Ein Traum von einem Gelände

 Die erste Begegnung 

Die Landschaft hier hat mich vom ersten Augenblick an begeistert. Endlich mal eine Gemeinschaft, die an einem richtig schönen Ort steht. Direkt am Tollensesee erstreckt sich dieses riesige Gelände. Hübsche Häuschen winken mir beim Ankommen zu. Ein großer Park begrüßt mich. Alte Bäume und ich fühle mich sofort wohl. Und würde am liebsten gleich herziehen. Besonders der Platz unten am See hat er mir angetan. Dieser wunderschöne, wacklige Bootssteg, auf dem diese kleine Bank steht. Hier habe ich bei meinem ersten Besuch den Vollmond aufgehen sehen. Hier habe ich unendlich oft gesessen und konnte meine Gedanken schweifen lassen und Themen in mir aufarbeiten. Es ist ein guter Ort, um bei mir selbst anzukommen. Bis heute.

 

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Aber das ist nur der erste Eindruck. Je tiefer ich eintauche, in diesen Platz, umso mehr sehe ich die Probleme hinter den Kulissen. Sie wachsen zu einem wahren Himalaya an. 

 

Dieser Ort - wie so viele andere - hat mit seiner Vergangenheit schwer zu kämpfen. Auf diesem Gelände befand sich die "Führerschule der deutschen Ärzteschaft". Hier also wurden die Ärzte dazu ausgebildet Menschen, denen ein "unwertes Leben" bescheinigt wurde, möglichst gewinnbringend für die Forschung umzubringen. Hier, vor der Haustür wird allerdings auch der Ort des politischen und kultisches Zentrums der Slawen vermutet. Rethra. Und heute ist dieses kleine Naturparadies unterhölt von unzähligen Bunkern. Hinterlassenschaften der Bundeswehr, die nach der NVA der DDR hier einen ihrer Armeestützpunkte hatte. 

 

Die Häuser selbst entpuppen sich schnell als schöne Rahmen für ein heruntergekommenes Innenleben. Das gesamte Dorf und das Gelände selbst wurde von den Nazis neu gestaltet. Die ursprünglichen Häuser wurden abgerissen, dafür entstand ein sogenanntes "Musterdorf". Nur, leider ist da von Wärmedämmung oder dauerhafter Bauweise nichts zu spüren. Diese Häuser zu sanieren kostet Geld. Viel Geld. Und das fehlt dieser Gemeinschaft an allen Ecken und Enden. Bis das geschieht sind sie teilweise unbewohnbar. Schimmel im Keller ist eine Normalität und kalte Räume ebenfalls. Gemütlichkeit ist etwas Anderes. 

 

Ich spüre und sehe überall das Provisorium. Ich sehe auch das Herzblut. Hier ist viel Energie hineingeflossen. Viel Engagement und viele Menschen gingen ein und aus. Da ist diese Gärtnerei, die eine Frau aus dem Boden gestampft hat. Da sind die Visionen für eine andere Art des Wirtschaftens und Geldsystems. Da sind die ersten restaurierten Häuschen, die tollen Lehmkonstruktionen in den Waschräumen und in den Toiletten. Da sind die Menschen, die ungeachtet der alles überrollenden Größe des Geländes und ungeachtet des stetigen Geldmangels mit viel zu wenigen Händen ein viel zu großes Rad bewegen wollen. Ich erlebe Menschen, die sich verausgaben und auslaugen, um ihrem Traum zu folgen. Und es zerreißt mir das Herz.

 

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Der Ausgang dieses Versuches, der 2006 gestartet ist, steht ständig auf der Kippe. Es kriselt an allen Ecken und Enden. Nicht zuletzt menschlich. Hier wird sehr deutlich, wie stark die ungeklärte Energie eines Ortes auf die Menschen wirkt, die dort leben. Die Finanzierung ist ein Wackelkonstrukt. Bei dem Einführungswochenende wird es zu einem undurchschaubaren Dschungel an Formen, die mir niemand schlüssig erklären kann. Und dort erlebe ich auch die Wucht der Urteile des ungekrönten "Königs" des Geländes. Ich erlebe Hierarchien und Strukturen, die unter der Oberfläche existieren, aber offziell geleugnet werden. Aber sie wirken und wie. Und ich erlebe, wie schwierig es ist, einen wirklich offenen Umgang damit zu finden, weil die persönlichen Verletzungen der Menschen hier immens groß sind. Zu groß und zu umfassend, um angeschaut werden zu wollen. 

 

Aber ich erlebe auch, das es für jeden Menschen, den es hierher zieht ein guter Ort des Lernens ist. Vielleicht einfach nur dafür, wie es nicht sein sollte. Mit Sicherheit dafür, um in die eigene Kraft hineinzuwachsen und keine "fremde Macht" mehr zum Anlehnen zu brauchen. Ja, der Ort hat seine Berechtigung. Und egal, ob er weiter in dieser Form existieren kann oder nicht. Allein, das es ihn noch gibt, ist ein Wunder. 

 

Für mich wird es immer wieder ein Platz sein, an dem ich die Natur geniessen möchte. Aber ich kann nur hierherkommen, wenn ich ganz klar in meiner eigenen Mitte bin. Sonst überrollt mich das, was hier im Untergrund wirkt. Aber wenn ich bei mir bin, dann ist es ein kleines Paradies. Und ich bin dankbar für seine Existenz und nehme es als Gradmesser für mich selbst. Immer wieder. 

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