Der Blick von Innen 

Vertrauen in den Fluß des Lebens

Das Gehen war schwerer, viel schwerer, als es im ersten Moment aussah. Es war ein tränenreicher Abschied. Nicht so sehr, weil die Tränen in mir waren. Es waren die Tränen der Anderen, die ich geweint habe. Die Tränen der Menschen, die in Deutschland blieben und mir beim Gehen zusahen. Ich merke, das ich so tief mit ihnen verbunden bin, das ihr Schmerz zu Meinem wird. Ein Schmerz, den ich so offen, wie ich bin, einfach zulasse. Ich lasse ihn durch mich fließen.

 

So, wie an den Plätzen dieser Welt. Es ist der gleiche Prozess. Es ist der gleiche "Mechanismus". Und es ist alles andere als einfach, das sowohl einzuordnen als auch "auszuhalten". Aber für mich gehört es dazu, zu diesem Eins-Sein und Eins-Werden. Es gehört zu dieser "Heiligen Hochzeit", die aus Getrenntem wieder ein Ganzes schafft. Deshalb kann ich damit sein. Und jeden Widerstand loslassen. 

 

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Portugal hat mich mit einer sanften Umarmung begrüßt. Ich hatte das Gefühl, ein wenig schlafzuwandeln. In mir war eine Sicherheit, mit den Dingen umzugehen, als wäre ich hier aufgewachsen. Weil sie eigentlich so gar nicht anders sind. Flughäfen funktionieren auf sehr ähnliche Weisen. Autos auch. Und selbst der Straßenverkehr ist nicht so anders. Alles lief ab, wie lange geprobt. Fließend. Ohne irgendeinen Haken. Und da fuhr ich nun. Unter einer 22 Grad warmen Sonne, im Abendlicht, über den Tejo, vorbei an Lissabon gen Süden. 

 

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Nichts war geplant. Auch das gehört für mich jetzt dazu. Ich gebe mir den Raum, das Leben frei fließen zu lassen. Wenn Impulse da sind, folge ich ihnen. Ich vertraue meinem Gefühl. Es wird mich führen. Und das tut es tatsächlich. Die ganze Zeit. Es ist erstaunlich, das so live und unmittelbar zu erleben. Sobald sich in mir die Vorstellung davon formt, wohin ich möchte und was ich jetzt brauche, dann gelange ich an einen solchen Ort. Aber dafür muss ich erst einmal alles austesten und elemenieren, was mir nicht entspricht. 

 

So, wie hier an der Algarve. Es brauchte den ganzen Weg, die Westküste hinunter. Es brauchte den Stop an den windumtosten Stränden bei Aljezur. Es brauchte den Blick auf Sagres, das Fühlen der Touristenwelten. Es brauchte die Fahrt entlang der Südküste, durch Lagos und durch Carvoeiro. Es brauchte die Realisierung, das nichts, was ich vor zwanzig Jahren hier kannte, noch extistiert, um zu wissen, das ich nicht in einem solchen Massenhotel an der verbauten Küste wohnen will. Es brauchte das alles, um umzudrehen, ins Landesinnere.

 

Und jetzt ist der Platz da. Ein Apartment mitten auf einer Quinta bei Silves. Mit Holzfeuerkamin, Küche, Kabeltelefon und verkabeltem Internet im Wohnzimmer. Mit Stille um mich herum und Bäumen voller Früchte, von denen ich mich jederzeit bedienen kann. Avocados. Clementinen.... Alles ist da, was ich jetzt wirklich brauche, um die intensiven Tage des Loslassens von Deutschland und von meinem alten Leben auch innerlich zu vollziehen. Alles, was ich brauche, um diese eine Webseite, die noch nicht so fertig ist, wie ich es mir gewünscht hätte, fertig zu machen. Alles, um zu arbeiten und zu leben, wie es mir entspricht.

 

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Aber der äußere Rahmen ist die eine Sache. Auch innerlich im neuen Leben anzukommen, eine ganz andere. Um mich herum sind alle Menschen in irgendeiner Form in Urlaubsstimmung. Sie befinden sich auf einer Auszeit ihres Lebens. Innehalten, zur Ruhe kommen, Dampf ablassen. Aber ich bin mittendrin in meinem Leben. Das hier ist kein Ausnahmezustand für mich, das ist die Normalität.

 

Ich gehöre nicht zu den Touristen, ich gehöre auch nicht zu den Portugiesen, die hier in der Tourismusindustrie arbeiten. Ich gehöre nicht zu den Deutschen, die sich hier ein anderes Leben aufgebaut haben. Ich gehöre nicht zu den Aussteigern. Ich gehöre nur zu mir. Und in diesem ganzen Umfeld von so widersprüchlichen Energien und Intentionen suche ich mir tastend einen ganz eigenen Weg. Einen ganz eigenen Rhythmus. Ich brauche viel Raum und viel Ruhe, um die Stimme in meinem Inneren ganz klar zu hören. Sie weist mir den Weg. 

 

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Vertrauen. Vertrauen in diese Stimme, das ist mein Schlüssel. Vertrauen, das ich immer genug haben werde. Das immer genug da sein wird für mich. Vertrauen, in die Fülle, die mich umgibt. Beim langsamen Hineingleiten in den Fluß des Lebens werden die Ängste, die noch in mir leben, so wunderbar deutlich. Angst, nicht genug im Kühlschrank zu haben, zum Beispiel.

 

Ich beobachte mich selbst schmunzelnd dabei, wenn ich mal wieder mehr einkaufe oder koche, als ich eigentlich essen kann. Ich beobachte auch, den langsamen Wandel dabei. Das "mich immer mehr Entspannen." Aber es geschieht nicht auf Knopfdruck. Es ist nichts, was ich mit dem Verstand befehlen oder regeln könnte. Es ist ein langsamer Prozess, in dem ich immer tiefer in die Vollkommenheit des Seins einsinke. 

 

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Ich beboachte meine Impulse zum Schreiben. Die Impulse zur Bewegung. Ich schaue zu, wie ich mir selbst irgendwo Druck mache und wie ich davon wieder loslasse. Es ist wunderschön, diesem Fluß zu folgen. Es braucht aber auch jede Menge Mut, weil der Verstand zwischendurch immer mal wieder Amok laufen will, angesteckt, von der Energie der Menschen um mich herum.

 

Es braucht den Mut, mir selbst zu vertrauen und meinem eigenen Weg. Und so erinnere ich mich an meinen eigenen Puls, an meinen eigenen Herzschlag. Ich komme zur Ruhe. Und das Lächeln, geboren aus der Stille, bleibt auf meinem Gesicht.....

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