Tag 9

Craw Campground - Muriwai Beach

27,5 Kilometer

Reine Laufzeit: 11 Stunden

Auf und Ab - geschätzte 800-900 Höhenmeter, vielleicht auch mehr

Fotos: Heike Würpel

Das ist er. Der letzte Tag. Die große Herausforderung. Es gibt keine Möglichkeit, diese lange Strecke zu teilen. Kein Campingplatz liegt mehr auf dem Weg und zu allem Überfluß auch keine verlässliche Wasserquelle. Das heißt nicht nur elf Stunden laufen sondern elf Stunden laufen in Sonnenhitze mit all dem Wasser für den gesamten Tag auf dem Rücken. Ich plane ungefähr fünfeinhalb Liter ein. Und es stellt sich heraus, das es perfekt kalkuliert ist.

 

Aber die ersten Meter mit diesem extra schwerem Rucksack, in dem das Wasser schwappt sind verrückt. Dreieinhalb Kilo mehr sind eine ganze Welt. Ich verteile das Gewicht anders, dann geht es. Der Weg allerdings wird damit nicht wirklich leichter. 

 

Zuerst überquere ich eine Wiese voller Kühe, die mit jedem Schritt in ihrem Revier näher an mich heranrücken. So nah, das mir mulmig wird. Sie sind richtig groß und ich brauche alle meine Beherrschung und mein Vertrauen, um bis zum anderen Ende des Zaunes zu kommen, ohne wirklich Angst zu fühlen. Ich weiß genau, das jede Form von Angst eine kleine Katastrophe heraufbeschwören könnte. Denn die Tiere spüren genau, was in mir vorgeht. Sie haben alle Antennen darauf eingestellt. 

 

Am Ende ist mir selbst die Aussicht auf einen steilen Abstieg, Bachüberquerung und folgender steiler Anstieg recht. Hauptsache, ich kann in Ruhe laufen, ohne mich zusammenreißen zu müssen.

 

Es bleibt nicht bei diesem einen Abstieg. Der Weg hat sich gefaltet, wie eine Zieharmonika. Mit jedem neuen Bergrücken werde ich gelassener. Langsam. Ganz langsam geht es heute ebend. Ich habe alle Zeit der Welt. Bis es dunkel wird, werde ich schon ans Ziel kommen. 

 

Die erste Frühstückspause an einem Bergaussichtspunkt ist etwas ernüchternd. Die Luftentfernung zum Startort erscheint läppisch im Vergleich, was ich in meinen Beinen fühle. Aber ich weiß ja, was dazwischen lag. 

 

Weiter geht es, hinunter nach Bethells Beach. Der Abstieg ist einer der Krönungen dieser Tour. Pure Schlammschlacht. Rutschig, glitschig und saugefährlich. Mich selbst so konzentriert zu erleben, ist immer wieder ein Wunder. Stundenlang, hundertprozentig wach, in jedem Augenblick. Und ich werde nicht müde davon. Wirklich erstaunlich.

 

Am Lake Wainamu kann ich erst einmal die nächste Pause einlegen. Die Sonne blitzt vom Himmel, es wird heiß und es ist langsam Mittagszeit. Der Weg hat beschlossen, mir eine Pause zum Verschnaufen zu schenken. Gemütlich geht es am Ufer entlang, bis die große Sanddüne von Bethells herübergrüsst.

 

Die Menschen hier scheinen aber keine Wanderer willkommen zu heißen. So sehr abgelehnt, wie in diesem Ort habe ich mich noch nie gefühlt. Die Drahtzäune reichen konsequent bis an die Uferkante hinunter. Da bleibt nur der Weg durch den Fluß. Der Wasserstand ist nicht hoch, es gibt immer irgendeine Art von Sandbank, aber ein Abenteuer bleibt es trotzdem. Und mit der Gefühl dieses "Nicht-Willkommen-Seins" in Doppelpack hälte sich meine Freude an der Umgebung in Grenzen. 

 

Ich bin froh, als ich die wohlbekannte Straße erreiche. Hier stand ich vor rund zwei Wochen schon einmal, war fast am Verdursten und noch ziemlich geschockt, von dem Weg, den ich gerade hinter mich gebracht hatte. Heute weiß ich, was jetzt kommt. Grandiose Steilküstenlandschaft und schmale Gratpfade, die mir alles abverlangen werden. Es ist jetzt richtig heiß. Die Sonne brennt vom Himmel und Schatten ist nur in Ausnahmefällen zu finden. 

 

Der erste Anstieg ist der schwerste. Kurz vor dem Gipfel kommen mir zwei Mädels entgegen und fragen mich verschwitzes Wesen mit dem dicken Rucksack auf dem Rücken tatsächlich leichtfüßig lächelnd, ob ich ein Foto von ihnen machen würde. Ich kann es nicht fassen. Merken die denn gar nichts? Ich bin gerade einen steilen Anstieg am Hochstapfen und soll jetzt munter anhalten? Unmöglich! Solche komischen Fragen sind mir auf dem Weg schon öfter untergekommen. Und in mir macht sich jedes Mal Wut und Staunen darüber breit, wie wenig andere Menschen manchmal mitfühlen können, wie sehr sie in ihrer eigenen Welt gefangen sind. 

 

Am Gipfel geniesse ich ein unglaublich schönes Panorama. Die Mädels sind schnell vergessen. Dafür breitet sich zu meinen Füßen fast der gesamte Hillary Trail aus. Selbst Karekare kann ich sehen und es fällt mir unendlich schwer, mich von diesem Anblick zu lösen. Es ist noch ein langer Weg, aber dieser Ort bleibt ein absoluter Höhepunkt.

 

Schritt für Schritt komme ich Muriwai näher. Die heiklen Stellen sind gangbar, es gab keine neuen Erdrutsche. Dafür komme ich manchmal sehr ins Grübeln, wie ich einige Kletterstellen überwinden könnte. Irgendwie geht es immer weiter. Und ich mache so viele Foto-, Ess- und Genußpausen, wie es nur irgendwie geht. Der Ausblicke sind einfach ein Traum. Schönste Steilküste auf jedem Zentimeter. Himmelblaues Meer und weiter strahlender Sonnenschein. Im Hintergrund kann ich Muriwai langsam näher kommen sehen. Ein ganz warmes Glücksgefühl blüht in mir auf wie eine Rose im Sommerlicht. 

 

Auch die Himmelsleiter, die noch auf mich wartet, kann kein Quentchen davon trüben. Meine Beine sind schon ein bisschen zu Pudding geworden auf diesen langen Kilometern, auf denen es kaum einen Moment der horizontalen Wegführung gab. Die vielen Treppenstufen hinauf zur Constable Road sind trotzdem schaffbar. Aber nur mit ganz, ganz vielen Verschnaufpausen. Und dann stehe ich tatsächlich dort oben. Und falle ins Gras. Das Gefühl genießend, angekommen zu sein. Himmel!!!

 

Es ist nicht ganz korrekt, da wartet noch ein Straßenstück auf mich, bis nach Muriwai hinein. Ungefähr vier Kilometer sind es noch. Aber nach der langen Verschnaufspause laufe ich wie auf Schwingen über den Asphalt. Es ist ein leichtes, schönes Auslaufen. Ein Abschied-Nehmen. Ein Liebkosten der Küstenlinie. Auf diesen letzten Schritten brauche ich mich nicht mehr um den Weg zu kümmern. Ich kann die Augen auf dem Horizont halten und jedes Stück Weite in mir aufsaugen wie ein Schwamm. Der Rucksack spielt keine Rolle mehr. Mein Körper ist körperlos geworden. Ich genieße einfach nur jeden Schritt. 

 

Und danke mir selbst für das Geschenk dieses Weges!

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