Tag 4

Arawoa zur Whariwharangi Hut

ca. 6-7 Stunden Gehzeit

Fotos: Heike Würpel

Ich spüre, wie sehr ich mir selbst im Weg stehe. Ich lebe die pure Rücksichtnahme auf Andere und bekomme das blanke Gegenteil um die Ohren gehauen. Bei jedem Geräusch, das ich selbst mache, zucke ich zusammen. Als würde ich mich am liebsten unsichtbar machen. Wie ein Gegenentwurf zu dem, was ich gestern erlebt habe. Ich spüre, das ich die Balance wiederherzustellen versuche. Aber es gelingt mir nicht. Und ich übernehme damit eine Verantwortung für das Ganze, die ich gar nicht habe. Oder haben sollte. 

 

Es wird den ganzen Weg und noch einen Teil des nächsten Trails brauchen, um das zu begreifen. 

 

An diesem frühen Morgen jedoch versuche ich noch leise tappend meinen Rucksack zu packen. Ich bin die Erste, die in der Dämmerkühle das Inlet durchquert. Wie immer kann ich den Morgen unendlich geniessen. Diese Zeit, in der die Anderen noch schlaftrunken von einer Seite auf die andere wechseln. Diese Zeit, in der die Boote noch vertäut im Hafen liegen. Ein Campingplatz im Morgenlicht, ein Strand gesäumt von rotblühenden Rata-Bäumen.

 

Es ist pures Paradies, durch das ich laufe. Es ist ein Ort, wie ich ihn erträumt habe. Ein Ort, wie er in meinem Herzen lebt. So kenne ich den Abel Tasman, so habe ich ihn mir bewahrt. Ich sitze auf den Steinen am Strand und bin vollkommen eins mit dieser Welt. Der Himmel malt Wolkenbilder vor mir. Die Wellen spielen Hasche und mein Herz jubelt. Zum ersten Mal in diesen Tagen ohne irgendeine Zurückhaltung. 

 

Bis Toteranui kann ich dieses Gefühl behalten. Doch dort schlägt die Welt wieder über mir zusammen. 850 Campingplätze. Eine Straßenzufahrt. Toteranui ist DER Urlaubsplatz für unzählige Neuseeländer. Weil er so leicht erreichbar ist. So ist es auch der nächste Strand. Ein Gedicht. Pure Eleganz der Steine. Vollkommene Linien, wilde Wellen. Das hätte mein Ort werden können. Hier hätte ich campen sollen. Aber die Vorsicht hat mich wieder eine Hütte buchen lassen für heute Nacht. Und das ist gut so, denn Anapai ist viel zu nah an Toteranui dran, um einsam zu sein. 

 

Dieses Geschenk erhalte ich erst in Mutton Cove, der nächsten Bucht. Nördlich von Toteranui dürfen keine Wassertaxis mehr fahren. Hier ist das Meer zum ersten Mal endlich frei und unbeschwert. Hier kann ich endlich den Horizont geniessen, ohne mich vor Motorgeräuschen wegducken zu müssen. Ein alte, verknoteter Baum bildet das Herz dieses Strandes. Das wäre wirklich ein Ort zum Bleiben.

 

Aber ich gehe weiter, über die letzte Anhöhe, hinunter nach Whariwharangi. Und überschreite dabei die Grenze zwischen Tasman und Golden Bay. Das neue Land grüsst herüber. Und auch die Hütte begrüsst mich mit einladender Stille. Diesmal finde ich einen Raum, in dem es nur zwei Betten gibt. Das zweite wird frei bleiben. Ich habe einen Raum für mich ganz allein. Natürlich ist nebenan die "Stube". Natürlich wird es nebenan laut sein, aber - ich kann endlich mal die Tür hinter mir zumachen!

 

Und vor dem Schlafen gehen bleibe ich wieder allein. An diesem weit geschwungenen, goldenen Strand. Ich gehe ganz ans Ende, schaue meinen Fußspuren nach und setzte mich unterhalb dieser unglaublich schönen Wälder, die ein Muster in die Welt zaubern, wie ich es noch nie gesehen habe. Alles hier atmet Leben. Alles ist voller vibrierender Energie und Schöpferkraft. Gleich neben mir auf den Steinen räkelt sich eine große Robbe. Wir schauen uns in die Augen. Verstehend. Wissend. Er bleibt voller Ruhe. So, wie ich. Stundenlang sitze ich hier, nur ein wenig unterbrochen von den Sandflies und der frischen Brise, die mich langsam frösteln lässt. Ich mache meinen Frieden mit dem Ort, ich versuche es zumindest. Es ist ein Bilanz Ziehen dieser letzten Tage. Ein Überdenken und Fühlen, was ich hier eigentlich erlebt habe und warum. 

 

Ich wußte, das der Weg überlaufen werden würde. Ich hatte keine andere Möglichkeit, hier zu gehen, als in diesen Tagen. Es war das kleinste Übel. Ab dem 24. Dezember werden die Menschenmassen, die ich jetzt getroffen haben ein kleines Rinnsaal darstellen im Vergleich zum Strom, der bevorsteht. Ich wollte hier sein. Ich wollte diesen Ort wieder sehen und ihn endlich einmal fühlen.

 

Aber meine Seele hat mich noch aus einem viel tieferem Grund hierhergerufen. Sie wollte lernen, mitten in der Hölle aus Lärm und Menschengewirr bei sich selbst zu bleiben. Sie wollte lernen, die Stille zu halten, wenn um mich herum alles das Gegenteil schreit. Sie wollte fühlen, wie es ist, unabhängig zu bleiben von allem, was Außen geschieht. Ich habe es noch nicht ganz geschafft, das kann ich spüren. Aber ich bin auf dem Weg dahin. Und es ist der einzige Weg, auf dem ich in und mit dieser Welt leben kann. Es gibt kein Entkommen, es gibt keine Fluchtmöglichkeit. Ich bin schon so weit weg, wie man auf dieser Erde nur sein kann. Ich kann nicht weiter nach Außern. Ich kann diese Stille nur in mir finden. 

 

Und das, in jeder Umgebung.....

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