Luxmore Hut zur Iris Burn Hut

14,6 Kilometer

588 Meter Abstieg

 

Strömender Regen prasselt an diesem Morgen gegen die Scheiben. Der Himmel ist gleichmäßig grau und vor lauter nebligen Schwaden ist von den Bergen nur eine Ahnung sachter Schemen auszumachen. Ich weiß, da ist etwas, ich weiß es genau, aber, meine Augen können nichts entdecken. So wie die Meisten um mich herum, dehne ich das Frühstück übermäßig aus in der Hoffnung auf einen etwas zuversichtlicheren Wetterbericht, den uns der Ranger bringt. Aber es wird nur schlimmer. Der Weg führt heute fast den gesamten Tag über eine Höhe von circa 1300 bis 1400 Metern. Die Schneefallgrenze ist von 3000 auf 1300 Meter abgestürzt. Ich werde also den lang verschmähten Winter erleben. Heute und hier. Daneben noch ein bisschen Hagel und Sturmböen. Na, wunderbar. 

 

Ob es da wirklich hilft, das ich jetzt in gestern noch sonnengetrocknete Kleider steigen kann, wage ich kaum zu beurteilen. Noch fühlt sich alles sehr solide an. Ich habe so ziemlich alles am Körper, was sich entbehren lässt. Vier Lagen kleider. Schön übereinander gestapelt auf der Haut. Sehr, sehr gemütlich und beim ersten Anstieg komme ich auch prompt ins Schwitzen und überlege, wie ich mich der vielen Lagen wieder entledigen könnte. Aber der erste Windstoß an der nächsten Ecke bringt den Gedanken schnell zum erfrieren. Ich werde jede Schicht brauchen, garantiert und hundertprozentig!

 

Ich bin noch nie so meditativ gelaufen, wie jetzt. Jeder Schritt ist ein kleiner Sieg und mein Blick schweift immer wieder jenseits der Regenjackenkapuze in das weite Land. Denn mit den stürmischen Böen kommt auch Klarheit in das Bild und die Wolken werden immer mal wieder malerisch zur Seite geblasen. Ich erlebe eine Stille und eine Unmittelbarkeit der Elemente, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Und eine Schönheit, von der ich keine Ahnung hatte. Bis jetzt kannte ich diesen Ort nur im strahlenden Sonnenschein, aber ich habe fast keine Erinnerung daran. Diesmal brennt sich jeder Meter in mein Zellen ein. Die Schuhe werden nasser und nasser, es wird kälter. Der erste Schnee taucht auf und kitzelt meine Nasenspitze. Langsam haben mich alle überholt. Ich bin die Letzte an diesem Tag und ich geniesse das Allein-Sein mit mir und der Natur in vollen Zügen. Angst? Nein, keine Spur davon. Es ist Ehrfurcht. Einfach nur Ehrfurcht in mir und pures Sein. 

 

Es bleibt wohlig warm in mir, die Kleider sind ein Segen, nur meine Hände werden in den Sturmböen bedenklich kühl. An Pausen ist draußen nicht zu denken, jedes Stillstehen kühlt mich sofort unberechenbar aus. Ich bin unendlich wachsam, alles Sinne weit offen und nehme jede Veränderung an mir und meiner Umgebung mit mehr Zellen wahr, als je aktiv waren. Es ist überlebenswichtig hier oben. War ich jemals zuvor so sehr im Jetzt? Nein.

 

Und als dann dieser Grat kommt, auf dem Leute schon auf allen Vieren entlanggekrochen sind, um nicht vom Sturm in die viele Hundert Meter tiefen Abgründe zu beiden Seiten geblasen zu werden, stapfe ich mitten durch den tiefsten Winter. Strahlendes Weiß um mich herum. Die Bergspitzen sind allesamt klar sichtbar und mit Zuckerhüten eingepackt. Der Wind erstirbt. Absolute Stille. So absolut, das selbst die Schneeflocken hörbar werden beim Aufsetzen auf meinen Kleidern. Ich laufe auf einem Grat von circa 2 Metern Breite über den Abgründen. Nein, es ist kein Laufen. Es ist ein Schweben. Ich bin nicht mehr in dieser Welt, ich bin in einer Ewigkeit purer Schönheit und absoluter Majestät und Brillianz der Natur. Die Berge funkeln und strahlen für mich, jeder Stein prägt sich tief in meinem Gedächtnis ein. Jeder Vorsprung grüsst mich und lässt meine Seele Freudensprünge machen. Am liebsten würde ich in die Knie gehen und dieses Bild niemals, niemals, niemals wieder verlassen. Ein Traum, ein Traum aus Vollkommenheit umgibt mich. 

 

Die Stille wird tiefer, immer tiefer. Jeder Schritt pure Bewußtheit. Jeder Atemzug tief und unendlich. Jeder Augenblick - für immer. Auch jetzt ist sofort das ganze Panorama in mir wach. Auch jetzt beim Schreiben bin ich dort. Alles im gleichen Moment. Alles im Jetzt. 

 

Trotz der klammen Finger bei den beiden kurzen circa 10-minütigen Pausen, würde ich die Höhe am liebsten nicht mehr verlassen. Der Abstieg ist eine Mischung aus absolutem Wagemut, Verrücktheit und Gottesglauben. Ich weiß nicht, wie die Kiwi's hier mit so einem Vertrauen Touristen herüberschicken können. Die meisten Wanderer kommen aus aller Herren Länder und einige davon, die mir heute auf dem Weg entgegenkamen, waren alles andere als ausgerüstet für diesen Tag.

 

Jetzt, nach der letzten Schutzhütte über der Baumgrenze hangeln sich Treppenstufen kunstgerecht über einen schmalen Grat gebaut in die Tiefe. Ein Geländer gibt es, nur eines. Und der Wind frischt wieder auf. Jeder Schritt braucht alles Achtsamkeit. Ein Ausrutschen und ich wäre im besten Fall um eine Verstauchung reicher. Im schlimmsten würde das alles keine Rolle mehr spielen. Die Stufen sind rutschig von der Nässe und der Kälte. Aber es wird einfacher, je tiefer ich komme.

 

In meinen Schuhen schwappt mittlerweile das Wasser. Das Wetter hält keine Ausrüstung dicht, aber nichts von der Nässe kann mein Hochgefühl auch nur im geringsten schmälern. Meine Seele tanzt im Himmel. Das Bergpanorama ist in mir lebt und atmet und auch wenn ich jetzt voller Konzentration nach unten steige, ein Teil von mir bleibt hier oben. Ein letzter Blick zurück. Hinüber zu den dunklen Wolken und dem auffrischendem Regen. Ein letzter Blick zur Hütte und zum Himmel, dann tauche ich wieder ein in die Baumwelt. 

 

Eine Welt voller Mystik. Eine Welt der Trolle, Elfen und Gnome. Jeder Baum trägt Vollbart, alles ist in dieses wunderbare Gespinst von Farnen, Moosen und Flechten gehüllt, wie in ein glitzerndes Abendkleid. Der Weg hat sich in einen Bach verwandelt. Es geht weiter steil nach unten und jeder Schritt braucht weiter meine ganze Präsenz. Ein paarmal kreuzen donnernde Wasserfälle meinen Weg. Überflutete Steintritte weisen den Weg auf die andere Seite. Auch hier reicht ein Abrutschen, um vom Wasser mitgerissen zu werden. Ich könnte es gefährlich finden, aber ich bin nur pure Aufmerksamkeit. Volle Konzentration. Und ungeteilte Achtsamkeit. 

 

Wasserwelt. Wasserwelt. Ich liebe dieses Wasser um mich herum. Ich liebe das Leben und die Bewegung. Alles fließt, alles rauscht, alles folgt der Schwerkraft und alles sprüht vor Energie. Stunde um Stunde laufe ich durch diese grüne, herrliche Zauberwelt. Hinunter in das Tal. Hinunter zur Iris Burn Hut. Und als ich unten ankommen, strahlen meine Augen den Ranger an, der mich aufmerksam schauend fragt, wie es mir geht. "Großartig, absolut großartig. Das war der beste Tag meines Lebens." Und ich meine jedes Wort genau so. Auf seinem Gesicht erscheint ein Lächeln. Verstehen. Wissen. 

 

Ja, ich habe jeden Meter genossen. Die nassen Sachen spielen überhaupt keine Rolle. Alle meine Sorgen über das Trocknen, die gestern noch so präsent waren, sind im Nichts verschwunden. Sie haben vor der Unendlichkeit und Schönheit ihren Abschied genommen. Nur ich und mein Fühlen sind wichtig. Es ist vollkommen egal, was im Außen geschieht. Ich bin im Himmel. Und nichts und niemand wird mich aus diesem Himmel jemals wieder herausholen können. 

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