Tag 2

Karamatura - Whatipu Lodge

ca. 11 Kilometer

ca. 650 Meter Anstieg, ca. 600 Meter Abstieg 

Fotos: Heike Würpel

Ganz früh am Morgen, die Kids schlafen fast noch, breche ich auf. Diese Morgenkühle ist mein liebster Wegbegleiter. Ich bin ein Frühaufsteher und ich genieße es, die Welt um mich herum beim Erwachen zu erleben. Am Anfang ist strahlender Sonnenschein mein Begleiter. Und ein Weg, der zunehmend herausfordernder wird. Aus gut ausgebaut (für die Tagestouristen, die mit dem Auto einen kurze Strecke laufen wollen) wird ein schmaler, schlamm- und matschüberzogener Kletterparcours. So steil, das ich oft genug alle Viere brauche, um vorwärtszukommen. Dazwischen warten kleine Bäche mit den geliebten Steinkletterpartien vorbei an schnell gurgelndem Wasser. 

 

Alle paar Schritte muss ich anhalten. Der Steigungswinkel des Wegens ist Wahnsinn. Und kein Ende in Sicht. Hinter mir sind mittlerweile die Jugendlichen unterwegs. Sie überholen mich und mit Erleichterung sehe ich, das auch sie ziemlich am Anschlag unterwegs sind. Dieser Berg hier bringt uns alle an den Rand unserer Fähigkeiten. Es tut gut, mich mit diesem Gefühl nicht allein zu erleben.

 

Einen Abstecher zum Wasserfall lasse ich weg. Ich habe genug damit zu tun, hier herauf zu kommen. Je höher ich komme, desto mehr verschwindet die Sonne. Der Himmel überzieht sich mit Grau und die ersten Nieseltropfen fallen. Aber sie stören mich nicht. Der Busch um mich herum ist so dicht, das eigentlich nichts davon bei mir ankommt. Es wird nur schwierig noch einen halbwegs trockenen Platz für die Frühstückspause zu finden. 

 

Irgendwann, irgendwann, ja, irgendwann ist der Anstieg vorbei. Aufatmen. Aber es kommt kein wirkliches Gipfelgefühl auf, denn es gibt kaum eine Aussicht. Das Himmelsgrau hat sich in Nebel verwandelt und die Umgebung bleibt ein gleichmäßiges Schleiergebilde. Ich ahne, das da etwas sein könnte, aber dabei bleibt es auch. Egal, ich laufe weiter und weiter. Mache meine Pausen und erlebe langsam aber sicher, wie mein Wasser weniger wird. 

 

Aber da ich ja heute nicht die ganze vorgesehene Strecke gehen möchte, glaube ich, es wird schon reichen. Tut es aber nicht. Es ist weiter, viel weiter, als ich geglaubt habe. Nur ein Schluch ist noch übrig, und mich trennen noch 2,5 Stunden von Whatipu. Mittlerweile regnet es ganz ordentlich und ich erlebe zum ersten Mal in meinem Leben auf einer fast verzweifelten Suche nach Wasser. Um mich herum herrscht Überfluß, aber es ist nur ansatzweise soviel, das ich es leicht von den Blättern trinken kann. Ein Teebaum kommt mir zur Hilfe. An ihm kommt das Wasser in regelmäßigen Tropfen herunter. Ich kann es in der Flasche sammeln. Es ist reine Geduldsarbeit, aber sie gibt mir das Gefühl, nicht verloren zu sein. 

 

Der Weg wird auf's Neue zur reinen Kletterpartie. Ich nehme es mit Gelassenheit. Und als ich auf einem der Gipfel auch noch zwei Mädchen treffe, die mir ein paar Schlucke von ihrem Wasser geben, geht es mir richtig gut. Außerdem wird die Aussicht langsam aber sicher absolut fantastisch. Der Klettersteig (anders lässt er sich kaum nennen) führt direkt an der Steilküste vor Whatipu entlang. Es ist ein Gedicht. Jeder Blick purer Genuß.

 

Jeder Schritt, hohe Konzentration. Meine Pausen werden sehr regelmäßig. Zeit, um diese pure Luft ganz in mir aufzusaugen. Zeit, um jeden dieser Blicke wirklich zu würdigen. Diese absolut notwendige Fokussierung auf das Laufen bringt mich in eine Verbindung mit der Erde, die vor Intensität vibriert. Jeder Stein wird zu einem Teil von mir. Ich kann das Rollen fühlen, bevor ich auf ihn treten würde. Alle meine Sinne sind weit offen und ich weiß genau, wohin mich mein Schritt führen darf und wohin nicht. So bin ich noch nie vorher geklettert. Es ist genial. Den Rucksack merke ich dabei kaum noch.

 

Die Whatipu Lodge ist schon lange in meinem Blickfeld, aber der Weg führt leider nicht direkt hinunter. Im Gegenteil. Noch ein steiler Abstieg, noch einmal steil hinauf und dann, ganz am Ende dieses Steilküstenrückens ahne ich das Ende. Die Wegbereiter wollten sichergehen, das man keinen Ausblick verpasst. Und so genieße ich notgedrungen auch diese letzte Bank mit einem zugegeben fantastischen Blick. Es wäre ein wunderschöner Platz für einen Sonnenuntergang, aber nachdem ich diesen letzten Abstieg einmal erklettert habe, hält sich mein Enthusiasmus für diesen Plan doch in Grenzen. 

 

Endlich. Ich bin angekommen. Von halb acht bis um drei war ich unterwegs. Und hier ist sie. Whatipu Lodge. Diesmal brauche ich kein Zelt aufzubauen. Bloß gut, denn auf dem Campingplatz tummelt sich schon wieder eine Schar Schüler. Fünfzig tobende Kids sind dort unterwegs. Ich habe ein Zimmer gemietet für zwei Nächte. Ganz für mich allein. Himmel!

 

Und noch ein Himmel wartet auf mich. Die Schüler haben Begleiter. Die Begleiter haben einen Koch dabei. Und von dem werde ich zum Abendessen eingeladen. Liebe Trekking-Nahrung, du darfst heute auf mich warten. Ich habe etwas Besseres vor!

 

Der eigentliche Höhepunkt dieses Tages aber wird der Sonnenuntergang. Der Strand ist nur zehn Laufminuten von der Lodge entfernt. Ein Traum von einem Strand. So, wie ich es liebe. Dort sitze ich, auf einer Düne und beobachte den Himmel und die Weite um mich herum. Es wird so rot, das alle Felsen um mich herum zu brennen scheinen. Die weiter entfernte Küste von Karekare ist in ein unwirkliches Licht getaucht. Endlosigkeit. Die Zeit steht vollkommen still. Jeder Moment ist anders. Jeder Moment folgt einer gesteigerten Dramaturgie. Mit Tränen in den Augen und einem lachenden Herzen sitze ich mitten in dieser Aufführung und möchte niemals, niemals woanders sein.

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