Freundin, die voll von dieser Sehnsucht nach Anerkennung ist. So voll, das sie sie in jedem zweiten Satz auf irgendeine Art einfordert. Das macht jedes Gespräch mit ihr so anstrengend, das ich es nur kurze Zeit aushalte. Ihre Sehnsucht ist so groß, das da kein Raum für wirkliches Zuhören ist. Es bleibt kein Platz für wirklichen Austausch. Alles dreht sich letztlich nur um die Dinge, die für sie gerade wichtig sind und um die Bestätigung, mit ihrem Weg und ihren Entscheidungen richtig zu liegen.

 

Es geschieht nicht bewußt, es ist keine böse Absicht. Ihre innere Not ist einfach so groß. Und nichts, was ich ihr an Anerkennung schenke, kann die tiefen inneren Löcher in ihr füllen. Nichts. Es bleibt ein bodenloser Brunnen. Daran denke ich in diese Moment....

 

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Ich denke auch an andere Menschen, die mir ganz nah sind. Und an die vielen Arten, mit denen sie versuchen, die Anerkennung und die Liebe zu verdienen, die eigentlich niemals auch nur ansatzweise in Frage stehen dürfte. Weil wir alle vollkommen sind, genau so, wie wir sind.

 

Diese Gewissheit sollte in uns leben. Da, wo die Löcher existieren, sollte Liebe sein. Und die Erkenntnis, das uns das Leben, das uns Gott genau so liebt, wie wir sind. Da gibt es keine Abstriche, da gibt es keine Ausnahmeklauseln. Da gibt es keine "ja, aber's". Da gibt es keinen Moment, in dem diese Liebe ins Wanken gerät. Egal, was wir tun. Vollkommen egal. Wir werden geliebt. Immer. 

 

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Genau dieses Gefühl sickert jetzt gerade in meine Zellen. Ich kann es als Licht fühlen. Wunderbares, helles, umarmendes und nährendes Licht. Es füllt diese schwarzen Löcher in meiner Seele. Wie ein verdursteter See werden sie überflutet, bis sie ganz hell sind. Ganz strahlend und voller Licht. Alles wird Licht in mir. Alles. Und da ist eine Wärme und eine Geborgenheit, die mich so tief umarmt, wie es kein Mensch jemals gekonnt hätte. Ich fühle mich umhüllt und zutiefst genährt. Beides zugleich. Da ist Stille und Frieden. 

 

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Es ist das Ende der Suche. 

 

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