Tag 5

Saxon Hut - James Mackay Hut

Laufzeit: 3 Stunden

12 Kilometer

Fotos: Heike Würpel

Der Wetterbericht für heute verheißt ein Ende des Regens am späteren Vormittag. Deshalb lasse ich das ganze Getümmel des Aufbruchs relativ gelassen an mir vorbeiziehen. Es gibt keinen Grund schon früh in den noch fallenden Regen hinauszugehen. Drei Stunden Laufzeit sind nichts. Also nehme ich mir alle Zeit der Welt und schaue etwas erstaunt dem hektischen Treiben zu. Alle kennen den Wetterbericht. Sie haben die gleichen Worte gehört, wie ich. Aber keiner nimmt sie als Maßstab. Interessant. So war es gestern auch. Und ich kam als Einzige trocken an. Der Neid der Anderen war fühlbar. Wird es heute wieder so sein?

 

Ja. Als ich aufbreche ist der Regen vorbei. Die Stimmung ist voller Mystik. Nebel zieht über das Land und versteckt alles hinter seinem weißem Kleid. Wasser gurgelt an jeder Ecke. Wasser, Wasser, Wasser. In allen Formen, in allen Farben, in allen Spielarten. Ich war niemals in einem nasseren Land. Das hier ist das Regenreich. Ohne Wasser hätte es kein Leben. Und ich geniesse es. Ich geniesse die Botschaften vom Loslassen. Allein mit der Natur wird die Verbindung und die Kommunikation mit allen Wesen um mich herum unendlich tief. Die Bäche singen mir ihr Lied und helfen mir, alle Menschen-Energie dieses letzten Tages zurück zur Erde zu geben.

 

Die Vögel führen mich in einen tiefen Erinnerungs- und Loslassprozess von meinem Wellensittich, der in meiner Kindheit mein bester Freund war und den ich einschläfern lassen musste. Ich hatte keine Ahnung, wie tief diese Wunde in mir noch sitzt. Aber in dieser Umgebung kommt sie ans Licht. Ich sitze auf meinem Rucksack, höre die Vögel singen und tauche tief ein in den Schmerz des Verlustes. Den Schmerz der Schuld an seinem Tod und die Ohnmacht, nichts gegen die Entscheidungen der Erwachsenen tun zu können. Zum ersten Mal kann ich direkt mit der Seele meines Vogels sprechen. Und alles in mir heilt, Stück für Stück.

 

Zum ersten Mal kann ich fühlen, das er gehen wollte. Ich bin nicht die, die die Verantwortung hat für alles. Er war da, so lange es stimmig war für ihn, und er ging, als seine Reise zu Ende war. Eine Zentnerlast fällt von meinen Schultern, so sacht, wie das Wasser, das um mich herum fließt. Um mich herum sammeln sich die Vögel. In jedem sehe ich ein Bild und die Lebensfreude meines Gefährten wieder. Er ist so lebendig, wie man nur sein kann. Er ist nie gestorben. Auch diese Botschaft erreicht mich. Es ist nicht anders, als beim Menschen. Ja, ich kann verstehen. Ich kann es fühlen. Und Frieden darf in meinem Herzen einziehen. Frieden mit den Vögeln. Frieden mit mir selbst.

 

Der Prozess hat mich aufgeweicht. Ich bin ganz offen. Nehme diese unglaublich schöne Umgebung tief in mir auf, atme sie, fühle sie. Die kleinen offenen Sumpfebenen sind lebendig. Voller Wesen der Erde. Ich kann sie fast anfassen. Und gleichzeitig bin ich erschöpft. Erschöpft vom Weg, der heute mehr Anstiege umfasste, als ich erwartet habe. Erschöpft von der intensiven inneren Reise und auch noch erschöpft vom gestrigen Tag. 

 

Je näher ich der Hütte komme, desto mehr fühle ich den Widerstand. Ich werde dort nicht willkommen sein. Die Energie ist so deutlich wie eine Mauer. Und doch ist das der einzige Ort, den es hier gibt. Ein Ort zum Teilen, mit allen Menschen. 

 

Das Gefühl stimmt. Ich bin nicht willkommen. Wieder bin ich trocken geblieben. Allein das ist schon ein Grund zum Neid. Denn wieder haben alle Anderen den Regen gekostet. Peter, seine Gruppe und die Führerin mit ihrer Schar. Die Schlafräume sind verteilt. Kaum Spielraum. Aber trotz aller deutlichen Ablehnung finde ich meinen Platz und ich gehe den Menschen aus dem Weg, mit denen ich nichts zu tun haben will. Es ist der letzte gemeinsame Ort. Danach geht jeder wieder seinen Pfad entlang. Und diese Hütte hat ihre Rückzugsräume....

 

Aber ich fühle auch, das das alles nicht spurlos an mir vorüber streift. So viel Abwehr tut mir weh. Sehr weh sogar. Ich bin so sehr darauf ausgerichtet, Liebe um mich herum zu fühlen, das mir Feindschaft wie ein Schwert ins Herz dringt. Wieder wird der Raum zum Lern-Platz. Loslassen, was nicht in meine Verantwortung gehört. Ich kann nichts an ihrem Fühlen ändern. Ich kann nichts an ihrer Ablehnung ändern. Ich habe keine Verantwortung dafür. Es ist ihre Entscheidung, so zu sein. Es tut gut, das zu sehen. Es tut gut, danach und damit sein zu können. Der Rückzug tut gut. Ja, ich finde meinen Weg. 

 

Der Regen draußen ist wieder da. Wie ein guter alter Freund umtanzt er die Hütte und macht jede Einladung die Natur zu genießen zunichte. Die Ausblicke hier oben sollen traumhaft sein, genauso wie die Sonnenuntergänge. Denn von hier kann man zum ersten Mal das Meer sehen. Und die Mündung des Heaphy River. Aber heute ist nur eine dicke Nebelwand sichtbar. Sonst nichts... Einkuschelzeit - die Zweite.....

 

 

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