Experiment Leben

 Vor den Toren Berlins

ZEGG ist eine Abkürzung und bedeutet: Zentrum für Experimentelle Gesellschafts Gestaltung. Das hier ist eines der "Urgesteine" deutscher Gemeinschaften. Seit 1991 - zwei Jahre nach der deutschen Wende - existiert dieser Ort mitten im Fläming, einer hügeligen waldreichen und wasserarmen Region circa eine Stunde von Berlins Zentrum entfernt. Einhundert Menschen leben aktuell hier.

 

Der ursprüngliche Ansatz, den ich kenne, drehte sich vor allem um Experimente mit einer anderen Art Beziehungen zu leben. Offene Liebe. Freies Miteinander. Auch heute ist das noch ein wichtiges Thema. Aber zur Sexualtität und ihren gelebten Formen ist die ganze Bandbreite menschlichen Seins gekommen. 

 

Wie komminizieren wir miteinander? Wie geht es auf offene, aber friedliche Art, ohne sich gegenseitig die Köpfe dabei einzuschlagen? Wie können Menschen in einer gemeinschaftlichen Form leben. Welche Strukturen braucht es dafür? Was funktioniert, was nicht? Wie kann in einer Gemeinschaft sowohl der Wunsch nach Rückzug als auch der nach Zusammensein gelebt werden? Wie kann man im Einklang mit der Energie des Landes, der Geschichte und der Natur gebaut werden? Was ist mit der Energieversorgung, Abfall und Wasserkreislaufsystemen? Das ZEGG ist zu einem umfassenden Experimentierfeld geworden, das in jeden Bereich des Lebens reicht. Und das macht es für mich besonders spannend. 

 

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Mein erster Eindruck von dem Platz war allerdings eher ernüchternd. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, das viele Gemeinschaftsgelände auf Plätzen mit einer sehr belasteten Vergangenheit stehen. Es sind oft Orte, die eng mit dem Nationalsozialismus verbunden sind oder der Stasi der DDR. So ist es auch im ZEGG. Hier befand sich sowohl ein Ausbildungsort für die SS als auch für die Auslandsagentenschulung der Stasi. Die Gebäude sind entsprechend nüchtern. Barackenbauweise. Zweckmäßig. Kühl. Die Energie der Geschichte ist bis heute fühlbar. Auch wenn so viel uns so lange schon damit gearbeitet wurde. Auch wenn soviel Liebe geflossen ist. Die Wunden der Erde liegen tief.

 

Die Gemeinschaft hat die alten Häuser nicht abgerissen, sondern verwandelt. Aber das trägt auch dazu bei, das der äußere Anblick nicht das Highlight ist, das ich mir gewünscht hätte. Es entspricht nicht meinem Schönheitsideal. Und bis heute denke ich, das es oft besser ist, das Alte ganz und gar zu wandeln und auch solche Gebäude abzureißen, damit der Raum für etwas Neues entsteht. Einem Neuen, das optisch und gefühlt wirklich passt. Im ZEGG kann ich den Wandel der Gebäude allerdings fühlen. Es braucht unglaublich viel Energie, aber es geschieht. Oft muss ich wirklich auf die Details schauen, um es zu sehen. Auf die vielen kleinen Hinweise. Die Farben, die Klangspiele, die liebevoll angelegten Gärten vor den Baracken. 

 

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Was mir im ZEGG auch immer wieder aufgefallen ist, die vielen Raucher. Es ist eigenartig. Sowohl die Bewohner als auch die Gäste sind überdurchschnittlich oft mit einer Zigarette in der Hand unterwegs. Es ist etwas, was mich irritiert. Warum das viele Rauchen, wenn man doch auf einem spirituellen Weg ist? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Mich jedenfalls lässt es eher zurückweichen. Es schafft eine Grenze. Und ich finde das jedesmal aufs Neue schade, weil ich spüre, das die Menschen eigentlich sehr interessant sind und ich gerne in Kontakt kommen würde. Aber ich möchte dabei nicht eingenebelt werden. 

 

Der erste Kontakt ist auch auf einer anderen Ebene schwierig für mich. Wie ich es so oft erlebe, hängt er mit dem Geld zusammen. Mein erster mehrtägiger Aufenthalte hier ist ein externes Seminar. Es ist also ein Seminar, das nicht von der Gemeinschaft organisiert und veranstaltet wird sondern von einem Seminarleiter, der die Räume dort mietet und die Unterkunftsmöglichkeiten nutzt. Die Preise erschrecken mich. Aber noch mehr ist es das deutliche Gefühl, von den Bewohnern des ZEGG nur geduldet zu werden. Ich spüre keine wirkliche Herzlichkeit. Kein Willkommen. Keine Offenheit. Kein Kontaktangebot. Ich bin eher wie ein notwendiger Wirtschaftsfaktor. Ich muss halt da sein, damit sich das Projekt insgesamt tragen kann. Das ändert sich, als ich bei einem der ZEGG-eigenen Angebote wieder komme. Aber so schön es ist, die andere Art der Herzlichkeit zu erleben, der erste Eindruck bleibt in meinem Herzen. Er hat gesessen. 

 

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Seit diesen ersten Eindrücken war ich viele Male dort. Manchmal nur zum Essen, zum Eintauchen in diese andere Energie, zum Stöbern in diesem wunderschönen kleinen Lädchen, zu einem leckeren Kakao oder selbstgebackenem Kuchen im Café oder zum Tanzen. Ich habe gelernt diesene Ort zu geniessen und den Menschen zu begegnen, die hierher kommen oder hier leben. Ich habe gelernt, sie dafür zu achten, was sie hier täglich auf die Beine stellen. Für mich sind sie eine Inspiration. Und viele Anregungen, die ich von hier mitnehmen konnte, haben mein Leben verändert. Dafür kann ich nur danke sagen. Ich komme gern wieder!

 

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www.zegg.de

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