Tag 3

Pause - Perry Saddle Hut

Fotos: Heike Würpel

Das Morgenlicht kitzelt unter meinen Augenlidern. Ich habe fantastisch geschlafen und bin munter wie ein Fisch im Wasser. Nachdem ich all den Wanderern des Morgens bei ihrem Abmarsch hinterhergeschaut habe würde ich gern die Stille genießen und die Tatsache, das die Hütte gerade einmal mir gehört, aber die neue Rangerin hat heute Großreinemachen auf ihren Tagesplan gesetzt. Schade. Ich hätte gern auf der Terasse gesessen, den Bergblick in mir aufgesaugt und ganz tief in mich hineingelauscht. Dieser Ort ist wie geschaffen, um meine Gedanken zu ordnen und neue Ideen in die Welt zu träumen. Aber nicht, wenn mir die gesamten Matratzen der Hütte den Blick versperren, weil sie dringend mal ausgelüftet werden müssen. Und noch weniger, wenn eine Rangerin im Putzeifer ist. 

 

Da bleibt nur das Mountain Spa. Bis mittags habe ich hier unten den herrlichsten Sonnenschein, aale mich auf dem warmen Stein und wage zwischendrin immer mal wieder einen kleinen Sprung ins eisig kalte Bergquellwasser. Meine Abhärtung muss in den letzten Jahren irgendwo ins Nirwana verschwunden sein. Mir ist die Kälte irgendwie viel bewußter geworden. Diese Landschaft hier unten erinnert mich an alle "Herr der Ringe"-Klischees auf einmal. Nur, es sind keine Klischees.

 

Das hier ist die Wirklichkeit. Das Land sieht wirklich so aus. Die Elfen springen um mich herum und auch Feen kann ich fühlen. Purer, wilder und traumhaft schöner Urwald breitet sich vor mir aus, hüllt mich ein und macht mich ganz trunken vor lauter Glück. Dazu gurgelt das Wasser, springt von Stein zu Stein und lacht voll Freude über die eigene Klarheit. Hier kann ich wirklich noch direkt trinken. Ohne Filter oder andere Vorsichtsmaßnahmen. 

 

Als die Sonne hinter dem dichten Wald verschwindet und der Schatten in das enge Bachtal fällt, wird es schlagartig zu frisch für mich. Zeit, der Sonne nach oben zu folgen. Zurück zur Hütte. 

 

Hier ist noch keine Stille eingekehrt, ganz im Gegenteil. Die Rangerin ist noch immer fleißig am Werkeln, aber unser Gespräch macht genausoviel Spass wie Schreiben oder Träumen. 

 

Mit den ersten eintreffenden Wanderern ist es dann allerdings endgültig vorbei mit meiner Idylle. Und wieder einmal ergreife ich die Flucht. Meinem Gefühl nach wäre ein Mittagsschläfchen jetzt genau das Richtige, aber daran ist nicht zu denken in dem Gewusel der Hütte.

 

Also - steige ich auf einen Berg. Mount Perry. Laut den Rangern soll es ein einfacher Anstieg von ca. einer Stunde Dauer sein. Leicht. Hmmmm. Wieder einmal bin ich mit einer typischen Eigenschaft der Kiwi's konfrontiert. Sie haben ein vollkommen andere Auffassung von leicht als ich in meiner europäischen Verwöhntheit. Sie sind Pioniere und gehen wahrscheinlich durch jeden dicken Busch und über alle Felsen dieser Erde als wären sie ein Messer in warmer Butter. Aber bei mir ist das ein klein wenig anders. Und deshalb macht mir der steile Anstieg und vor allem das lose Geröll in der gesamten oberen Hälfte einige Kopfzerbrechen. Hier kann ich mir nicht den geringsten falschen Schritt leisten oder alles kommt ins Rutschen. Lawinenartig. 

 

Nicht zwingt mich hier hinauf, nur ich selbst. Ich hätte ja auch am Anfang des Gerölls umkehren können. Aber da ist so ein Ehrgeiz in mir und dieser Wunsch nach Stille am Gipfel. Und da ist auch die Neugierde auf das, was ich dort oben zu sehen bekomme. Die Ausblicke auf dem Weg werden sowieso von Minute zu Minute atemberaubender. Die ganzen Gouland Downs kann ich schon überblicken und ist das am Horizont dahinten nicht sogar schon der Pazifik? 

 

Ja, er ist es und ich versinke am Ende des Steinpyramidengesäumten Weges in dieser Landschaft zu meinen Füßen. Bergpanorama vom Feinsten, auch ohne schneebedeckte Gipfel. Überall fühle ich den Dschungel und das wuchernde Grün. Dort diese weite Ebene der Downs, da der Blick hinunter zur Golden Bay und zum Ausgangspunkt der Wanderung. Was für ein Ort. Der Gedanke an den schwierigen Rückweg lässt mich allerdings nicht soooo lange verweilen, wie es der Platz eigentlich verdient hätte. Ich bin mir nicht sicher, wie gut ich hier wieder herunter komme, deshalb gehe ich lieber früher als zu spät. 

 

Langsam, ganz langsam setzte ich die Schritt, komme oft vom kaum markierten Pfad ab und muss mit den Weg neu über Riesensteine suchen. Es ist eine Mischung aus Klettern, Springen und Abwägen. Am Ende komme ich sicher unten an. Kein Rutscher, kein fallender Geröllsegen. Alles ist gut gegangen. Aber noch einmal möchte ich nicht dort hinauf. 

 

Die Hütte empfängt mich schon auf die Entfernung mit dem Lärm ihrer neuen Bewohner. Es ist einfach unglaublich. Jedesmal wieder bleibt mir die Spucke weg, wenn ich Menschen so erlebe. Es ist eine pure Invasion. So muss es sein, wenn eine Armee über ein Land fegt. Ohne jegliche Rücksicht auf Verluste. Ohne Achtsamkeit in irgendeiner Form. Allein das Türenknallen zerrt an meinen Nerven. Und der Geräuschpegel gleich mit. 

 

Heute ist auch eine Gruppe dabei, die eine geführte Wanderung auf dem Track gebucht haben. Meine Kollegin ist mir nicht so ganz symphatisch, die Gruppe eigentlich auch nicht, aber es ist spannend, ihnen zuzuschauen. Sie ist dabei für alle zu kochen, das gehört zum Service dazu. Das heißt auch - sie muss verdammt viel auf dem Rücken tragen. Und so richtig glücklich schaut sie für mich auch nicht aus. Hmmm.

 

Wir schlafen im gleichen Zimmer in dieser Nacht und sie entpuppt sich als Freiluftfanatikerin. Ungeachtet der "Sandflies", die es hier oben genau so gibt wie überall sonst auf dem Trail, soll das große Fenster die ganze Nacht offen bleiben. Ich interveniere. Vorerst erfolgreich, aber dieses Ereignis hat ein Nachspiel. Doch vor dieser Katastrophe kommen erstmal ein paar schlaflose Stunden auf mich zu.

 

Ein Schnarcher ist im Zimmer. Ein richtig heftiger Schnarcher. Genau über meinem Bett. Ich kann kein Auge zu machen und bin doch todmüde. Am liebsten würde ich mit Sack und Pack ausziehen, aber alle Betten sind belegt und der Hauptraum der Hütte ist nachts automatisch beleuchtet. Na, wunderbar. Nachdem ich endlos über Lösungen nachgegrübelt habe und die Wut in mir langsam hochkocht, wecke ich den Schläfer. "Fuck you" huscht mir über die Lippen. Leise, aber deutlich hörbar. Ein Teil von mir schämt sich in Grund und Boden, ein anderer freut sich über meine Ehrlichkeit. Eigentlich finde ich es eine echte Zumutung von einem Schnarcher alle anderen im Raum zum Zuhören zu zwingen. Peter, so heißt er, weiß genau, welche Töne er nachts von sich gibt. Warum zum Teufel macht er nichts dagegen? Und war um alles in der Welt treibt ihn in so eine Hütten-Situation? Soll er doch verdammt noch mal zu Hause bleiben und dort sein Holz sägen! 

 

Meine Intervention hat auf jeden Fall die Wirkung das mir genug Zeit bleibt, um selbst einzuschlafen. Gott sei Dank!

 

 

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