Sorglosigkeit inmitten der Sorge? 

Glück inmitten der Angst

Gerade hat mir eine Freundin geschrieben, ich verkörpere für sie die Sorglosigkeit. Sie beneidet ich um mein Leben. Im ersten Moment konnte ich mich mit diesem Wort überhaupt nicht identifizieren. Es klang wie ein Synonym für Oberfächligkeit und Ich-Verliebtheit. In einer Welt, die rundherum in Stücke bricht. So, als würde mich das alles gar nichts angehen.

 

Aber das ist es nicht. Es ist eine andere Art der Sorglosigkeit. Eine wissende Sorglosigkeit. Eine Sorglosigkeit inmitten des Ozeans der Sorgen, die ich rund um mich herum fühlen kann. Sorgen der Menschen in meiner Umgebung. Die Angst der Menschen in der Welt. Sie fließt durch mich hindurch. Ich kann sie fühlen, wie meine eigene. Sie schüttelt mich. Sie lässt meine Tränen fließen. Ich fühle den Schmerz.

 

Aber es ist nicht meiner. Und es ist schwer; es ist richtig schwer, bei dem, was ich sehe, ganz in meinem Gefühl dieses inneren Friedens, des Glücks, des Vertrauens und der Liebe zu bleiben. 

 

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Ein Beispiel.... Ich habe heute morgen über Freunde davon erfahren, das auf dem Darß, im Norden Mecklenburgs, ab sofort "Fracking" betrieben werden wird. Stralsund hat grünes Licht dafür gegeben. Eine kanadische Firma kann beginnen. Soweit ich das System verstanden habe, wird dabei ein hochgifter Chemikaliencocktail mit Flüssigkeit versetzt unter Druck in die Erde geleitet, um das Gestein aufzubrechen.

 

Wozu? Um an das Erdgas zu kommen, das in dem Gestein eingeschlossen ist. Die Erde aufbrechen? Wie eine Eierschale. Von Innen? Und dazu noch mit Gift? Gift, das logischerweise auch irgendwann im Wasser landen muss? Im Trinkwasser! Schließlich ist alles miteinander verbunden und ein System.

 

Wer denkt sich so einen Wahnsinn aus? Wer sagt ja dazu, das eigene Land dafür herzugeben? Wer verkauft seine Gesundheit und seine Zukunft für einen kurzfristigen Gewinn und warum? Und warum schweigen alle, die sich eigentlich den Schutz der Menschen und der Natur auf die Fahnen geschrieben haben?

 

http://www.gegen-gasbohren.de/2014/03/12/fracking-vorpommern-oh-wie-schoen-war-fischland/

 

Ich liebe den Darß. Es ist eine der Regionen in Deutschland, die meinem Herzen ganz, ganz nah stehen. Ich weiß genau, wo es geschehen wird. Und in mir war Starre, Sprachlosigkeit, Erschütterung und ein Berg von Traurigkeit, als ich davon gehört habe. Noch schlimmer wurde es, als ich einen Film schaute, in dem ein US-Amerikaner in seiner Heimat auf Spurensuche der Folgen dieses Fracking geht. Denn dort wird die Methode schon eine Weile exzessiv angewendet. Die Folgen sind verheerend. 

 

http://youtu.be/d75ZXcTi-KY

 

Heißt das Abschied nehmen, von diesem wunderschönen Stück Erde? Wieder einmal?

 

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Vielleicht heißt es das. Ich weiß es nicht. Ich schaue dem Ganzen zu. Ich fühle mich in das Land ein. Ich fühle mich in die Menschen ein. Diejenigen, die dort leben. Diejenigen, die diese Entscheidung getroffen habe. Ich fühle die Angst, die Unsicherheit. Das ist ein überwältigendes Loch, beim Gedanken an die eigene Zukunft. Ein Loch, wenn es um Perspektiven im Leben geht. Ich war oft genug fast gelähmt von der Energie, die mich dort oben überfallen hat. Einer Energie der Starre. Ein "nicht-Wissen-wohin". Ratlosigkeit. Hoffnungslosigkeit. Auch mit dem Tourismus als Einnahmequelle ist die Existenzangst körperlich spürbar. Diese Angst vor dem Wegbrechen der letzten Möglichkeiten, zu überleben. Die Angst, die aus der Abhängigkeit von einer einzigen Verdienstmöglichkeit geboren wird. 

 

Das ist der Boden, auf dem solche Entscheidungen getroffen werden. Mit dem besten Wollen. Denn erst einmal bedeutet dieses Fracking für den Darß Geld. Denn diese kanadische Firma muss natürlich für die Bodennutzung zahlen. Es bedeutet vielleicht sogar Arbeitsplätze in einer Region, die auf äußerst wackligen Füssen steht. Strukturschwach, wie es so nett heißt. Das ist aber auch der Boden, der Ausverkauf bedeutet. Nur, die Angst ist so groß, das jeder Gedanke an mögliche negative Folgen beseite geschoben werden. Sie werden aussortiert, bevor sie auch nur das Herz oder Bewußtsein erreichen könnten.

 

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Wie oft geschieht das. Jederzeit? Immer wieder? Wie oft treffen wir Entscheidungen aus Angst? Wie oft machen wir Kompromisse und hoffen mit einer "cross-fingers, es wird schon alles gut gehen, malen wir mal nicht den Teufel an die Wand - Mentalität", das Beste? Wie oft treten wir unser Gefühl, unsere Intuition, unser Herz mit Füssen? Wie oft lassen wir unseren Verstand logische Argumente auffahren, wie ein Geschützfeuer, um alle anderen Stimmen in uns abzuschießen? Wie oft habe ich das getan in meinem Leben?

 

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Mein Leben hat mich gelehrt, das das kein Weg ist, den ich gehen will. Ich will mich nicht mehr selbst verraten, aus Angst, nur das könnte mir den Hals retten. Ich habe oft genug erfahren, das daraus nichts entsteht, was mich wirklich nährt. Jeder Kompromiss war in meinem Leben ein fauler Kompromiss, der irgendwann "zurück gefeuert" hat. Auf irgendeine Art. Ich hatte irgendwann genug.

 

Ich möchte keinen einzigen Schritt mehr gehen, hinter dem ich noch voll und ganz stehen kann. Ich will nichts mehr tun, was mir nicht vollständig entspricht.

 

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Und dazu gehört auch die Entscheidung, für mich selbst gut zu sorgen. Richtig gut. Denn nur, wenn ich mir selbst einen Rahmen schaffe, in dem ich mich ganz entspannen kann; nur, wenn ich mir Räume schaffe, in denen ich Stille finde und Rückzugsmöglichkeiten; nur wenn ich, wo immer ich mich aufhalte, der Stimme in meinem Inneren folge, fühle ich mich wohl.

 

Und nur wenn ich mich wohl fühle, kann die Liebe in die Welt fließen, die in mir ist. Nur dann bin ich ein volles Gefäß, das überfließt. Nur dann bin ich frei, alles, was von Außen auf mich einstürmt, durch mich hindurch fließen zu lassen, ohne das es Widerstände findet und sich festhakt. Nur dann kann ich eine Hilfe sein. Eine Inspiration. Eine Quelle der Liebe, des Vertrauens, der Unerschütterlichkeit und auch der Sorglosigkeit. Nur dann bin ich so etwas wie ein Leuchtturm. Nur dann schreibe ich so frei, wie jetzt. Nur dann kommen die Wörter aus mir geflossen, die Seelen berühren. Nur dann bin ich, ich. 

 

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Es ist meine Entscheidung. Eine Entscheidung für mein Glück zu sorgen. Eine Entscheidung, die Schönheit der Welt zu sehen. Hinter die Kulissen zu schauen. Die Entscheidung zu verstehen, statt zu verurteilen. Die Entscheidung, mein Herz offen zu lassen, egal, wie hammerhart die Schläge sind, die ich mit-fühlen kann. Die Entscheidung, zu glauben, zu wissen und zu vertrauen, auch wenn die Menschen immer wieder der Angst in die Arme laufen. Ich bleibe dabei. Der Himmel ist schon da. 

 

Das ist es, was mir die Kraft gibt. Das ist es, was mir meine Freiheit gibt. Und das ist es, was ausstrahlt. Genau diese Sorglosigkeit. Die Freude am Lebendigsein. Den Frieden mit der Welt und den Entscheidungen der Menschen. Ich habe keine Angst. Aber es ist keine Entscheidung, die ich einmal getroffen habe und fertig. Es ist ein ständiges Neu entscheiden. Wieder und wieder. Bei jeder Herausforderung. So, wie heute morgen. 

 

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Es ist eine Entscheidung, wenn ich die Bettler hier vor den Kirchentüren sehe, die pessimistischen Nachrichten im portugiesischen Fernsehen höre, wenn ich die halbverfallenen Häuser betrachte, den Protesten gegen die neuesten Gehaltkürzungen zusehe, mit der Kellnerin rede, die gerade mal 450 Euro im Monat verdient für eine sieben Tage Woche und 12 Stunden arbeiten pro Tag. 450 Euro. Ohne Steuerabzug.....

 

Ich fühle mit. Ich höre zu. Ich bin ganz wach. Ich bin ganz da. Ich bin damit ein Spiegel, in dem sich der Andere selbst sehen kann. So helfe ich. Und so schreibe ich auch.... Für mich ist es kein Weg auf die Menschen einzuschlagen, die ihrer Angst folgen und hoffen. Aber ich kann jeden von uns vielleicht daran erinnern, das wir viel mehr sind, als unsere Angst. Ich erinnere mich selbst. Und ich erinnere dich daran, indem ich das hier aufschreibe....

 

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Sorglosigkeit inmitten der Sorge. Liebe inmitten der Angst. Vertrauen inmitten der Erdbeben. Eine Insel? Vielleicht. Aber ich weiß, das ich nicht die Einzige bin oder bleibe. Und viele Inseln werden Kontinente.....

 

Danke dir, meine Freundin, das du mir heute die Chance geschenkt hast, so tief in mich selbst zu schauen.... Danke für deine Inspiration!

 

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