Tag 4

Perry Saddle Hut - Saxon Hut

3-4 Stunden Laufzeit

12,5 Kilometer

Fotos: Heike Würpel

Es ist ganz früh am Morgen, als mir die frisch aufgegangene Sonne ins Gesicht scheint. Trotz der Regenankündigung des letzten Abends ist der Himmel noch blitzeblank geputzt. Perfekt zum Aufstehen. Die ersten "Sandfly"-Stiche erinnern mich an diese kurze Auseinandersetzung gestern Abend. Das große Fenster steht weit offen und meine Kollegin ist auch schon aufgewacht und bürstet ihre Haare. Ich bitte sie darum, das Fenster zu schließen, weil mit dem Morgenlicht auch die Insekten hineinkommen, aber sie ignoriert mich vollständig. Ich stehe vor ihr und rede gegen eine Wand aus purer Ablehnung und mehr noch - Verachtung. Ihr Gesichtsausdruck sagt mehr als überdeutlich. "Mädel, du hast doch keine Ahnung. Auf dich höre ich gar nicht." Ich fühle die Wut in mir hochkriechen und schaue mir gleichzeitig interessiert selbst zu. 

 

Wie gehe ich mit der Situation um? Ich weiß, ich war gestern Abend sehr klar und direkt. Etwas, mit dem Kiwis im Allgemeinen überhaupt nicht umgehen können, weil sie ganz anders denken und fühlen. Sie legen sich nicht fest und fließen mit dem Leben. Jedes so deutliche Statement, wie Meines gestern, lässt sie innerlich zusammenzucken. Die Reaktion ist entweder Rückzug - wie ihrer gestern Abend - oder Kampf - das kommt jetzt. 

 

Ich bekomme alles vorgehalten, was ich in ihren Augen falsch gemacht habe plus dem Vorwurf nur an mich selbst zu denken. "You know, you are not the only one in the room." Meine Antwort kommt prompt: "You are not the only one either. And by the way, pls. don't let us discuss that here. There are still people in who would like to sleep."

 

Das stimmt zwar, drei andere Wanderer inklusive meinem "geliebten" Schnarcher sind noch im Raum und haben die Augen geschlossen, aber in dieser Situation ist das natürlich Wasser auf alle Mühlen. Ich fühle das Überkochen richtiggehend. Am Ende ist sie voller Wut und ich voller Ruhe. Ihr Zeigefinger kommt auf mich zu wie ein gezückter Degen. "And you know, I'm from DOC." Zweimal, dreimal.

 

DOC, das ist das Department of Conversation. Die Organisation, die die Nationalparks verwaltet. Sie ist dort angestellt und leitet die Touren im Namen des DOC. Das soll heißen, sie hat die Macht? Oder das Wissen? Oder ich sollte sie als die Überlegene anerkennen? Ich glaube, genau da liegt der Schlüssel. Ich habe sie nicht als die Autoritätsperson anerkannt und mich ihr untergeordnet an dem letzten Abend. Zwei Löwen in einem Raum? Zwei Guides in einer Hütte? Das kann zum Sprenstoff werden.

 

Für mich ist die Situation innerlich geklärt, aber sie wird in den nächsten beiden Nächten die Atmosphäre in den Hütten vergiften. 

 

In diesem Moment jedoch fühle ich mich leicht und frei. Ich habe alles gesagt, was mir möglich war, ich bin innerlich im Frieden und ich sehe, das jedes Wort nur Öl ins Feuer wäre. Meine Sachen sind gepackt und ich atme voller Freude die reine, frische Luft vor der Tür. Sobald ich die Hütte verlassen habe, fühle ich auch die Energie wieder frei um mich herum fließen. Die Feindschaft bleibt hinter mir zurück. Sie gehört nicht zu mir. 

 

Die Landschaft ist großartig. Das Morgenlicht taucht alles in ein goldiges Licht und verwandelt das Gras auf der Ebene in ein Meer aus wogendem Sonnenschein. Jeder Schritt ist ein purer Genuß. Besonders als ich den Wald mit den vielen kleinen gurgelnden Bächlein durchquert habe und der weite Blick der Gouland Downs vor mir wie ein Theatervorhang aufgeht. Es ist eine hüglige Hochebene, voller Tussock-Gras, kleiner Büsche, Sumpflandschaften und herrlich wilder Flüsse. Über fast alle Wasser ühren abenteuerliche Brücken, die eigentlich nur aus wackligem Drahtgeflecht bestehen. Nur einer darf sie betreten und sie schaukeln mit jeder Windböe ganz beachtlich von links nach rechts. Wunderbar! Das macht mir viel mehr Spass, als über rutschige Trittsteine im Fluss zu laufen. 

 

Am meisten genieße ich diese weiten Ausblicke, die fast endlos sind. Gouland Downs Hut, ein kleiner Frühstücksstop entpuppt sich als malerische kleine 8-Betten-Hütte. Nebenan ein herrlicher Schwimmbach und gleich dahinter eine Landschaft, wie sie wieder direkt aus dem Hobbit-Film gefallen zu sein scheint. Bäume voller Moosbärte über zerklüfteten Felsformationen. Schade, das die Sonne sich versteckt hat, das hier ist eine Welt, in der ich super gern Fotos gemacht hätte. Eine Welt, in der ich gern richtig lange bleiben würde. 

 

Aber die Wettervorhersage mit dem Regen am späten Vormittag kommt unaufhaltsam näher. Die grauen Wolken am Himmel verheißen nicht das, was ich hier bräuchte und so ziehe ich ziemlich schnell weiter. Durch eine wilde Moorlandschaft am Ende der Welt. Hier ist wirklich dieses Wildnissgefühl da und ich geniesse es unendlich....

 

Bevor die ersten Tropfen fallen, erreiche ich die Saxon Hut. Kaum bin ich da, pladdert der Regen los. Und zwar richtig. In dieser Hütte gibt es keine getrennten Schlafräume. Die Hütte ist ein großer Raum. An einem Ende zwei Buchten mit Betten, am anderen die Küche und ein Tisch und in der Mitte der Ofen. Den heize ich erst einmal an, mit Hilfe eines Deutschen und eines Kiwis. Es wird gemütlich hier drin. Richtig kuschlig. Jeder Wanderer, der jetzt kommt, freut sich an der Wärme, denn das Wetter draußen entwickelt sich zum absoluten Lauf-Killer. 

 

Wir alle hier drinnen unterhalten uns wunderbar. Die beiden Deutschen aus Potsdam, Bruno und Kirsten, eine Italieniern auf Mittagspausenstop, die leider noch weiter muss bis zur nächsten Hütte und bald auch Peter, der Schnarcher (bei dem ich mich heute morgen noch für mein "Fuck you" entschuldigt habe, nicht jedoch für das Aufwecken...) samt seinen Freunden. Natürlich kommt, was kommen muss. Auch meine Gruppenleiterin samt ihrer Schar ist bald da. Die Atmosphäre im Raum verändert sich schlagartig. Für mich wird sie um zehn Grad kühler. 

 

Jeder versucht die nassen Klamotten zu trocknen. Bald hängt jeder freie Zipfel der engen Hütte voller Kleider. Auf ca. 4 mal 9 Quadratmetern versuchen sich 16 Leute häuslich einzurichten. Es ist gerade mal Mittag. Selbst der Gang zur Toilette ist ein nasses Unterfangen, weil die beiden "Long Drops" (oder Plumplsklos) draußen sind. Die Luft wird dicker hier drin und es wird immer lauter. Einige versuchen zu schlafen, einige versuchen zu schreiben, einige versuchen nachzudenken. Aber je weiter der Tag ins Land geht, umso unmöglicher wird das. Es ist die perfekte Situation zum wahnsinnig werden. Wer Ruhe sucht, so wie ich, eigentlich, ist hier mal wieder am vollkommen falschen Platz. Aber ich schaffe es tatsächlich zu schlafen. Irgendwie kann ich die ganze Geräuschskulisse in einer andere Welt transferieren. Ich nehme sie wie eine leise Hintergrundmusik. Aber es kostet Energie. Das fühle ich deutlich. 

 

Hier gibt es kein Entkommen. Der Regen bleibt stabil stark, jeder Schritt dort draußen, macht unweigerlich richtig nass. Und - es ist kalt geworden. Es bleibt nur das "mit dem arrangieren, was da ist." Und natürlich ist es auch eine geniale Situation, um mich und meine Umgebung zu beobachten. Es könnte sehr still, ruhig und rücksichtsvoll hier drin sein. Aber genau das Gegenteil geschieht. Warum eigentlich? Warum gibt es Einige, die unendlich laut reden, sehend und wissend, das Andere schlafen wollen? Warum endet jedes Gespräch am Tisch in einer alle Mitbewohner einfangenden Entertainment-Runde? Wieso wird die Tür hinter sich zugeknallt, bei jedem Gang zur Toilette? Und warum schmeißt jeder Neuankömmling seine Sachen irgendwo in die Landschaft, ohne zu schauen, ob da nicht vielleicht schon andere Rucksäcke oder Kleider versuchen zu trocknen? Jeder scheint nur an sich selbst zu denken. Und je enger und limitierte sich alles anfühlt, umso mehr kommt dieser Egoismus zum Blühen. Wie kann ich damit sein? Wie finde ich einen Weg für mich in so einer Situation? Ich probiere mich selbst aus. Beim Mitreden, beim Schlafen, beim Schutz meiner trockenen Sachen und bei einem wunderbaren, leisen Gespräch mit Bruno und Kirsten. 

 

In der Nacht warten wieder die Schnarcher auf Zuhörer. Auch direkt neben mir blüht die Geräuschskulisse auf. Aber auch ich bin nicht leise. Meine Guide-Kollegin hat es mir heute morgen deutlich zu verstehen gegeben. Die Geräusche meiner Iso-Matte, die bei jeder meiner Bewegungen in einen Gummi-an-Gummi-Gesang mit der Matratze der Hütte versinkt, ist viel, viel schlimmer als jedes Schnarchen. Hmmm. Die Nerven sind blank. Natürlich. Jeder ist hier am Anschlag. Fühlbar oder nicht. 

Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de
Foto: Heike Würpel
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Foto: Heike Würpel
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