Te Anau zur Luxmore Hut

 ca. 19 Kilometer

883 Meter Aufstieg

Fotos: Heike Würpel

Es ist früher Morgen. Der ganze Ort beginnt sich gerade erst schlaftrunken die letzten Reste der Nacht aus den Augen zu reiben, als mein Rucksack schon fertig gepackt in dem kleinen Wohnwagen steht und mich anlacht. Zum ersten mal habe ich ein wirklich wetterfestes Bündel geschnürt. Mit dreifachem Regenschutz für den Schlafsack und doppeltem für den gesamten Inhalt meines Rucksacks. Die Wetterwarnungen des DOC-Büro's (DOC steht für Department of Conversation und damit für die Institution die alles Nationalparks in Neuseeland verwaltet) waren klar. Es wird regnen. Und es könnte auch stürmen. Auf jeden Fall wird es abenteuerlich. In meinem Gepäck stecken dementsprechend auch Wollmütze und Handschuhe. 

 

Dabei war es in den letzten Tagen hier unten am See geradezu atemberaubend hochsommerlich. Fünfundzwanzig Grad. Eine Temperatur, die ich am liebsten im kalten Wasser sitzend, erlebe. Heute schaut der Himmel durchwachsen aus. Es ist angenehm kühl und die ersten Schritte sind, neben der Last auf dem Rücken, sehr, sehr angenehm. 

 

Langsam, ganz langsam lasse ich die Häuser und die Zivilisation hinter mir. Immer am Seeufer entlang gehen meine Schritte. Rechts von mir, am anderen Ende des Wasser türmen sich die Berge von Fjordland auf und darüber im dunklen Wolkengestöber funkelt ein Regenbogen nach dem nächsten. Es ist wie eine lange, verheissungsvoller und absolut hoffnungsfrohe Abschiedssymphonie, nur für mich. Denn sonst ist ja hier noch niemand unterwegs. Fast niemand. Ich bin glücklich. Einfach nur glücklich, mich im Morgenlicht baden zu können und von den Farbschimmern am Himmel beschenkt zu werden. 

 

Ich tauche in den Buchenwald ein. Ganz ohne glatte aufgeräumte Waldböden. Voller Unterholz, fremder Pflanzen und Gewirr. Eine malerische Vielfalt, Mosse, Flechten, Borkengrün. Meine Augen liebkosen jeden neuen Blickwinkel und immer wieder hole ich die Kamera heraus und fotografiere ohne auch nur den Hauch einer Chance zu haben, das Gesehene lebensecht wiederzugeben. Die Magie dieses Ortes lässt sich so nicht teilen. Nur ahnungsweise antupfen. Ohne das Fühlen bleiben die Bilder nur ein klitzekleiner Hauch uralter Würde. 

 

Die Wurzeln wirbeln gekonnt um Steine und versinken ein paar Meter weiter im blauen Wasser des See's. Der erste Strand lässt mich abbiegen und Pause machen. Te Anau grüsst vom anderen Ufer herüber. Zum Anfassen nah und gleichzeitig aus einer vollkommen anderen Realität entwischt. Vertraute Fremdheit. Der zweite Strand. Hier wird aus der bisherigen Stille geräuschvolles Gewusel. Mit mir sind andere Menschen gewandert, ja, aber sie haben mich nicht gestört. Ich habe sie erwartet und mich innerlich gewappnet. Nur bei dieser Gruppe, die wie eine soldatische Einheit dahermarschierte ist die Unerschütterlichkeit ein wenig ins Wanken gekommen. Aber hier am Strand hätte ich so gern gebadet. Nur nicht mit zwanzig anderen Leuten gleichzeitig. Brod Bay ist sowohl ein Campingplatz als auch der Ort, an dem sich fußfaule Kepler-Track-Wanderer mit einem Boot von Te Anau herüberbringen lassen können um den ersten Teil der Route einzusparen. Er ist damit auch Ausgangspunkt für Tageswanderer. Und davon sind jede Menge hier. Alle Welt ist aufgewacht. Leider. 

 

Vor lauter Menschen vergesse ich glatt, meine Wasserflaschen zu füllen und steuere schnurstracks den Berg an. Hier beginnt der Aufstieg zur Luxmore Hut, die auf 1.085 Metern liegt, über der Baumgrenze und ungefähr 800 Metern über meinen derzeitigen Aufenthaltsort.

 

Als ich merke, das ich eigentlich viel mehr Wasser bräuchte, ist es zum Umkehren zu spät und jedem Rinnsaal am Wegesrand fehlt die nötige Fließgeschwindigkeit, die mich davon überzeugen könnte, das das Wasser gut und trinkbar ist. Erst gut zwei Stunden später komme ich an diese wunderschönen Kalksteinformationen, an die ich mich noch gut erinnere. Dort fließt das Wasser munter und glasklar von den Steinen und Durst ist kein Thema mehr für mich. Die Pause hier tut gut, auch wenn der Aufstieg selbst viel moderater war, als ich befürchten konnte. Dafür entscheidet sich der Himmel langsam aber sicher für ein Regenprogramm. 

 

Im Wald selbst ist davon kaum etwas zu spüren. Aber sobald ich die Baumgrenze erreiche und mein Blick eigentlich weit ins Land schweifen könnte, ist der Dauerregen da. Stark genug, um mich in knapp 45 Minuten bis zur Hütte ordentlich aufzuweichen. Noch mache ich mir Sorgen um nasse Schuhe.

 

Und die Sorge ist im Augenblick auch begründet, denn die Hütte verspricht keinerlei Trockenmöglichkeit. Sie ist so ungastlich wie nur möglich. Als erstes erwartet mich ein großes Schild, in dem deutlich vermittelt wird, das ein Betreten mit Schuhen absolut unerwünscht ist. Soweit so gut. Aber der winzige Vorraum steht schon voller nasser Fußbekleidungen und die Wände sind gespickt mit triefenden Regensachen. Der Boden schwappt munter feucht vor sich hin. Also ignoriere ich das Schild so gut es geht und stelle wenigstens meinen Rucksack in den wärmeren und trockenen Küchenraum, aus dem mich das ohrenbetäubende Stimmengewirr von ca. 50 Menschen fast umwirft. Irgendwie schaffe ich es meine Sandalen aus den Tiefen des Rucksacks zu fischen und die Schuhe auszuziehen ohne vollkommen nasse Socken zu bekommen. Und dann gehe ich zu den Schlafräumen, einen Stock höher. 

 

Es reicht die Tür zum Vorraum zu öffnen, um von einer Wolke eisiger Kälte eingehüllt zu werden. Am Polarkreis kann es kaum wärmer sein. Meine winzige Hoffnung, das der Schlafraum selbst doch etwas anheimelnder sein könnte, stirbt sofort, als ich die Tür dorthin öffne. Es ist genauso kalt wie draußen. Das erklärt den Lärm im Küchenraum. Jeder ist dorthin geflohen, weil es die einzige Möglichkeit auf eine einigermaßen menschliche Temperatur darstellt. Ich war noch nie so schnell mit dem Auspacken meines Rucksacks fertig, wie jetzt. Neben zehn anderen Leuten und unter zehn weiteren werde ich heute Nacht schlafen. Die Betten sind quasi zwei große hölzerne Doppelstockplattformen ohne jede Abgrenzung zwischen den Schläfern. Sowas könnte man auch kuschlig nennen. Auf jeden Fall wird es den Raum wärmen, die ohnehin schon vom Regen und der Feuchtigkeit beschlagenen Scheiben weiter vernebeln und mit viel Glück ein Schnarchernachtkonzert garantieren. 

 

Hier bleibt vorerst nichts mehr zu tun. Ich bin in trockene Kleider geschlüpft, suche einen Plätzchen zum Trocknen für die, die eben noch auf meiner Haut lagen und gehe in den Küchenraum. Es ist eine echte Stahlnervenprobe. Meine Ohren müssen auf absoluten Durchzug geschaltet werden, um hier drin auch nur irgendwie bestehen zu können. Solchen Lärm habe ich noch nie auf einer Wanderung gehört. Jeder redet lauter als der Nachbar, um noch verstanden zu werden. Das Ergebnis ist zum Taubwerden. Trotzdem, das heiße Wasser ist eine Labsaal und die Ingwerkekse ein Gedicht. Ich habe mir auf den unbequemen Holzbänken sogar einen Rückenlehne in Form einer Wand verschaffen können und spähe immer wieder nach draußen. Die Wolkenlücken geben den Blick frei auf das Panorama, das ich noch so gut im Kopf habe. Dort unten winkt der Te Anau See zu mir hoch, die Berge um mich herum zählen ca. 1500 Meter und ich bin glücklich. Es ist einfach schön, die Welt, dort draußen. Aber warum das außer mir niemand sieht, bleibt mir, wie immer, rätselhaft. 

 

Nach ungefähr einer Stunde bricht die Sonne durch. Es ist wie ein Wunder. Ein riesiger Regenbogen überspannt den gesamten See unter mir und verbindet die Berge mit seiner Brücke. Wieder einer dieser herrlichen Himmelsgrüsse. Zeit, nach draußen zu gehen. In Nullkommanichts wird es heiß. In der Sonne sitzend kann ich der Reihe nach alles trocknen, was nass geworden ist und muss gleichzeitig aufpassen, nicht verbrannt zu werden. Es ist soooo schön. Endlich Stille. Fast alle sind von drinnen nach draußen umgezogen und erkunden die Umgebung. Niemand vermag einfach nur stillzusitzen. Nein, es muss etwas geschehen. Es muss etwas Neues daherkommen, sonst würde es wohl unendlich langweilig werden. Für mich reicht der blaue Himmel, die Wolkenschafe, das warme Gold des Tussock-Grases und die Weite des Horizonts. In mir ist purer Frieden und Glückseeligkeit. Der Wind rauscht durch meine Haare, mit ist wohlig warm und kein menschlicher Laut erreicht mein Ohr. Himmel!

 

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